HAMMER OF DOOM XIII
 
COVEN, BATUSHKA, SORCERER, STILLBORN, PALE DIVINE, HÄLLAS, DAWN OF WINTER, OLD MOTHER HELL, SMOULDER
D-Würzburg, Posthalle - 17. November 2018
Sonnabend, 17. November (2. Tag)
 
Nicht zuletzt um die eigenen Helden frisch und unverbraucht zu erleben, hatten wir auf das Vorspiel in den Mittagsstunden verzichtet. Dies bestand aus SMOULDER (fraugefronteter Epic Doom aus Toronto: in der Verbindung die Garantie zur Rekrutierung für einen „Hammer“), dem Versuch eines Ersatzes für Unorthodox namens OLD MOTHER HELL (Heavy Metal aus Mannheim), sowie DAWN OF WINTER (die Doom-Metaller aus Stuttgart kannten wir). Den Rest wollten wir ausschnittsweise aus sicherer Ferne verfolgen.
Bei unserer Ankunft am späten Nachmittag äußerte unser Freund Micha, außer zwei, drei alten Liedern von DAWN OF WINTER hätten wir nichts verpaßt. Trotzdem hätte ich die Urviecher aus dem Südwesten gern wiedergesehen. So blieb uns rein nichts von Mutz und Konsorten. Kein Blick, keine Begegnung, nichts. Auch der Stand mit ihrem mußtmaßlich neuen Album zeigte sich leergefegt.
Die zweite Hälfte von HÄLLAS war das Erste, was wir heute sahen. Hällas waren eine Hardrock-Kapelle aus Jönköping, die dem glamourös geschwängerten Sound von Kiss hinterherjagte. Nicht nur, weil an der Glockenhose des Bassisten eine Sigrune von ebenjenen glitzerte. Bei Hällas floß der Gesang wie süßer Retrohonig, die Gitarren konnten glatt aus den Siebzigern sein, und über allem hupte eine losgelöste Orgel. Wobei die fünf aus dem Abbaland mit ihren Mähnen, schwarzen Umhängen und kajalumränderten Augen optisch einer Mischung aus Dracula und Turbonegro ähnelten. Doch die Schweden machten ihr Ding so gut, daß sich unser gut erholter Komplize Kishde prompt eine Vinylplatte sicherte.
Siegen, stürzen, aufstehen: Mit diesem Leitgedanken läßt sich die Geschichte von PALE DIVINE umschreiben. 1995 formiert, waren sie neben Penance nicht nur Mitgründer der Pennsylvania-Szene, sondern auch Pioniere im Doom der USA überhaupt. Das Albumdebüt 'Thunder Perfect Mind' aus dem Jahr 2001 schlug ein wie eine Bombe. Aber bald schon machten sich Verwerfungen breit. Pale Divines Auftritt beim Doom-Shall-Rise-Festival anno 2005 wirkte progressiv entrückt. Jahre der Dürre folgten. Immer mehr Sludger, Droner und sonstige Außerirdische hatten den Doom in Besitz genommen - aber dessen Seele nicht töten können. Einige von der alten Garde trotzen der Übernahme und lassen den Doom mit seinen alten Gefühlen atmen. Statt Schreien und Dröhnen vor kalter Kulisse katapultierten uns Divine zurück in die Welt von Saint Vitus, The Obsessed, Trouble und Cathedral. Neben Greg Diener und Darin McCloskey an Sechssaiter, Gesang und Trommeln, stellten sie sich heute mit Ron McGinnis am sechssaitigen Bass und Dana Ortt an der zweiten Gitarre auf. Alle hatten lange Haare (oder wenigstens einen schratigen Bart), sie trugen abgewetzte Klamotten, ein Obsessed-Shirt, und hatten reichlich Doom im Blut. Divine waren nicht nur die Echtesten beim diesjährigen „Hammer“, sie zelebrierten auch den reinrassigsten Doom! Mindestens mit der Magie der Besagten! Dabei beschränkten sich Pale Divine nicht auf Neuigkeiten - sie doomten sich auch durch die Lieder der Vergangenheit, zuvorderst das unter die Haut gehende „(I alone) The Traveller“. Mit der warmen Leitgitarre und der psychedelisch-klaren Singstimme von Greg, der blasenden Bassgitarre von McGinnis, dem wahnsinnigen Gitarrenwizard Ortt (übrigens mit Greg auch bei Beelzefuzz) und den bumsenden Trommeln im Hintergrund, strahlte die „Bleiche Göttlichkeit“ für mich bei der dreizehnten Edition am Hellsten! Schade, daß sich Pale Divine im Gedränge nur mit unterdrückten Gefühlen erleben ließen. Sie waren die Einzigen, von denen ich Devotionalien erstand. Und ich war unsagbar stolz, daß Greg im Anschluß loszog, und mir die Unterschriften vom Rest der Crew besorgte.
Mit ihrer Gründung 1984 waren Hokkanen, Henning, Sandquist und Asp alias STILLBORN die Grand Seigneurs. Aus den Trümmern der Vergangenheit ist mittlerweile eine neue Gruppe auferstanden: Ein von Kari Hokkanen angeführtes Goth-Rock-Kommando, das mit der dunklen Seite paktiert, und mit Hokkanen einen mächtigen Anführer hat, der die Menge mitreißen kann. Harsch, düster, mit grottentiefer Stimme, hochgradig stringender, manchmal auch tarantelartiger Körperlichkeit, setzte der hochaufgeschossene Frontmann dem schwedischen Gothic-Metal-Urgestein ein bildgewaltiges Denkmal. Mit „I, The Stillborn“, „Lorelei“ und „Calvaria 1939“ war der Einstieg identisch mit dem 89er Albumdebüt 'Necrospirituals'. Später folgten noch „Albino Flogged in Black“ und der Fangschuß „Flesh for Iesus“. Damit stellte sich auch das Programm des Vierers aus Göteburg weitgehend aus Teilen vom Damals auf. Stillborn lieferten eine mit Wucht marschierende Dreiviertelstunde, die eine gegen den Strich gebürstete Patina besaß, und die zum Nachdenken anregte. Im Nachhinein habe ich mich geärgert, ein Lied wie „Dresden“ nicht erkannt zu haben!
