DUTCH DOOM DAYS XIV
 
SORCERER, DEATH PENALTY, KING HEAVY, IRON VOID, BATHSHEBA, NO GODS NO MASTERS
NL-Rotterdam, Baroeg - 1. November 2015
Sonntag, 1. November (2. Tag)
 
Ein Problem in der Taxizentrale und die Weiterleitung an eine anderes Unternehmen brachte uns erst in Zeitnot, und dann in eine peinliche Situation. Denn der Kutscher konnte sich nach einem Jahr noch sehr genau an Frau P. und mich erinnern. Wir seien die Einzigen, die im Taxi zum Baroeg fahren... Leider kamen wir zehn Minuten zu spät dort an. Obwohl drin bereits gedoomt wurde, zog es die ersten Besucher schon wieder hinaus... zu einem Tanz unter der strahlenden Sonne...
Doch das Baroeg hing voller dunkler Töne und dräuender Gitarren, und barst unter zornigem Geschrei und überfallartigen Hochgeschwindigkeitsattacken. Vor der tristen Kulisse von nicht mal zwanzig Leuten lieferten NO GODS NO MASTERS unter Aufbietung all iher Körperlichkeit eine herbe Mixtur aus brutalen Crowbar, neurotischen Iron Monkey, und endkranken Eyehategod. Kurzum: Sludgecore, der sich gewaschen hatte. Damit war das Rudel aus der Region Twente im Grenzland zu Deutschland - allesamt ziemlich lebensnahe Figuren - für mich die Überraschung des gesamten Festivals und die ersten, die mich zum Headbangen hinrissen. Welch ein Einstand in den zweiten Tag! Dank u wel, No Masters No Gods!
Sex sells? Der Versuch von BATHSHEBA, Jex Thoth zu wiederholen, scheiterte jämmerlich. In Person von Mademoiselle Nocon hatten die Belgier eine Frau am Mikroständer, die in ihrem früheren Leben mit den drei heftigen Lords von Serpentcult unterwegs war, und die für Eingeweihte auch den Spitznamen »Santa Claus« trägt... Im Laufe der Jahre schien ebenjene einen ausgeprägten Narzissmus entwickelt zu haben, und zeigte sich heute in knappem Kleidchen, purpurnen Nylons und roten Stöckeln. Aber headbangen konnte sie immer noch. Selbst auf hohen Pfennigabsätzen. Das nennt man wohl Performanz! Nur in die Puschen kam sie nicht... Würde der Himmel die Augen schließen, und nur die sinnlich schmeichelnde Stimme hören, könnte er glatt an Jex denken. Aber sie war es nicht. Beim letzten Lied zu 'The Sleepless Gods' ging Frau Nocon plötzlich raus. Im Abspann lief eine Art Schamanengesang vom Band.
IRON VOID wurden gleich bei ihrer Ankunft im Baroeg kalt erwischt. Da deren Trommler verschollen war, mußten sie mit King Heavy die Position tauschen, und von einer Minute auf die andere raus aufs Geviert. Dazu kam, daß die Engländer im Festlandeuropa Nobodies sind. Den Großen hätte man dies nicht angetan. Ebensowenig hätte der Veranstalter den Auftritt mit einer Durchsage zum Hauptakt unterbrochen... Doch Sealey, Wilson und Parker doomten alles an die Wand. Mit ihrem handgemachten, obsoleten Doom Metal, mit ihrer starken inneren Leidenschaft und der anbetungswürdigen kauzigen Ausstrahlung, definierten sie den Doom ein weiteres Mal neu, und rückten die verblichenen Helden mit deren schlichten Waffen ins fast unwirkliche, gleiche Licht. Aber nicht jeder verstand das im Baroeg... Daß die Teile jüngeren Datums noch nicht ganz die Magie der alten besaßen, störte nicht weiter. In unauslöschlicher Erinnerung bleiben Iron Voids unwiderstehliche Hymnen, allen voran »Spell of Ruin«, »Those Who Went Before«, »The Mad Monk« und »Upon The Mountain«. Wer hier nicht bedingungslose headbangte, war kein Doomer - oder schon tot! Mit »Suicide Sorcerer« beschloß eine ungeplante Zugabe diese phantastische Stunde. Damit doomten die Verkannten fünfzehn Minuten länger, als es der Marschplan erlaubte. Iron Void waren von vornherein meine Helden gewesen, sie trugen das Herz am rechten Fleck, spielten umwerfend, und waren die moralischen Gewinner. Aber sobald sie uns als Germanen wahrnahmen, wurden sie ein bißchen angespannt... Im Gegenzug hätte uns beim Hinausgehen auch ein Molosser fressen können...
