SWAN VALLEY HEIGHTS, SPACE RAPTOR, HAMMADA
D-Dresden, Club 11 - 9. Februar 2018
Vor der heutigen Psych- und Stoner-Nacht heulten die Sirenen für mich gleich mehrfach. Zum einen hatte der gastgebende „Club 11“ einen Besuch unter der Woche empfohlen, der sei „gemütlicher“. Heute war aber Freitag, Wochenende, Trinkerzeit, und die Studentenbar bei freiem Eintritt auch für Laufkunden offen. Zum anderen lag ich mit einer Grippe flach. Dick vermummt, zwei Unterhosen, im Kopf Feuer, der Rest Schüttelfrost, konnte kein Konzertgefühl aufkommen. Dazu hielt die Kälte unvermindert an. Aber Stoner Rock in Dresden... Scharf die Luft einziehen und durch! Pünktlich zur ersten Minute der Vorgruppe schlug ich zusammen mit Frl. Peanut im Wohnheim Hochschulstraße 48 auf (ein Siebzehnstöcker, eins der wenigen Hochhäuser der Stadt). Als Konzertraum diente die zur Bar umgestaltete Eingangshalle: ein Raum von elf mal vier Meter. Jener war mit Schwarzweißfotografien aus dem Elbtal und der Sächsischen Schweiz ästhetisch hergerichtet und mit gediegenen Ledergarnituren und einer unendlichen Cocktailbar nicht minder schick eingerichtet - jedoch mit Studis, Mädeln mit Schlafzimmerblick und einigen Metalheads auch rammelvoll. Und es kamen immer mehr rein... Aus anfangs fünfzig wurden hundert. Aber alle waren supernett zu uns. Sicht auf die mit einer Batterie aus Bodengeräten und Verzerrerpedalen abgegrenzten „Bühne“ genoß indes nur die Frontreihe. Für den Rest war es wie ein Blindflug durch eine Schwitzhütte oder Durchhalten in der Druckkammer eines U-Boots. Rasch war der Weg zum Tresen versperrt. Alle, die es schafften, wurden neben einem unfaßbaren Sortiment an Hochprozentigem auch mit Nullvierer Feldi, Staro oder Schwarzbier vom Faß für 1,80 Euro erquickt!
Eröffnet wurde die Nacht mit treibendem Stoner Rock. Im mittelsächsischen Städtchen Freiberg ist man diesbezüglich klasse aufgestellt. Schon das Beam Orchestra bewies das unlängst. Getaucht in einen Dunst aus Menschenleibern legten HAMMADA einen geschmeidig schönen Aufgalopp hin. Hammada? Klang verfänglich, bedeutete aber übersetzt nichts anderes als Steinwüste. Hammada waren eine Liebeserklärung an Kyuss zu deren 'Blues For The Red Sun'-Phase. Pervers süß, gnadenlos gut, aber natürlich ohne den Zauber des Originals. Das lag nicht nur am Aprikosenlikör, sondern vor allem an den distinguierten wie selbstgefälligen Monologen mit der Meute. Nicht nur, weil sie nur die engsten Eingeweihten verstanden, sondern weil man hörte, daß die nicht echt klangen. Besonders der langhaarige Trommler bediente jedes Klischee einer coolen Socke. Zwischen den Stimmungskillern gab es allerdings mit größtem Vergnügen gespielten, von hypnotisch hupenden Fuzzgitarren und einem Kojotenorgan getragenen Stoner Rock galore. Etwas überraschend fügte sich der 93er Tanztempelschlager „No Limit“ ganz wunderbar in die mal wuschigen, mal eruptiven Klanglandschaften ein. Heute gab es keine Grenze, auch nicht für die Besucherzahl...
Ein auf dem Bassverstärker postierter Fuchs (!), der SPACE RAPTOR, Räuber aus dem All, - vielleicht auch Wüstenfuchs, zwink, zwink - gehörte als blinder Passagier auch dazu. Wie er hierher transformiert wurde, blieb im Dunkeln. Jedenfalls gehörte der ausgestopfte rote Räuber dazu, und er stand den ganzen Abend auf diesem Verstärker. Ab halb elf durften wir uns alle zusammen über ein wortloses Dreiviertelstündlein Psychedelic Rock freuen. Die ebenfalls in Lässigkluft angetretenen Raptoren gaben sich überhaupt keine Blöße, bewiesen, daß Grips und Gefühl doch zusammengehen können, setzten in Sachen Schwere und Wuchtigkeit sogar noch einen drauf - und ließen der Meute damit auch keine Chance zum Durchatmen. Ihr rein instrumentaler Mix aus Karma To Burn und My Sleeping Karma (von denen der Gitarrist ein Shirt trug), war eigentlich cooler noch als das Palaver aus Freiberg. Ein Bollwerk aus deepen, dunklen, knackigen Apparillos und viele frische Ideen rommelte nun aus den orangen Lautsprecherboxen. Mit ihrem Wechsel von Spacig bis Heavy, Versonnen bis Verklärt, friedvollem Buddha-Metal bis hirnverbiegenden Improvisationen knietief in den Siebzigern, blieben die vier Endzwanziger aus Kamenz und Dresden keinen Millimeter hinter ihren großen Brüdern im Geiste zurück. Die ganze Menge klatschte, Langhaarige wippten ihren Schädel, der Rest trug ein feuchtes Lächeln im Gesicht. Widerstand zwecklos.
Die Nacht hatte mit Stoner Rock und einem Fuchs begonnen, sie ging weiter mit Stoner Rock und einem Fuchs, und sie endete mit Stoner Rock und einem... Fuchs-du-hast-den-Schwan-gestohlen: Im Angesicht des roten Räubers lieferten die Weißgefiederten der SWAN VALLEY HEIGHTS eine halbe Stunde vor Mitternacht den Schwanengesang. Aber da glich der Club 11 schon lange einer Ölsardinenbüchse. Am Ende hätte man die Leiber auch übereinanderstapeln können. Während einer der drei aus Freak Valley München in Richtung Bühne drängte, quetschten sich Frl. P. und ich zum Ausgang.
 
Draußen wartete ein Temperatursturz um gefühlte vierzig Grad und eine tierische Verblüffung: Auf wundersame Weise hatte sich eine hier niemals verkehrende Verstärker-Straßenbahn der Linie 9 in die Gleise der Dresdner Südvorstadt verirrt. Dank dieser glücklichen Fügung „E9“ fielen wir zur Geisterstunde ohne Umzusteigen und ohne weitere Verschlimmerung des eigenen Zustandes von der Klubtür in unsere Bude in Pieschen. Aber was hätte das für eine Nacht werden können......
 
 
Text und Bilder: Heiliger Vitus, 22. Februar 2018
:: ABSPIELLISTEN ::.
 
HAMMADA
(21.10-21.57)
1. Mana
2. Faszinosum
3. Sfaira
4. No Limit [2 Unlimited]
5. Monument
6. unbekannt
 
SPACE RAPTOR
(22.31-23.16)
Monaco Franz
Rest unbekannt