Ein weiterer Legendentrupp aus Sverige folgte. Nach der Rückkehr aus einem Vierteljahrhundert Kälteschlaf vor acht Jahren auf ebenjener Bühne bei ebenjenem Hammer of Doom hatten Engberg, Niemann, Hallgren, Biggs und Evensand einen Triumphzug gestartet, der bis heute anhielt - und der heute durch einen zusätzlichen Live-Gitarristen und eine stolz geschwenkte schwarze Fahne mit den weißen Majuskeln SORCERER bildgewaltig eingeleitet wurde. In schwarze, lacklederne Kluft gekleidet, standen die Stockholmer für die Abteilung des mit Pomp und Power inszenierten Epic- respektive Wikinger-Metals. Sorcerer durften überdies zur Hauptsendezeit ran. Und die kosteten sie voll aus. Frau Peanut und ich beschlossen derweil die Einnahme des Abendmahls. So entging uns die im Mittelteil kredenzte Düsterhymne „The Sorcerer“.
BATUSHKA (zu Deutsch: Vater) leiteten das visuell berauschende, musikalisch jedoch eher zu vernachlässigende Ende des Fests ein. Die Inszenierung verzögerte sich jedoch um zwanzig Minuten (meines Wissens die erste Abweichung im strikten Zeitplan des HOD überhaupt). Die Akteure hatten sich scheinbar verspätet (zumindest stürmten sie erst Minuten vor der Schau an uns vorbei hinter die Bühne), und dann beanspruchte auch noch der Aufbau der gigantischen Kulisse aus schweren roten Samtvorhängen und Stellwänden, einer Kanzel, diversen Stühlen sowie unzähligen Kerzenständern und sonstigem Sakralbrimboriums seine Zeit. Was folgte, war positiv gesagt eine perfekt inszenierte schwarze Messe für Anhänger von zeitgeistigem Post Black Metal. Abschätzig formuliert: Angebertum, das in imperialer Breite auswalzte, was musikalische Ideen und Fähigkeiten nicht hergaben. Und böse umschrieben: ein simpel gestricktes Plagiat aus Wolves in the Throne Room, Ruins of Beverast und all den stromlinienförmigen Ván-Produktionen (das aber bald den Status von Ghost geniessen wird). Nachdem mir der Frontmann zum Anfang eine Ladung Weihrauchkugeln ins Haar geschwenkt hatte, folgte ein siebzigminütiges Stilleben frei von jedweder Bewegung. Während wir von poliertem Schwarzmetall malträtiert wurden, hielten die acht Geistererscheinungen das Volk auf Distanz: drei Live-Stimmen am linken Bühnenrand, ein Live-Gitarrist und Bassist ganz im Hintergrund, und am rechten Rand Trommler Jatzo. Einzig die raschelnden Kutten des Vokalisten Bart und des Gitarristen Derph zentral an der Front verrieten, das hier Klänge von Menschenhand gemacht wurde. Das Publikum zog in Scharen ab.
Auf das Cinemascope aus Polska folgte eine Okkultgroteske im Kammerspielformat. Als träfen „Tanz der Vampire“ und „Nacht der lebenden Toten“ zusammen, orientierten sich die Amis COVEN am selbst erfundenen Okkultrock und dem Erzählstil sowie der optischen Aufmachung von Hollywood-B-Streifen aus den Sechzigern. Allein mit ihrer unheilschwangeren Inthronisierung aus schaurigem Geheule und Gelächter vom Tonband, exorzistischen Wackelfilmchen in Sepia-Tönen, und der Befreiung ihrer glitzermasketragenden Hexe aus einem vertikal stehenden Sarg, wäre der schwarze Zirkel aus Chicago ein großartiger Kinderschreck. Die wenigen verbliebenen Doomjunkies trugen unterdes ein Runzeln auf der Stirn. Weitere Besucher wandten sich gen Ausgang. Esther „Jinx“ Dawson, Chris Nielsen, Mike Osbourne und Steve Ross spielten dieselben zwölf Lieder in derselben Reihenfolge wie vor fünf Monaten in der Frankfurter Halle „Das Bett“. Dabei wirkte besonders die Frontfrau Jinx deutlich abgenutzt. Andererseits gebührt der reinkranierten Achtundsechzigjährigen die Achtung, in ihrem Alter überhaupt noch so eine würdevolle Show auf die Beine stellen zu können. Das Ende erlebten wir nicht mehr. Auf dem Weg zum Ausgang entwickelten sich Unterhaltungen mit Torsten von Thronehammer (der entgegen seines selbstauferlegten HOD-Verbots am Stand vom „Doom-Dealer“ aushalf), und dem Niederländer Manuel von Bunkur (der als Veröffentlicher von Stillborns neuem Tonträger angereist war). Punkt 23.45 Uhr standen wir unterm beißend kalten Novemberhimmel.
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
SMOULDER
(13.30-14.15)
unbekannt
 