Die Exoten stammten pro forma wieder mal aus dem Andenland Chile. Vermutlich leben KING HEAVY aber wie die Landsmänner Procession längst in Europa. Und sie traten auch nicht in die Spuren von Poema Arcanvs. King Heavy spielten auch keinen angedoomten Heavy Metal, sondern gaben der Schwermetallmusik einen etwas okkulteren, dramatischeren Anstrich. Dazu hing mit Luther Veldmark der schlohweiße Belgier von Hooded Priest am Mikro. Jener bestach mit beschwörenden Gesten und Worten. Es war ein wenig so wie beim Zauberer mit seinen Lehrlingen. Wobei der Bassist aufgrund seines gesunden Appetits und einer entsprechenden Körperfülle nur mit Not die drei Stufen hinauf auf die Planken schaffte, und der Gitarrero aus Schüchternis wohl am liebsten in seine Sechssaitige gekrochen wäre. Die vierzig Zuschauer setzten sich nur aus hartgesottenen Traditionalisten und Musikern zusammen.
Pünktlich zur Tatortzeit in Deutschland (Sonntag, 20.15 Uhr) erlebte Rotterdam die Verwandlung einer geheimnisvollen Femme fatale in ein angesextes Luder. Mademoiselle Michelle hatte ihre Partner getauscht und ging mit den drei Herren von DEATH PENALTY ungleich heftiger zur Sache. Anders gesagt: Der weibliche Teufel schritt vom Regen in die Traufe. Statt Stöckeln trug Nocon Denim und Stiefel, über ihren Leib spannte sich eine Bluse der Misfits, und aus den Lautsprechern röhrte ein kruder, verdammt an Motörhead erinnernder Krawall mit kratzbürstigen Vocals. Death Penalty spielten ihr 2014 in einem Arbeitsverhältnis mit der berühmten Plattenfirma Rise Above entstandenes Album in voller Länge nur in anderer Liedfolge. Freude spendeten sie mir aber auch nicht. Während Nocon ihren Seelenstriptease Teil zwei abzog, verlustierte ich mich mit Gräfin P. auf der gegenüberliegenden Straßenseite in der Snackbar von »Inkie«...
»Good news! SORCERER has just landed!« Death Penalty hatten es durchgesagt. Damit übernahm die dienstälteste Formation den Schwanengesang. Ihren ersten Tonträger brachten Sorcerer 1989 raus! Allerdings verschwand man wenig später 18 Jahre in der Versenkung - um sich 2010 neu aufzustellen. Mit Bassist Hagel und Sänger Engberg waren noch zwei von der Urbesetzung dabei; dazu kamen die Gitarristen Niemann und Hallgreen sowie Trommler Iversen. Sorcerer wurden Opfer vom »Mist«, dem Nebel des Grauens. Da ihr Flieger keine Landeerlaubnis für Amsterdam erhielt, mußten die Stockholmer per Fähre ab Kopenhagen anreisen. Alle Achtung, daß sie trotzdem den Weg nach Rotterdam fanden! Leider verpaßten Sorcerer ihren Einsatz um 75 Minuten und inszenierten sich mit überspitzten heldnischen Posierereien in der Art ihrer Landsmänner Candlemass und Veni Domine. Sorcerer spickten ihren epischen Doom mit einem Schlag Kraftmetall. Dominiert wurde alles vom klaren, durchdringenden Liedgesang. Flapsig ausgedrückt waren Sorcerer für Epik-Metaller ganz okay, für alle anderen eher o weh! Zu einem richtig packenden Finale reichte es nicht. Dazu fehlte es an Legendenhauch und der Spieldauer. Nach Beschwerden eines Anwohners mußte um elf Schluß sein (die Orga hielt sich per Funk auf dem Laufenden). Nach vier Liedern und einem Handzeichen von Pim, durfte das Publikum für die letzten sieben Minuten noch zwei Teile bestimmen. Darunter befand sich »The Battle« von der Demo-Kassette ´89. Eine Farce... aber immerhin endete das Festival nicht in einem Desaster.
 
