HALLOWEEN OF DOOM II
 
TONER LOW, PLANKS, BASTARD KING, UNHOLD, RADARE
D-Darmstadt, Bessunger Knabenschule (Halle) - 30. Oktober 2010
Ohne zu unken: Vorab gefeierte Anläße bringen Unglück! Und Darmstadt war der Zeit einen Tag voraus! Halloween ist stets in der Nacht zum ersten November! Ferner waren drei Fünftel der Angetretenen streng genommen kein Doom, sondern Postrock, Hardcore und Metal. Im Grunde war der Name des diesjährigen „Halloween of Doom“ also ziemlich daneben. Da Peanut und ich aber schon Teil der ersten Runde 2009 waren, wollten wir die junge Tradition nicht gleich im Keime ersticken. Trotzdem sollte der heutige Abend für uns eher zu einem Götzendienst an der Front werden... Am Nachmittag auf Achse gemacht, hatten wir pünktlich um 18.54 Uhr die Haltestelle Weinbergstraße in Bessungen erreicht. Damit waren wir auf die Minute genau 19 Uhr in der Knabenschule, kurz: BKS! Bis um sieben fand man zum Vorzugspreis von acht Euro Einlaß, danach kostete es einen Zehner. Sofern ich´s recht registrierte, waren wir die Zahlenden Nummer eins und zwei... Ferner tummelten sich nur die Macher und Musiker in der hohen Halle. Wight-Sänger Rene schob heute Dienst hinter den Tonreglern, und später erschien auch noch Golden Gorillas Propagandaminister Kong. Eine blonde, in Warning-Bluse steckende Hexe aus Mainz (jetzt Dresden), schenkte mir roten Wein ein. Damit nahm der böse Niedergang seinen Lauf. Die gemeinsame Heimatstadt Dresden und ein früheres Doomkonzert im „Mainusch“ ergaben genug Verbindungen... Ferner wurden zwei vegetarische und vegane Gerichte von höchster Qualität zu vier Euro angeboten. Ich kenne keinen Veranstaltungsraum, in dem alles so liebenswert und herzlich gerichtet wird, wie in der BKS Darmstadt.
Mit halbstündiger Verspätung - so lange hatte man noch auf Gäste gewartet - wurde die Veranstaltung vor zehn Menschen von RADARE aus Wiesbaden begonnen. Daß um Halloween herum allerlei makabrer Schabernack und Scherze getrieben wird, ist ja nichts Neues. So eröffneten Radare das doomige Fest mit einem Dank, daß wir „nicht auf das Konzert in Mainz, sondern nach Darmstadt“ gegangen sind. Der weitere Einfallsreichtum richtete sich dann aber ganz auf die Kunst. Wie in der Vergangenheit machte „Morast“ den Anfang. „Morast“ war erneut grandios! Ferner zelebrierte die junge Rotte aus Wiesbaden ihr wortkarges Endzeitszenario, einen visionären Streifen, der heute ganz besonders von der Zerbrechlichkeit, Subtilität und Feinnervigkeit lebte. Manchmal gellten verzweifelte Stimmen durch die Halle. Fetzen von Sätzen, die wie in einer Art von Befreiung herausgeschrieen waren. Dazu schimmerten vermehrt exotische Töne in diesen diffusen Klangfarben. Man spielte Trompete und mit Rasseln. Dabei plätscherte der Mittelteil leider etwas zu still, fast schon ängstlich dahin. Die Weite der Bühne machte vieles von der Stimmung kaputt - bevor „Asthenic Doubts Revolve“ am Ende versöhnte! Der postrockende Psychotrip der Radare endete nach vierzig Minuten. - - Nach den Radaren und vor jeder weiteren Gruppe wurde die Halle von Proto-Doom erfüllt, und zwar von Pentagrams gleichnamigem Werk aus dem Jahre 1985.
Nach einem halbstündigem Umbau - auch das Hochfahren zweier Klapprechner braucht seine Zeit! - machten sich dann mit angemessener, schwiizer Betulichkeit die Nächsten ans Werk. „Wir sind UNHOLD aus Bern. Danke fürs Rauskommen, und amüsiert euch schön!“ So hörte sich der Mundartsgruß nach Lied Nummer drei an. Unhold waren für die kurzfristig kneifenden PYRAMIDO angerückt. Als Ersatz für den Sludge aus Schweden boten sie eine Art Doomcore. Der Versuch an Einzigartigkeit krankte dabei an der Tatsache, daß alles schon mal da war: Die postapokalyptischen Gitarren lieferten zuvor B.SON; die manisch-verzweifelte Stimme könnte ebenso von Osdou gewesen sein; mit einer verdunkelten Bühne tarnen sich die Mitglieder von Omega Massif; und Rückprojektionen sind fester Bestand jeder zweiten Postrocktruppe. Andererseits waren Unhold die Einzigen, die den Raum durch ihre körperliche Präsenz voll ausnutzten; und sie waren die Einzigen, die annähernd Doom spielten! Derweil Leo Matkovic und Kaspar Kilchenmann vom Rande aus visuelle und elektronische Effekte spendeten, bildeten die mit pompösem Schwarz bekleideten Philipp Thöni, Thomas Tschuor, Reto Kotschar und Dani Fischer sowas wie den inneren Kreis im Bühnenzentrum. Unhold besangen ihre Probleme, ihre Zerissenheit und ihre Auseinandersetzungen mit dieser Welt durch ihre Werke 'Loess' und 'Gold Cut', von denen sie uns einiges nahe brachten. Halb zehn waren die sechs aus der freien Schweiz durch.
Nach Dead Beat im Vorherbst war diesjahr eine weitere Kulttruppe auferstanden. Ein halbes Jahrzehnt zuvor zerschlagen, aber nie wirklich tot, bevölkerte ab zehn Uhr der wiedergeborene BASTARD KING die Planken. Dabei hatte das Bäumchen-wechsle-dich-Spielchen in der Darmstädter Szene heute die Urbesetzung zusammengeführt. Dünner und drahtiger denn je waren die fünf Männer mit den Kampfnamen Matt Bauer, El „Omme“ Pulpo, Lars Vegas, Lari Moosedick und Nouki Ehlers. Und für eine 60köpfige Gefolgschaft, darunter sogar einige langhaarige Bombenleger, waren Bastard King heute klar die Helden. Aber leider wenden sich die Dinge nicht immer zum Besten und sind nicht immer ganz ideal. Wem erzähle ich das? Bastard King brachten nicht den angestonerten Sludge der Vergangenheit, sondern ließen - wie in einer Abmachung mit der Meute - ein letztesmal das Lebensgefühl des Achtziger-Hardcore aufkommen. Schnell, brutal und dreckig wie Antiseen mit 45 Umdrehungen waren sie heute, die Altigkeiten „Murder Robot“, „Savouring the Flavour“, „Bastard King“ und „F.A.I.B.“. Zur kalten Wut und den Kampfposen des Sängers prügelten sich drei Gitarren mit der Dynamik von Brecheisen durch die Botanik, dazu hämmerten im Hintergrund die Knüppel einen schnellen Takt. Phantastisch für die kahlgeschorenen Freunde, schön auch, um einen zu trinken, nur nichts für einen auf der Suche nach DOOM! Der Blitzkrieg der Gastgeber währte 33 Minuten.
Gemäß Plan sollten zwischen 22.15 und 23.00 Uhr die Metal-Noise-Rocker PLANKS zugange sein. Planks hatten wir uns fest vorgenommen, zumindest den Start. So zwang uns indes der letzte Zug heimwärts genau in dem Moment zum Aufbruch, in dem sich die drei jungen Männer aus Mannheim in Stellung brachten. Planks starteten mit einer dreiviertelstündigen Verspätung um 23 Uhr.
 