OLD MOTHER HELL
(14.30-15.15)
unbekannt
 
DAWN OF WINTER
(15.30-16.15)
unbekannt
 
HÄLLAS
(16.30-17.15)
unbekannt
 
PALE DIVINE
(17.30-18.15)
1. Curse the Shadows
2. [I Alone) The Traveller
3. Shades of Blue
4. The Conqueror Worm
5. Crimson Tears
6. Cemetery Earth
 
STILLBORN
(18.30-19.15)
1. I, The Stillborn
2. Lorelei
3. Calvaria 1939
4. Dresden
5. Albino Flogged in Black
6. Anathema
7. The Walking Dead
8. Flesh for Iesus
 
SORCERER
(19.35-20.35)
1. Sirens
2. Lake Of The Lost Souls
3. Born With Fear
4. Ship of Doom
5. The Dark Tower of The Sorcerer
6. The Sorcerer
7. The Crowning of the Fire King
8. Exorcise the Demon
 
BATUSHKA
(21.15-22.25)
unbekannt
 
COVEN
(22.50-0.20)
Intro
1. Out of Luck
2. Black Sabbath
3. Coven in Charing Cross
4. White Witch of Rose Hall
5. Wicked Woman
6. The Crematory
7. Choke, Thirst, Die
8. Black Swan
9. Dignitaries of Hell
10. F.U.C.K. (For Unlawful Carnal Knowledge)
11. Epitaph
12. Blood on the Snow
Epilog
 
Sonntag, 18. November
 
Als ich mit meiner Adjutantin Würzburg an jenem Totensonntag bei Sturm und Kälte verließ, waren sämtliche Akteure, Heavymetaller, Kuttenträger und Doomer schon über alle Berge. Ich habe immer wieder über einen Rückzug vom Konzert- und Festivalgeschehen nachgedacht. Nächte wie diese waren ein Zeichen, daß es nach dreißig Jahren endlich genug ist. Auch While Heaven Wept haben das nach dreißig Jahren gemerkt. Dieses Festival hat mich so kaputt gemacht, daß wir unsere vor langer Zeit gebuchte Teilnahme an den „Dutch Doom Days“ streichen mußten. Die Absage fiel doppelt schwer, weil das Ereignis in Rotterdam das Wort DOOM nicht nur im Namen trägt!! Aber wenigstens hatten wir es mit den achtzig Euro für unsere beiden Eintrittskarten unterstützt. Unser Komplize Kishde äußerte: „Das H.O.D. ist eigentlich immer das heftigste Wochenende im Jahr.“
 
 
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Text: Heiliger Vitus, 22. November 2018, Bilder: Vitus (Dawn of Winter: Promo)