GONJASUFI, SUN GLITTERS
D-Frankfurt am Main, Das Bett - 23. Juni 2012
Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Mit der Sonnenwende kam endlich wieder mal ein Konzert zum Fürchten nach Frankfurt. Die Einladung hatte wochenlang an unsrem schwarzen Brett gesteckt. GONJASUFI stand auf dem Flieger. Darunter prangte das Konterfei eines unheimlichen Mannes mit traurigen Augen und Bart. Drei Zitate der Independent-Presse hielten als Steckbrief her: „Eine Musik, die man noch nie gehört hat“, „Die Black Music des neuen Jahrzents“ und „Einer der großen Extremisten unserer Zeit“. Wir waren gespannt... - Eine unglaubliche Ganja-Wolke sprang uns schon beim Ausstieg aus dem Bus vor der Pizzeria gegenüber vom „Bett“ an. Fast stoned davon, trafen wir vorm Klub auf eine Traube schlauer Gesichter. Im Inneren des Betts das gleiche Schauspiel. Trotz des EM-Viertelfinalkicks Spanien gegen Frankreich hatten sich zweihundert Personen eingefunden und aus dem Bett einen Schwitzkasten gemacht. Blitzgescheite Terrorpussies und gripsschwere Spex-Gestalten, visionäre Brillenträger, Eltern mit fetten und faulen Spunden, dazu ein auf Droge umherhibbelnder Elektrofreak und eine Trulla, die bei hundert Dezibel Gonjasufi einschlief. Kurzum: eine langweilige Masse, in der man sich mit einem Bandshirt regelrecht doof vorkam. Wer auf perverse Spielchen stand, bekam immerhin eine als Katze geschminkte Dame zu sehen. Allen Flaschenkindern und Nichtsodomisten wurde erstmals das Modebier „Binding Adler“ offeriert.
Ein unscheinbarer Herr mit lichtem Haarkranz und schwarzer Kleidung stellte sich Schlag zehn mit „Hello everybody, I am SUN GLITTERS“ vor. Damit war der Abend eröffnet. Victor Ferreira schraubte in der Folge friedliche Rhythmen im niedrigen Tempo und geisterhafte Stimmen zu einem digitalen Tanz zwischen dem Dies- und Jenseits zusammen. Alles was er dafür brauchte, war ein elektrisches Kästchen, das von einem blinkenden Lichterschlauch aus der Weihnachtsdeko umschlungen war. Nach dreißig Minuten erfolgte analog zur ersten eine zweite Mitteilung: „Hello, I am Sun Glitters. How are you doing?“ Nach der Reparatur des zentralen Mischpults durch den Chef des Betts höchstselbst - ein Stecker hatte sich gelöst - wummerten Bässe und Beats anschließend mit doppelter Lautstärke durch den Klub. Ein drittes und letztes „Hello! This is my last song!“ samt einem finalen Zehnminüter, beendeten das vollelektrische Vorspiel aus Luxemburg. Nach 45 Minuten ging Ferreira vom Netz. Sun Glitters erinnerten mich sehr an Italiens EBMer Bad Sector, den wir 2006 im Rüsselsheimer Rind erlebten.
Die Schau von GONJASUFI begann mit einer Verwirrung. Es war nicht der Guru selber, der ab 23 Uhr 06 unter Zirpen, Kreuchen und Fleuchen und salbungsvollen Frauenstimmen vom Band als kahlrasierter Berserker übers Geviert tobte. Nein, beim Meister waren die Haare noch dran. Doch jener ließ sich feiern - um mit speckiger Mütze, verfilzten Dreads und schwarz-rot-gelber Armbinde getarnt, zehn Minuten später aufs Podium zu schleichen. Als Sohn eines Äthiopiers und einer Mexikanerin als Sumach Valentine in Kalifornien aufgewachsen, sollte Gonjasufi einen wahnsinnigen Mix aus Lo-Fi, Hip-Hop, Psych und Yoga zelebrieren. Doch die Proben im Cyberkosmos klangen anders. Demnach versprachen Gonjasufi eine Art mystisch-spirituellen Ghost Drone à la Salem. Es gab etliche Kehren und Wendungen und Frankfurt sollte schließlich etwas von Allem bekommen. Wie die Vorhut aus Luxemburg, so rückten auch die Amis ohne großes Brimborium an. Auf der Bühne standen drei schwarz verhangene Pulte voller Tasten und Knöpfe, dahinter zwei Männer aus der weißen Welt (beide mit verruchtem Blick), davor betätigten sich zwei Schwarze an den Mikros. Optisch nicht gerade eine Zierde, bestachen Gonjasufi umso mehr durch die seelentief schöne, seelentief schmutzige Stimme ihres Frontmanns. Sumach war auch nicht der vermeintlich kühle und kluge Revoluzzer, der seinen 'Mu.zz.le' (Maulkorb) betitelten Verdruß über die Welt abfeuerte (dabei die $$ im Sinn). Nein, Gonjasufi kam als ehrlicher und schrecklich kaputter Typ von der Straße daher, der im Habitus an den lebensmüden GG Allin erinnerte und am Ende einer langen Tour gewiß nicht nur unter natürlichen Narkotika stand. „Suck!“, „Fuck!“ und „Cock!“ (manchmal auch zu „Who suck my cock?“ vereint) zählten zum festen Wortschatz, und die Lieder zur Erlösungssuche trugen Namen wie „Ancestors“, „SuzieQ“ und „Skin“. Mitten im Besten - „Nikels and Dimes“ - mußten wir zum Bus.
 
Gonjasufis Mörderbässe wummerten auch nach halb eins noch in die Mittsommernacht. Wir hatten draußen das Gefühl, daß das ganze Bett wackelt. Heute war das erste Mal, daß in der Schmidtstraße Taxis standen - gleich drei.
 
 

Text: Heiliger Vitus, 25. Juni 2012; Bilder: Sufisays und Vitus