DUTCH DOOM DAYS XV
 
JESS AND THE ANCIENT ONES, SAHG, MYTHOLOGICAL COLD TOWERS, TAIWAZ, JUPITERIAN, POWDER FOR PIGEONS, LOCUS AMOENUS
NL-Rotterdam, Baroeg - 30. Oktober 2016
Sonntag, 30. Oktober (3. Tag)
 
Der dritte und letzte Doomtag in Rotterdam glich einer Kopie des sonnigen, wonnigen Sonnabends. Nur daß der Beginn im Baroeg heute noch mal um eine halbe Stunde früher - auf 13.30 Uhr - festgesetzt war. Immerhin wurde uns durch das Zurückdrehen der Uhren auf Winterzeit eine Stunde Schlaf geschenkt. Unsere Tram 25 zur Paasweide verpaßten wir um Haaresbreite, und da zur Mittagsstunde die Feyenoord-Fans zum 2:2 im »De Kuip« gegen den SC Heerenveen gekarrt wurden, mußten wir zwanzig Minuten auf die nächste warten. Damit waren die ersten Minuten im Baroeg verloren...
... und dabei ging´s wie tags zuvor bei gleißendem Tageslicht drin in der pechschwarzen Konzerthalle so richtig finster zur Sache. Mit ihrer Aufmachung gaben Misaer, Illusion und deren drei getarnte Komplizen einen Vorgeschmack auf Halloween, und zeigten, daß in der Spuknacht nicht nur Horrorclowns und bettelnde Kinder unterwegs sind, sondern auch Werwölfe, Hexen, Untote und andere Fieslinge. LOCUS AMOENUS (deutsch: Angenehmer Ort) präsentierten ihr Albumdebüt 'Sic Erat Scriptum' - als Silberlinge auf 100 Stück limitiert - und darauf befand sich nichts anderes als großartiger Blackened Doom Metal, der durch sein Geflecht aus klirrenden Gitarren, harschem Gekeif, Elfengesang und einer Orgel zusätzliche sphärische Momente erhält. Treu der Weisheit »Der frühe Vogel fängt den Wurm«, ließen Locus Amoenus befürchten, daß gleich die erste Gruppe am Ende des Tages auch die beste sein würde. Es war wie bei einer schwarzmagischen Andacht!
POWDER FOR PIGEONS stammten aus Australien und Deutschland. Das Duo erinnerte an hochenergetische Minimalistengruppen wie Beehoover, Mantar oder jüngst Black Cobra, kam jedoch eine ganze Spur rotziger und schneller daher. Inspiriert von der staubigen Landschaft Westaustraliens vermählten Rhys und Meike harsche Fuzzgitarren, rauhe, zuweilen auch etwas gehetzte männliche Grungevokale, und dumpf bumsende Trommeln. Zwar wurde der Indierock hier nicht neu erfunden, aber die gepulverten Turteltäubchen (=Powder for Pigeons) gaben ein nettes Gespann ab, dessen alternativer Stonerkrach meilenweit durch Australiens Outback klingen mag. Nur bei den Doomtagen war er etwas fehl am Platze...
Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Die Nächsten hatten die Halle von der Seite her betreten und ihre Apparillos - darunter völlig verstaubte, massiv von Hand gemachte Becken - in einem wüsten Wirrwarr vor der Bühne drapiert. Jeder Nichtengeweihte hätte in dem Chaos kapituliert. Und dann standen plötzlich vier Gestalten in Nebel unter schwarzen Kapuzengewändern ähnlich wie ein Ku-Klux-Klan-Kommando vor uns: † V, † A, † R und † G, kurz: JUPITERIAN, geboren anno MMXIII in São Paulo, Brasilien. Punktgenau um 15.45 Uhr begann der Kreuzzug. Und zwar wortlos. Ab sofort gab es richtigen Doom, ein Rollkommando in Zeitlupe aus der Abteilung Death Doom. Ruhige, feste Trossen und Trommeln kreuzten sich mit einigen Knurrlauten und verbanden sich unter geradezu qualvollen Verbiegungen in Richtung Himmel zu einem ganz unheimlichen Ritual zwischen Okkultismus, Alptraum und der Unendlichkeit. Jupiterian waren wie Musik aus der Hölle. Sie fesselten vom ersten bis zum letzten Takt. Im Nachhall ergab sich die einmalige Möglichkeit, den Tonträger 'Aphotic' signieren zu lassen. Der Frontmann hatte seine Komplizen extra dafür zusammengetrommelt. Ihre Kürzel † V, † A, † R und † G formten einen Kreis. Später saßen Peanut und ich noch mit † V und dessen Frau zusammen. Die Sprache blockierte manches, keiner wollte an der Glaubwürdigkeit kratzen. Man wollte noch Prag und Rom sehen. Aber in die grünen Augen eines Jaguars blickt man auch nicht so oft...
