HERMELIN, NOORVIK, MUTTERKORN
D-Frankfurt am Main, The Cave - 26. Mai 2017
Über einen Besuch bei den Postrockern Hermelin hatten wir schon mal vor einigen Wochen nachgedacht, als sie im wundervollen »Ostpol« Dresden auftraten. Nun bot sich eine Chance im »Cave« Frankfurt. Dort hielt sich das Interesse in engen Grenzen. Zwei Dutzend fanden sich in der Höhle mitten im Zentrum der Mainstadt wieder. Und zwar popanziges Studententum, selbstverliebte Tanzmäuse und Womanizer, die ihre glühenden Glimmstengel cool auf die Tanzfläche schnippten. Ein Milieu, in dem ich mich nicht nur schrecklich fehl am Platze sondern auch erstmals unsagbar alt fühlte. Tottrinken war auch nicht möglich, denn fürs günstigste Bier (Astra oder Binding) waren sage und schreibe 4 Euro 50 zu blechen! Dafür lag der Eintritt mit zehn Piepen im Rahmen. Ein weiterer Dämpfer ließ sich trotzdem nicht mehr abwenden: Die Veranstaltungsseite hatte die Gruppe Mutterkorn auf ein Night Psy/Dark Techno-Projekt aus Mannheim verlinkt. Auf Elektromusik hatten wir keine Lust und waren erst halb zehn im Cave eingetrudelt...
... Da waren Mutterkorn schon eine viertel Stunde unterwegs und am dritten Stück angelangt. Wir trafen jedoch nicht auf Techno. Denn die MUTTERKORN entpuppten sich als die vormaligen LEUNAWERKE aus Frankfurt. Und jene machten wunderbaren, psychedelisch angehauchten Instrumental-Rock. Bereits im Herbst 2015 als Gruppe formiert, mit 'Benzin' ein Minialbum aufgenommen, danach heillos zerstritten, nach langer Funkstille mit der Sängerin Ivana im August wiedervereinigt, und im März 2017 auf den letzten Drücker vor der »Spacedelic Odyssee« in Hofheim aufgelöst, hatten sich Srd, Guido und Dalibor heute mit einem Keyboarder verstärkt. Trotz mäßigem Temperaments erlebten wir vier krude Typen, die echt und sympathisch rüberkamen, ordentlichen Stoff ablieferten, und von denen der Gitarrist am Ende gern noch eins drangehängt hätte. Es blieb aber bei sechs Titeln und einer Spieldauer von vierzig Minuten.
Die Nächsten versuchten sich an einem Spagat: Das Grundmuster des klassischen Postrocks sollte einerseits realistisch und gefühlvoll eingehalten werden, andererseits die Härte des Metal (respektive was sie darunter verstanden) wiedergeben. So kam es zu einem Duell zwischen der verspielten Leitgitarre (mit Tiefbohrcharme) mit der mal devoten, mal aufrührerisch ausbrechenden zweiten Gitarre und in deren Gefolge dem Bass (mit Heavyattitüde). Man agierte ebenfalls ohne Texte und wie vom Genre gewohnt sehr statisch - bis sich zwei Titel vor Schluß der Trommler spektakulär erhob, um am Bühnenrand »Wir sind NOORVIK aus Köln. Danke, daß wir hier spielen können. Danke an Lisa vom Cave!« zu verkünden. Insgesamt lief der bipolare Post-Metal aus Köln 51 Minuten, und er war etwas vom bunten Gelichter des Klubs und den kurzen Buxen der Akteure gestört. Ganz am Ende des Abends beschenkte Gitarrist Hennes jeden Besucher mit einem sechseckigen Bierfilz, auf dem der Name NOORVIK stand.
Eins, zwei, drei, rubbel die Katz. Wer dachte, mit HERMELIN würde es bissig, lag falsch. In puncto Erfahrung und Merchandise am weitesten fortgeschritten, blieb das Ergebnis noch hinter den Vorgängern zurück. Hermelin waren vier müde, etwas verklemmte und sehr einlullende junge Männer aus Hannover, die progressiven Post-Pop-Rock ohne Texte aber mit umso dadaistischeren Titeln machten, und damit die tiefenentspannte Sicht auf die Stilart bestens erfüllten. Es gibt spektakulärere Gruppen, exotischere, turbulentere, spannendere, sexyere, ergreifendere, dramatischere, aber wir wollten ja pure Instrumentenmusik erleben... Daß wir trotz superfairen zehn Euro auf den Kauf einer Vinylschallplatte verzichtet haben, kann auch als Bewertung betrachtet werden. Aber immerhin waren fünfzig Minuten Tüdelüt mit Hermelin (23 Uhr 24 bis 0 Uhr 13) besser als Nichts...
 
Halb eins begann die Tanznacht »Rumble in the Cave«...
 
 
Text und Bilder: Heiliger Vitus, 29. Mai 2017