HEAVY PSYCH SOUNDS FEST
 
MONOLORD, GIÖBIA, THE SONIC DAWN, ALUNAH, 1782
D-Dresden, Chemiefabrik - 6. Dezember 2019 (Tag 1)
Für Annelies
 
 
In der Nacht zum vierten Dezember ist meine Mutter durch ein dummes Mißgeschick aus diesem Leben verschwunden. Meine Mutter war Dresden, Dresden war meine Mutter. Von einem Tag auf den anderen wirkte die Welt wie erstarrt, wie eine riesige, unwirkliche Kältekammer. Das Erdendasein hatte jeden Sinn verloren. Ein roter Brief, den sie uns uns nach fünfunddreißig Jahren geben wollte, erreichte uns zu spät. Vor meinen Augen lief der Film von einer zauberischen Kindheit und Jugend in einem Holzhaus am Wald im sächsischen Dorf Bannewitz. Eine Zeit wie diese wird es nie wieder geben. Zugleich wüteten Schmerz und Verzweiflung darüber, daß die Heimat beim Mauerfall geradezu selbstmörderisch aufgegeben wurde. Ich hatte jetzt nur noch mein Mädel. Aber wenigstens kann kein Leid, keine Pein meine Mutter mehr berühren. Ich vermisse sie so!
 
Nur zwei Tage später fand in der Chemiefabrik Dresden ein zweitägiges Ritual der italienischen Plattenfirma „Heavy Psych Sounds Records“ statt. Die Karten dafür waren vor langer Zeit gekauft (Zwei-Tages-Kombi-Ticket: 47 Euro). Mein Mädel sagte, wir sollten hingehen, um uns einfach nur abzulenken. Kein Leben, keine Freude, die Erinnerungen an meine Mutter in mir: In diesem Zustand sind wir zum einen Kilometer Luftlinie entfernten Schauplatz im Stadtteil Pieschen gelaufen. Ebenso nah, nur in anderer Himmelsrichtung, lag meine Mutter im Mausoleum. Es war absurd und gruselig. Aber wir sind das „Fest“ mitgegangen. Ich war allerdings nicht existent.