Schon ihre Ahnen, die Wikinger, waren etwas grob und gewaltig. Ganz ähnlich zeigten sich nach einundzwanzig Jahren Kälteschlaf die nach dem Kriegsgott der Wikinger benannten Heavymetaller TAIWAZ aus Uppsala und den Wäldern ringsum. Urban Ferm, Robert Johannson, Chrille Österberg (alle von Anbeginn anno 1985 dabei!), sowie Daniel Johannson hatten am Bühnenrand ein Pult mit Textblättern und antichristlich nach unten gedrehtem Schwedenkreuz hingestellt. Schwarze Klamotten und umränderte Augen taten das Übrige für eine heidnische, von heller Stimme geführte Schlacht. Dabei hämmerten die Nordmänner eine Dreiviertelstunde unaufhörlich das immergleiche derb-simple Riff in die Halle, welches einzig bei »Evil Church« eine okkulte Note erfuhr. Dementsprechend roh, trocken und doch kurzweilig geriet der Kreuzzug. Taiwaz waren etwas anstrengend, aber noch ganz in Ordnung. Leider trafen sie in weiten Teilen des Baroeg nicht auf Gegenliebe. Sie verließen den Schauplatz fluchtartig geradezu. Urban verriet mir später, daß Chrille wegen eines harten Drogenproblems nicht gerade der beste Freund der Band war, und direkt nach dem Dutch Doom Day durch Jansson ersetzt wurde. Der Ex-Drummer von Witchcraft verlieh Taiwaz neue, positive Energie... \m/
Doom auf Brasilianisch, der zweite. Erneut aus São Paulo. Nur in der metallischen Version! MYTHOLOGICAL COLD TOWERS lieferten mit ihrer fünften Platte 'Monvmenta Antiqva' eine ganz persönliche Schau: Sie spielten nicht, sie waren einfach sie selber! Samej, Nechron, Shammash und Hamon (alle seit 1994 dabei!) improvisierten Doom Metal wie er ihrer Gefühlslage entsprach. So ergab sich kein hochwertiges, aber mit literweise Herzblut und Leidenschaft gemachtes Stündlein mit vier alten, kauzigen Männern, die mit ihren Bärten wie weiße Einsiedler aus dem brasilianischen Urwald aussahen (und auch etwas Wino, Chandler & Co. erinnerten). Insbesondere dem langmähnigen Vokalisten Samej stand das Lampenfieber schier ins Gesicht geschrieben. So gesellten sich zum spröden Gesang auch einige Stotterer und völlige Aussetzer. Die Brasilianer waren etwas zum Mitleiden. Und sie wurden beim Lied »Vetustus« von Ben de Graaff hinterm Mikrophon verstärkt.
Die norwegische Variante von Witchcraft, Graveyard und Konsorten gab es in der achten Stunde in Gestalt von SAHG. Weil ich zu der Zeit schon einige Becher intus hatte, bleiben mir tiefere Erinnerungen jedoch verwehrt. Diese wären ohnehin nichtig. Sahg versanken nach wenigen Takten und einem technischen Problem nach dem ersten Stück in einem Meer aus abgenudeltem Siebziger-Retrokitsch und aufgesetzten Posierereien. Wobei besonders der Gitarrist mit der Flying V in der Rolle des Rockstars brillierte. Der Narzissmus und die wie rein zufällig mit Blicken bedachten Groupies wirkten nicht nur unendlich peinlich, sondern schon satirisch überspitzt. Aber, Obacht! Wenn es um »Rockstars« und »Groupies« geht, versteht die Holländerin keinen Spaß! Sahg stellten den Durchhaltewillen auf eine ganz harte Probe - und es sollte noch schlimmer werden...
Man wunderte sich, daß nach Sahg mit den Finnen JESS AND THE ANCIENT ONES noch eine Hippiekapelle zum Einsatz kam. Aber Woodstock wurde ja auch mehrmals entdeckt. Als Doom-Anhänger tat man sich mit dem poppigen Blumenkinderrock von Frau Jess keinen Gefallen. Da waren Nettigkeiten wie die letzten frischgezapften Jupiler und ein Resümee und die brüderliche Umarmung mit Pim an der Bar aufregender. So ein schlappes Ende der 15. Staffel hatte sich niemand ersehnt.
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
LOCUS AMOENUS
(13.30-14.10)
1. ...And The Word Was Spoken
2. The Forlorn Elegy
3. Thus Was It Written
4. Sailing Into Loss
 
