KARMA TO BURN, MY SLEEPING KARMA, WIGHT
D-Wiesbaden, Schlachthof (Räucherkammer) - 9. Juni 2009
(((O))) Alles im Fluß: Das Gelände um den ehemaligen städtischen Viehhof von Wiesbaden war anno 2009 kaum noch wiederzuerkennen. Vom Bahnhof kommend, lief der Schlachtergast nun nicht mehr auf einem Trampelpfad über eine weite verwilderte Wiese. Nein, er flanierte auf weißen Mineralwegen über einen gepflegten englischen Rasen, der von zarten jungen Bäumen und futuristisch-dadaistischen Geschäftskomplexen gesäumt wurde. Inmitten der neuen Kulturpark-Ästhetik - wie ein Relikt aus dem Abseitigen - stand die graffitibesprayte Haupthalle des Schlachthofs. Die Zahl der am KARMASUTRA 2009 Interessierten beziffere ich auf etwa 150. Eine größere Hundertschaft aus Sinn- und Unsinnsuchern und normalen Zeitgenossen mit friedlichem Hintergrund füllte den Tempel zur Hälfte auf. Der Eintritt betrug knackige 14 Euro!
Es waren aber weniger die karmatischen Hauptgruppen, die uns zum Ausflug nach Wiesbaden bewegt hatten, sondern vielmehr das eröffnende Einsatzkommando namens WIGHT. Wight (deutsch: Wicht) waren aus Holy See, Vatican City State, angerückt, und machten - - DOOM! Doom ist das Lebenselixier, für Doom würde man durchs Feuer gehen, und mit Wight hat die Gemeinschaft ein neues strahlendes Licht bekommen. Wight erhellten mich mit den alten Werten des Doom. Mit manisch tiefschürfenden Flying Vs, entschleunigtem Getrommel und spartanischen Gesangslinien voller seelenvoll-entrückter Siebziger-Vibrationen. Durch gewisse psychedelische Sequenzen, die immer wieder den Sound aufmischten, ließen Wight sich wohl am treffendsten mit Stoner Doom bezeichnen. Wer auf Acrimony, Goatsnake oder Electric Wizard steht, dem sei Wight schwerstens anzuraten! Der Spirit des Doom - in Gestalt von Rene, Peter und Dirk - hatte mich also ab 20.40 Uhr im Sturm genommen und vierzig Minuten lang zu einem unterwürfigen Devoten an der Front gemacht. Wight, das waren wirbelnde Haare, Bärte, Koteletten, freakige Klamotten und Leidenschaft in Reinkultur. Wight haben fünf Batzen mit sehr kryptischen Namen zelebriert, die mir der blonde Bassist - ergänzt vom nicht minder sympathischen Gitarristen - nach dem Auftritt fein säuberlich niederschrieb (nachzulesen am Ende dieser Seite). Die knappe Dreiviertelstunde mit Wight: Jede Sekunde davon war den Trip in den Westen wert. Bewegte Bilder finden sich hier:
...... Intro
...... Superlarge Hadron Collider
...... Through The Woods Into Deep Water
THE GREAT ESCAPE sind zurück! Mehrheitlich. Um genau zu sein: Alle - bis auf den Sänger, der nach Dänemark auswanderte! Matte und Steffen als Taktgeber der verblichenen Stonerrocker (die wir vier Jahre zuvor im Starclub Dresden letztmals in Aktion erlebten), dazu Escapes Urdrummer Seppi (nun ohne Haare und etwas stämmiger), sind reinkarniert in MY SLEEPING KARMA, wo sie von Norman am Soundboard unterstützt werden. Gitarre, Baß, Keyboard, Schlagzeug. Und: keine Stimme! MSK standen für ein fulminantes, zuweilen auch enigmatisches Kaleidsoskop aus Psych, Stoner, Postrock und Elementen des Ambient. Rauschhafte Riffs und wuschige Fuzzbässe kopulierten mit galaktischen Effekten und explodierten in der Unendlichkeit des Brahman. Herr Vandeven zog wie früher seine Viersaitige durch den Bühnenstaub, der Trommler hämmerte stoisch seine Hits, Soundmann Norman bewegte sich in Ekstase körperlich mehr über als neben den Reglern, und der kahlgeschorene E-Gitarrist Seppi zerriß sich förmlich an seinem Gerät. Die Franken zelebrierten sechs superenergetische, sechs weise, nachdenkliche und mitreißende Triprocker vorm Allmächtigen! My Sleeping Karma waren eine Offenbarung des Abendlandes irgendwo zwischen Tod und Erneuerung, zwischen Unterwerfung und Befreiung, zwischen Liebe und Revolution - die große (und endültige) Flucht aus dieser Welt!
Auch beim letzten Trupp handelte es sich um von den Toten Auferstandene. Auch wieder um Reinkarnierte ohne Stimme! Die instrumentale Doppelattacke sozusagen. Die anno 1993 gegründeten Stoner-Rocker KARMA TO BURN, USA, hatten zwischen 2002 und 2009 bereits aufgehört zu existieren. Mit 'Wild Wonderful Purgatory' ist das Trio aus West Virginia nun zurück in der Spur, und stand heute am Beginn eines fünfwöchigen Feldzugs über die Alte Welt. Um 22.50 Uhr schließlich hatten Mecum, Mullins und Oswald ihre Instrumente in Anschlag gebracht - um ein wahres Erdbeben aus Stahltrossen und Trommelgeknüppel zu entfachen. Schwer drückende, peitschende und hämmernde Wüstentrasher wie »28«, »36«, »39« oder »8« (KTB verzichteten auch bei den Songtiteln kategorisch auf Worte) ließen nun den Ashram brennen. Über eine Stunde lang gab es die brachiale Breitseite aus dem Wilden Westen. Und ich hab mich ehrlich gesagt verdammt schäbig gefühlt, bei den extrem couragiert zu Werke gehenden Amerikanern nicht ein einziges Mal den Schädel geschüttelt zu haben. Aber heute hatte ich Leib und Seele den Wichten des Doom vermacht. 23.40 Uhr mußten wir zum letzten Zug...
 
 
Text und Bilder: ((((((Heiliger Vitus)))))), 11. Juni 2009
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
WIGHT
1. Intro
2. And I Will Not Be Hammered Again
3. Superlarge Hadron Collider Freak Out
4. Through The Woods Into Deep Water
5. Never Will I Walk Your Way (You Godly Lamb in Disguise)
6. All Beyond The Piend of Being
 
MY SLEEPING KARMA
1. Intention
2. 23 Enigma
3. Ahimsa
4. Drannel Xu Llop
5. Hymn 72
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6. Pig? (untitled)
7. Glow 11
 
KARMA TO BURN
unbekannt