Der Vollständigkeit wegen seien noch die Hauptfiguren erwähnt. Von 23.15 bis 0.00 Uhr waren TONER LOW vorhergesagt. Die Stonerdoomer aus dem niederländischen Leiden hatten den ganzen Abend über alles andere als leidend - vielmehr treu dem holländischen Naturell „Anything goes“ - sonnig und entspannt ihren Stand im Kassenhäuschen behütet.
 
Schlag 23 Uhr haben wir die Spukhalla verlassen. Es war erneut alles voller Herz und Seele gemacht, aber Katharsis fanden wir diesmal nicht. Sternenhure für immer!
 
 

Text und Bilder ((((((Heiliger Vitus)))))), 6. November 2010
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
RADARE
(19.40-20.20)
1. Morast
2. Licht aus
3. By the Flood
4. Asthenic Doubts Revolve
 
UNHOLD
(20.47-21.30)
1. Hikikomori
2. Sugarbread
3. Time Won´t Tell
4. Zero End
5. Commissioner
6. Big Slice
7. Tossed into the Light
8. Crowded Hearts
9. Dry Rivers and Cold Stars
 
BASTARD KING
(22.00-22.33)
1. Murder Robot
2. F.A.I.B.
3. Torture Me
4. Perfect One
5. Savouring the Flavour
6. Bastard King
7. Dead End
8. Desert Ride
9. Gas, Grass or Ass
10. Lost Cause
 
PLANKS
(23.00-XXX)
Titel unbekannt
 
TONER LOW
(XXX-1.00)
Titel unbekannt
Aus dem Organisationsbüro
Starwhore gab folgendes bekannt:
 
„[...] Wir hatten im Laufe des Abends 130 Zahlende & Bands und Anhang. In der großen Halle kann das natürlich auch ein bißchen täuschen bzw. verteilt sich das Ganze ja auch drinnen und draußen [...]
 
Zum weiteren Verlauf:
Alles hat sich wie´s bei 5 Bands halt ist dann doch ein wenig nach hinten verschoben.
 
TONER LOW waren um kurz vor 1 Uhr fertig und haben nochmal ordentlich einen draufgesetzt sowohl was Bässe als auch was Lautstärke angeht. Zudem noch die Visuals. Wie immer wie eine art Trip.....
 
Der BASTARD KING Auftritt war leider eine einmalige Sache so wie´s ausschaut. Es hat uns zwar allen tierisch Spaß gemacht und es war besser als so mancher Auftritt aus unserer „aktiven“ Zeit aber alle haben zuviel um die Ohren bzw. sind zu weit weg um weiterzumachen. [...]
 
Zur Politik unseres Festivals läßt sich sagen, das im letzten Jahr der Name HALLOWEEN OF DOOM eher aus der Tatsache heraus entstanden ist, daß das Datum zufällig auf den 30.10. fiel und mir das halt dann als Motto einfiel. Deshalb werde ich versuchen auch weiterhin immer den Samstag zu wählen, der am nächsten dran ist (im nächsten Jahr am 29.10.). Es wird auch nicht unser Anspruch sein ein reines Doom-Fest zu veranstalten sondern zu versuchen auch andere Gruppen die artverwandt sind mit einzuladen. [...]“
 
 

Starwhore, 7. November 2010