POWDER FOR PIGEONS
(14.32-15.15)
5 Titel, alle unbekannt
 
JUPITERIAN
(15.45-16.26)
1. Permanent Gray
2. Daylight
3. Proclamation
4. Aphotic
5. Drag Me to My Grave
 
TAIWAZ
(16.55-17.39)
1. Play With the Devil
2. Dark Season
3. Evil Church
4. Northman
5. Dance on Your Grave
6. Fire of Hell
7. I am All
 
MYTHOLOGICAL COLD TOWERS
(18.10-18.57)
1. In the Forgotten and Melancholic
2. Celestial Dimensions into Silence
3. The Vastness of a Desolate Glory
4. Vetustus
5. Lost Path to Ma-Noa
6. Akakor
7. Strange Artifacts
8. A Portal to my Dark Soul
 
SAHG
(19.25-20.15)
1. Black Unicorn
2. Devilspeed
3. Hollow Mountain
4. Repent
5. Firechild
6. Sanctimony
7. Blood of Oceans
8. Pyromancer
 
JESS AND THE ANCIENT ONES
(20.45-22.00)
1. The Equinox Death Trip
2. The Flying Man
3. In Levitating Secret Dreams
4. Horse
5. Crossroad Lightning
6. Castaneda
7. The Lovers
8. Samhain
9. Astral Sabbat
10. Prayer for Death and Fire
11. Unknown
Epilog
 
Bei einem nächtlichen Spaziergang auf der riesigen Erasmusbrücke über die Nieuwe Maas blickten wir auch zurück auf das Festival und den Tag. Gleich die ersten Gruppen waren am Ende des Tages auch immer die besten. Die abschließende Untermalung vom Band wurde erstmals nicht durch Reverend Bizarres »Doom Over The World«, sondern Cathedrals »Cosmic Funeral« eingeleitet. Als die Doomigsten und Faszinierendsten blieben Brasiliens JUPITERIAN in Erinnerung.
 
Montag, 31. Oktober
 
Der Verfasser verbrachte mit seiner Adjutantin auch in diesem Jahr wieder vier Tage in Rotterdam, und wurde diesmal durch drei Nächte körperlich ans Limit gebracht. Nachdem er vom ersten Toten in 35 Jahren Frankfurt-Marathon erfuhr (den er selber zehnmal bestritt), drohte ihm auf der Heimreise beim Umstieg in Utrecht durch eine seelische Zerrüttung das Leben zu entgleiten. Wieder zu Hause in Frankfurt befürchtete er, daß es kein Wiedersehen mit Rotterdam mehr geben kann (vielleicht auch keins mit einem anderen Festival). Der Kopf des Menschen ist oft kein »locus amoenus« sondern ein Ort des Grauens.
 
Salutionen
Pim (Dutch Doom Days)
Alle aufgetretenen Gruppen
Die Crew vom Baroeg
Peanut (Goddess of Doom und meine Retterin)
 
 
>> DUTCH DOOM DAYS XV, TAG 2 <<
 
 

Text und Bilder: ((((((Heiliger Vitus)))))) , 4. November 2016