EYEHATEGOD, VERSUS THE STILLBORN-MINDED
D-Nürnberg, Zentralcafé im K4 - 13. August 2013
((((((o)))))) Als Entschädigung für die ausfallenden Niederfrequenzen im Z-Bau (wird rundüberholt), hatten die Macher von Doom Over Nuernberg diesjahr die Sludge-Koryphäe Eyehategod rekrutiert. Am Tag des Mauerbaus waren die Amis zu Besuch in Deutschland. Aber nicht in Berlin, sondern im Künstlerhaus K4 Nürnberg. Jenes war mir aus den eigenen Fluchttagen 1984 bekannt, als es „Komm“ hieß, und von Hausbesetzern, Punks, Ökos und gelegentlich der Polizei belagert war. Aber, hey, die Zeiten haben sich geändert. Heute gab sich der Vierstöcker am Eingang zur Altstadt picobello und von Schmierereien befreit. Der Konzertraum „Zentralcafé“ im Erdgeschoß faßte 150 Personen, ebenso viele rückten an. Eyehategod waren ausverkauft. Sebastian und Boris hatten alles organisiert und neben Plakaten und Handzetteln auch Eintrittskarten gedruckt: 13 Euro das Stück. Handnumeriert!
 
Peanut und ich hatten Nürnberg am Dienstagabend erreicht, und uns einen Katzensprung vom Konzertort im Ibis einquartiert (EHG nächtigten gleich um die Ecke in einer Absteige bei den Lohndirnen, sie hatten extra Fotos gemacht). 20.45 Uhr begann der Einlaß, 21 Uhr waren wir drin. Außer den Machern, Mike Doomedsouls und Torsten vulgo „seine Bootsyheit oder Bootsy oder auch Stuart West“, fand sich keiner der üblichen Verdächtigen ein. Die Hälfte bestand aus Kuttenträgern, der Rest aus Checkern. Auch die Generation Y, die am Nachmittag noch Plakate für die SPD geklebt hatte, und bei Eyehategod „Methadon, Methadon, Methadon!“ skandierte, war zugegen. Peanut hörte auch italienische Stimmen. Insgesamt war der Laden viel zu voll und viel zu stickig. Die Mischung aus Hasch, Bier, Körperflüssigkeiten und der Hitze des ausklingenden Sommertages erschlug einen schier. Dazu verstellten zwei Säulen den Blick auf die Bühne, und die Lautstärke lag jenseits der Richterskala. Bei Eyehategod war das die Hölle. - Noch bevor es begann, kam es zu einer Unterredung mit den Helden. Nachdem sich erst Mike IX und Bower flüchtig am Devotionalienstand zeigten, gaben sich LaCaze und Mader mehr als lebensecht - als Kumpeltypen geradezu - und quatschten trotz meiner Warnung, wir seien „straight-edge“, lange mit Peanut und mir. Demnach lebten Eyehategod im tieferliegenden und damit schlechtergestellten Teil von New Orleans, nur wenige Blöcke von Saint Vitus´ Chandler entfernt. Hurrikan Katrina hatte alle vereint, und Chandler hütet zuweilen die Tochter von LaCaze. Wer heute indes auf Beutezug nach EHG-Material war, wurde enttäuscht: Die Amis hatten nur zwei Shirtmotive, Baumwolltaschen und Aufkleber, aber mangels Plattenfirma keine Tonträger mit. Drin im Glutofen „Zentralcafe“ grummelte Boris, daß er letzte Nacht von lärmenden Punkern terrorisiert worden sei. Aber Klagen galt nicht, denn der auf die Hand gedrückte Stempel trug die Lettern heul nicht!
VERSUS THE STILLBORN-MINDED durfte ich nach drei Jahren mal wieder auf der Bühne erleben. Die Rotte aus ringsum Nürnberg, die sich heute zu einem ihrer seltenen Auftritte der letzten Zeit zusammenfand, war dieselbe wie 2010. Mit der letzten Studioausgeburt 'The Eternity Itch' hat sich jedoch die Ausrichtung ein bißchen geändert. Man suhlt sich nicht mehr nur im alles zermalmenden Niederfrequenzendoom, sondern hat sich über die Jahre erweitert und zu regelrechten Querdenkern entwickelt. In Aktion waren und sind Versus aber stets von einem ganz besonderen Kaliber. 21.15 Uhr ging´s unter Zeitdruck und monochrom rot ausgeleuchteter Bühne los. Bis auf „Vivamus Ergo Delebimur“ fielen alle Altigkeiten flach. Die „Hidden Pudenda“ machte den Anfang. Der Vokalist gab sich stringenter und charismatischer denn je, der Bassist wirkte heute clean bis in die Haarspitzen, der Rest strahlte etwas eigentümlich Besinnliches, geradezu Artifizielles aus. Versus waren wie gereifte Figuren, die aber immer noch die obszönen Schandtaten von einst im Nacken hatten. Auf die „Versteckten Genitalien“ knallten uns drei Teile jüngeren Datums mit - ohne jemand zu demütigen - fast postrockigen Momenten um die Ohren. Aber verdammt, auch die hatten es in sich. Die Neuen kamen rauh, schroff und abgründig - nur nicht so bassig und bedingungslos doomig wie man´s mal gewohnt war. Manches schweifte in postapokalyptische Welten ab. Und damit waren Versus künstlerisch anspruchsvoller als die Legende aus Amerika. Die dichte Menge machte dem Anhänger das Bangen leider von vornherein zunichte. Vielleicht gerade deswegen wäre wie in einer Allegorie um Haaresbreite einmal der Mikroständer und später der Sänger selbst vom Geviert gestürzt. Versus schlossen nach vierzig gerafften Minuten mit ihrem ältesten und (für mich!) heute bestem Teil: „Wir leben, also werden wir sterben“. Für Breuer, Partheymüller, Satt, Raab und Pürschel war der Support der Idole ein großer Tag, und keiner im Modus David gegen Goliath. Ganz im Gegenteil!
EYEHATEGOD öffneten mir 1990 neben Cathedral und Solitude Aeturnus das Tor zum Doom. Niemand ahnte damals, daß 'In The Name Of Suffering' der Urknall für eine Randgruppe namens Sludge war. Im Unterschied zum damals perfekt ausgefeilten, pfeilschnellen Metal waren Eyehategod verzerrt und roh und langsam und tief. Dazu kam diese Plattenhülle mit dem in geisterhaftes Grün getauchten Holzhaus, und diesen kranken Phantasien im Inneren: geschändetes Fleisch, pervers entstellte Körperteile. Und dann der Name. Eye Hate God. Programm und Religion zugleich! 1994 kam´s in Neu-Isenburg zur ersten Begegnung im Vorprogramm von Obituary und Pitchshifter. Mit Sechssaiter Jim Bower, Trommler Joey LaCaze und Vokalist Michael Williams waren heute immerhin noch drei von damals dabei. Komplettiert wurde die Southern-Nihilism-Gestapo durch Gitarrist Brian Patton sowie Bassist Gary Mader. Mit drei zäh und tief im Schlamm wühlenden Sludgern brach die Lawine los - und flugs lagen alle Junkies, Addikts und Kinder des Doom Eyehategod zu Füßen. Die Instrumente tönten zotig und grobmotorisch. Dazu ätzte die fiese Fistelstimme des Frontsickos kranke Tiraden in den Raum. Sofern nicht als Sänger, brachte Mike IX sie in einem Mix aus Trash, Vulgarität und gesprochenen Passagen unters Volk. „Fuck“, „Shit“, „Bullshit“ das feste Vokabular; Drogen, Zerstörung und Selbstzerstörung das Ein und Alles; und der „White Nigger“ zwar ein Schwergewicht, aber nichts als „Pussydoom“. Es war alles voller Haß und Verachtung. Und bevor Gleichförmigkeit oder gar Absehbarkeit auch nur den Schatten einer Chance hatte, rasten überfallartige Schübe wie „Depress“ durch den Raum. Die fünfte Woche des Feldzugs über Europa zeigte Wirkung. Nachdem sich die Horde zuvor mit Wasser aufrecht hielt, schütteten speziell Bower und der mit Blut im Auge schon vor der Schau am Rande des Wahnsinns wandelnde Bassist nun Bier um Bier in den Schlund, über den Kopf oder in die Meute. Aber immerhin funktionierten die grauen Zellen: Die Amis spielten 17 Lieder ohne Liste. Final rappelte neben den wiederkehrenden dicken Brocken noch die Crustattacke „Lack of Almost Everything“ durchs K4, und nach einer Stunde waren Eyehategod durch. Mike Williams schenkte Nürnberg im Geiste von Mielke und der Stasi ein „You were fucking amazing. We love you!“ - bevor die Helden nach kurzer Unterbrechung noch eine etwas unspektakuläre, namenlose Neuigkeit in die zersetzten Reihen doomten. Ein „Bye, bye, see you!“ an die Überlebenden beschloß den Abend.
 