Unsere Fahrt von Lombardijn zurück in die Unterkunft führte durch ein nebelumwabertes Rotterdam. Je näher wir der Maas kamen, desto dicker wurde er, und umso mehr glich die Stadt einer Zwischenwelt.
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
NO GODS NO MASTERS
(14.50-15.33)
1. Lie To Me
2. Ni Dieux Ni Maitre
3. Pain is Useless
4. Drinking With Judas
5. Kill The Cultures of Voyeurs
6. A New Body
7. Lost For Words
8. First You Laugh...
 
BATHSHEBA
(16.00-16.37)
1. The Sleepless Gods
2. Ain Soph (Throne)
3. Conjuration of Fire (Zwans)
4. Demon 13
5. Manifest
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6. Daughter of the Oath
 
IRON VOID
(17.10-18.11)
1. Spell of Ruin
2. Doomsday
3. Lost Faith
4. Those Who Went Before
5. The Mad Monk
6. Drum Solo
7. The Devil´s Daughter
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8. Upon the Mountain
9. Suicide Sorcerer [So Mortal Be]
 
KING HEAVY
(18.48-19.54)
unbekannt
 
DEATH PENALTY
(20.16-21.12)
1. Immortal By Your Hand
2. Howling At The Throne Of Decadence
3. Golden Tides
4. Into The Ivory Frost
5. Seven Flames
6. Eyes Of The Heretic
7. Written By The Insane
8. One That Dwells
9. She Is A Witch
 
SORCERER
(22.27-23.16 / nachfolgend die peplanten Titel)
1. Born With Fear
2. The Dark Tower Of The Sorcerer
3. Lake Of The Lost Souls
4. Northern Seas
5. Sumerian Script
6. The Gates Of Hell
7. The Battle
8. Prayers For A King
******
9. In The Shadow of The Inverted Cross
10. The Sorcerer
Slut!!!!
Epilog
 
Montag, 2. November
 
Als wir um elf im Thon ausbuchten, ahnten wir nicht, daß dieser wiederum sonnenwarme Novembertag - der zugleich unser Kennenlerntag war - zu einem ganz üblen Trip verkommen sollte... Denn nach einem Besuch im Andenkenladen von Feyenoord, einer Stärkung auf der Shopping-Valhalla Lijnbaan, und einigen Hellen in einem Biergarten in Utrecht, stand uns noch der Transfer per Intercity nach Frankfurt bevor... Gleich beim Einstieg wurde ich wegen eines Getränks zurückgewiesen. Es folgten die üblichen Beleidigungen und Beschämungen durch das Ungeziefer des Lebens. In einem engen Waggon konnte der blanke Haß nur mit geballter Macht aufeinanderprallen (und kein Weg dort raus!). Eine Verkettung zufälliger Störungen folgte: Erst zerriß die vorausfahrende Bahn in Duisburg die Oberleitung (deswegen war eine Dreiviertelstunde in auswegloser Starre durchzuhalten). Und da laut Schaffnerin »ein Unglück nicht allein kommt«, mußte unser Zug auf der Umleitung in Oberhausen auch noch einen evakuierten Zug aufnehmen - um dann selbst mit Defekt liegenzubleiben. Nach weiteren Stopps auf der Rheinbrücke in Köln und im Nassauer Land, erreichten wir das Ziel letztlich mit 130 Minuten Verspätung. Nach sechs Stunden allein von Utrecht nach Frankfurt waren wir vom Abfall des Lebens erlöst.
 
Tot ziens in Rotterdoom 2016!
 
Salutionen gehen an
Organisator Pim
Meine Adjutantin Peanut
Remko L.
 
 
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Text und Bilder: ((((((Heiliger Vitus)))))), 9. November 2015