Kurz zum Hintergrund: Heavy Psych Sounds wurde vor zwölf Jahren in Rom gegründet und ist auf obsoleten Gitarrenrock in zeitgeistigem Gewand spezialisiert. Mit achtzig Gruppen ist es eins der führenden Label im Retro-Genre. Seit acht Jahren veranstalten die Italiener Werksschauen mit Titeln wie „Acid Fest“, „Sonic Ritual“ und zuletzt „Heavy Psych Sounds Fest“. Während die ersten nur in Italien stiegen, gab es seither etliche Ausgaben im übrigen Europa und den USA. 2019 kamen HPS erstmals nach Deutschland, und zwar zeitgleich am ersten Dezemberwochenende in die „Chemiefabrik“ Dresden und die Klubs „Zukunft am Ostkreuz“ und „Bi Nuu“ in Berlin - wobei sich die Gruppen ablösten: Die fünf vom Freitag in Dresden traten am Sonnabend in Berlin auf, die sechs aus Berlin kamen am Sonnabend nach Sachsen. Alle präsentierten ihr Neuwerk zumeist in voller Länge. Neben Platten, Textilien und Plakaten lagen auf den Händlertischen Broschüren mit Informationen über die Gruppen, die ersten Gäste erhielten eine CD. Die Pausenbeschallung lag bei Kyuss. Elbsludgebooking als lokaler Organisator zählte an den beiden Tagen insgesamt vierhundert Gäste.
Nicht selten sind die Ersten die Besten. Zumal es heute keine würdevollere Einleitung als ein Glockengeläut geben konnte. Sänger und Sechssaiter Marco Nieddu, Trommler Gabriele Fancellu und ein Geist am Viersaiter, kurz: 1782, verbanden die verhallte Stimme von Electric Wizard mit den weinenden Gitarren von Saint Vitus und wuchtigem Getrommel, und erzeugten so okkulten Doom. Namensgeber für den auf Sardinien beheimateten Dreibund war die Schweizerin Anna Göldi, die 1782 als letzte Frau der Hexerei beschuldigt, gefoltert und getötet wurde. Hexen hat man seit Reverend Bizarre gefühlt in jeder zweiten Gruppe, ob mit Sängerin oder Retrocombo. 1782 waren anders. Betrachtete man die drei näher, fiel auf, daß nichts auffiel. Die Italiener kamen ohne jeden Mummenschanz aus. Da war kein Weihrauch, kein Nebel, kein Kreuz, keine übertriebene Mimik. 1782 ließen ihre Schneckenmusik sprechen. Die strahlte zwar nicht vor Aura, war aber äußerst hingebungsvoll gespielt. Nach dem Auftritt zeigten sie sich am Andenkenstand: Frontmann Nieddu schüchtern, menschenscheu geradezu, sein alter Kumpan Fancellu als - im Wortsinne - kleiner Italiener. Nach 1782 hätten wir heimgehen können (und gar nicht mehr am nächsten Tag erscheinen brauchen)!
Neben Dead Witches waren es vor allem ALUNAH, die zum Kartenerwerb vor langer Zeit anstifteten. Die Engländer hatten vor anderthalb Jahren an selber Stelle einen magischen Auftritt. „White Hoarhound“ war eine der Düsterhymnen des alten Sommers. Doch dann fiel schon beim Betreten des Gevierts auf, daß niemand vom Gründerehepaar Day mehr dabei war. Nach Liedschreiberin und Sängerin Sophie war nun auch Gitarrist David ausgestiegen. Anstelle von David Day headbangte einer von Diamond Head namens Dean Ashton. Hinterm Mikrofon wirkte erneut das gewagt tief dekolletierte Vollweib Siân Greenaway, am Schlagzeug das einzig verbliebene Urmitglied Jake Mason. Mit dem neuen Gitarristen und dem Neuwerk 'Violet Hour' klangen Alunah wie eine andere Gruppe. Traditioneller Doom war Heavy Rock gewichen. Den gab´s schon - nur deutlich besser.
Hurra, die Blumenkinder waren zurück! - und alles staunte (nur einer nicht). Das ließe sich über THE SONIC DAWN erzählen. Die drei Psychedelic-Rocker aus Kopenhagen waren wie aus einer anderen Zeit angezogen, sie spielten versponnen-verjazzte Frickelgitarren, und sie beschworen auch ganz offen den Geist der Vergangenheit - wie in einer Ansage zu „Forever 1969“. Es war also zugegebenermaßen alles schon mal da, aber auch eine Ehrenbezeugung an eine kurze, prägende Ära.
Die in Mailand beheimateten Acid-Rocker GIÖBIA waren für mich der abgefahrenste Trupp mit dem stärksten Verve und Esprit. Ihre Schau glich einem hirnverbiegenden Rausch aus limettengrünen und zitronengelben Strahlenkränzen, wirbelnden Haaren, glockenhellen Vokalen, experimentellen Mantras und lysergsäuregetriebenem Space-Rock. Die Akteure trugen die exotischen Namen Bazu, Saffo, Detrji und Betta und ihre Gruppe war nach einem vorchristlichen Ritual Norditaliens benannt, bei dem eine große Strohpuppe (ähnlich einer Hexe) verbrannt wurde, um die bösen Kräfte der Natur zu vertreiben.
MONOLORD aus dem schwedischen Göteborg waren so was wie die Hauptattraktion des gesamten Festivals. Sie waren in der Vorwoche gerade erst von einer Tour durch die USA zurückgekehrt und sollten anderntags auch vom Dresdner Elbsludge-Chef Friedo als dessen Helden bezeichnet werden. Drei Nordmänner lieferten nach Eigenbekundungen Sludge Doom - der in meinen Ohren aber eher wie Dark Metal klang. Monolord wirkten etwas poliert und sie strotzten vor Klischees. Ganz nett, aber auch ohne tieferen Sinn. Das Ende haben wir nicht erlebt.
 
 

Text und Bilder: Heiliger Vitus, 13. Dezember 2019
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
1782
(20.05-20.36 / Reihenfolge ohne Gewähr)
1. Intro (...to the Church)
2. Night of Draculia
3. The Spell (Maleficium Vitae)
4. She Was a Witch
5. Oh Mary
6. 1782
7. Celestial Voices [Pink Floyd]
 
ALUNAH
(20.54-21.27)
1. Unholy Disease
2. Hypnotised
3. Velvet
4. Dance of Deceit
5. Hunt
6. Trapped and Bound
7. Violet Hour
 
THE SONIC DAWN
(21.47-22.25)
1. Psychedelic Ranger
2. All the Ghosts
3. Forever 1969
4. The Stranger
5. Emily Lemon
6. Opening Night
7. No Chaser
8. Numbers Blue
 
GIÖBIA
(22.44-23.30)
1. Lentamente la luce svanirà
2. This World Was Being Watched Closely
 
MONOLORD
(23.50-0.50 / ohne Gewähr)
1. The Bastard Son
2. Icon
3. Rust
4. Larvae
5. Wormland
6. Empress Rising
7. Dear Lucifer
8. The Last Leaf
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