Beim Abzug beehrten wir den von Robin behüteten Stand von Versus, ich ergatterte eine EL34-Verstärkerröhre, und wir redeten noch lange mit Torsten und Seb, der das alles verantwortet hatte. Die Reise nach Nürnberg an sich war jeden verdammten Heller wert. Leider fingen Peanut und ich uns vor Ort einen üblen V i r u s ein, der uns tagelang flachlegte. Auch das Sturmkind von Versus wurde davon erwischt. Für einen sollte Nürnberg zu den letzten Tagen seines Lebens werden. JOEY LACAZE, mit dem wir lange gequatscht hatten, starb zehn Tage nach diesem Abend (zwei Tage nach seinem 42. Sonnenaufgang). Versus The Stillborn-Minded und Eyehategod sind unauslöschlich in unserer Erinnerung!
 
 

Text und Bilder: ((((((Heiliger Vitus)))))), 18. August 2013
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
VERSUS THE STILLBORN-MINDED
(21.15-21.55)
1. Hidden Pudenda
2. Chore & Order
3. Bovine Minds in Motion
4. Shed!
5. Vivamus Ergo Delebimur
 
EYEHATEGOD
(22.30-23.40 / ohne Gewähr)
1. New Orleans Is the New Vietnam
2. Story of the Eye
3. Masters of Legalized Confusion
4. White Nigger
5. Depress
6. Take as Needed for Pain
7. Serving Time in the Middle of Nowhere
8. Medicine Noose
9. $30 Bag
10. Neues/Namenloses
11. Run It Into the Ground
12. Shinobi
13. Revelation/Revolution
14. Dixie Whiskey
15. Lack of Almost Everything
16. Methamphetamine
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17. Neues/Namenloses
R.I.P.
 
„Joseph Monroe LaCaze, New-Orleans-Geborener und Schlagzeuger von EyeHateGod, Mystick Krewe of Clearlight und Outlaw Order, starb am 23. August in New Orleans nach einer sehr erfolgreichen Fünf-Wochen-Tour über England und Europa mit EHG. Er performte auch zeremonielles Voodoo-Drumming und zahlreiche solo-experimentelle Elektroprojekte. Ärzte bescheinigten den Familienmitgliedern als Ursache Atemstillstand. Er litt an schwerem langfristigen Asthma.“
 
 
Mike IX Williams (EyeHateGod), 29. August 2013