KATATONIA, FINNTROLL, DARK SUNS
D-Frankfurt am Main, Nachtleben - 16. April 2003
Klänge aus der Finsternis... Lieder mit Tiefgang... Doom? Ein kleiner Wunsch! Die Düsterblätter „Zillo“ und „Orkus“ hatten zu Katatonia gerufen, die Karten waren seit langem gesichert. Auf dem Weg in Frankfurts belebte Innenstadt trafen wir in der S-Bahn den Bandmanager von Tankard. Buffo war allerdings in Gedanken schon auf dem Wege zu Tankards anstehender Skandinavien-Reise und düste in eine andere Richtung ab... Frau P. und ich trafen spät im „Nachtleben“ ein. Dreihundert Leute machten den Keller unter der „Konsti“ rammelvoll. Heute war auch der erste warme Tag des Jahres. Zum Glück wurden wir nicht lange auf die Folter gespannt. Doch nicht die erwarteten DAYLIGHT DIES aus USA...
... sondern DARK SUNS aus Leipzig bestritten 21 Uhr den Showstart. (Schade, denn auf die Yankees hatte ich mich sehr gefreut, versprachen die doch Death Doom im alten Paradise-Lost-Stil. Sollte nicht sein. Also lauschten wir den Sachsen.) Dark Suns waren als Langhaarige schon mal eine Augenweide. Die fünf eröffneten mit „Opal“, einem filigranen Edelstein mit Schattierungen zwischen New- und Dark Wave. Keine Weltneuheit, aber nicht übel. Doch wo verbarg sich der Sänger? Kurios, kurios: Es war der Trommler, der für die Vokale sorgte. Nur war der Blick auf ihn verstellt. Knappe pendelte zwischen träumerischem Minnegesang und harschem Todesröcheln. Sehr atmosphärisch und von Orgeln verstärkt, kamen auch „Malignant“ sowie der Opus drei im progressiven Weltenschmerz, das „Virtuos Dilemma“, daher. Auch jene versprühten - vollgepumpt mit Melancholie - die pure Finsternis. „Dilemma“ befindet sich auf der leichengeilen Scheibe 'Swanlike'. Und 'Swanlike' wiederum, läuft in meinen Mauern in Schleife und ist Pflichtkauf für alle Lichtscheuen! Akustisch unklar, ob die nachfolgende Ansage das „Nächste“ oder das „Letzte“ bedeutete... „Flickering Echoes“. Im Wechsel zwischen fließenden und treibenden Melodien war es das „letzte“ Stück. Vier Nachtschattengewächse, aufgezogen in einer halben Stunde: das war episches Format. Allein die „Dunklen Sonnen“ aus dem Osten rechtfertigten diesen Abend. - Die Welt ist bekanntlich klein: Nach der Schau quatschte ich bei hessischen Nationalgetränken mit Dreadlockgitarrist Gommlich, der daheim in Dresden-Omsewitz eine Ausbildung zum Landschaftsgärtner gemacht hat. Es tat gut, im Westen vertrautes Sächsisch zu hören!
Auch die zweite Gruppe - Finnlands Gothic-Metaller TO/DIE/FOR - wurde ersetzt. Die Landsmänner FINNTROLL waren in die Presche gesprungen. Deren Kommen wurde wiederum vom Selbstmord ihres Gründers Somnium überschattet. Weil Somnium es so gewollt hätte, bewältigten Finntroll den Verlust mit dieser Tour. Finntroll waren ein weißer Fleck für mich. Ich hatte Love Metal befürchtet - und lag damit richtig. Leider ist Finnland im Schwermetall Skandinaviens schwaches Glied. Ob Apocalyptica, Amorphis, Elekäläiset, HIM, Leningrad Cowboys oder To/Die/For: die Suomis sind die Meister des hittigen Synthiepop. Ein Gläschen Vodka, Einhakeln, uffta, uffta, umppa, umppa, und ab geht die Bumsmusik. Finntroll gliederten sich nahtlos ein. Die Menge schien an der Metalpolka wenig interessiert und verduftete treppauf an die Bar. Zwanzig hielten durch und applaudierten zu „Trollhammaren'“. Fronter Wilska frug: „Anybody here who like finish cuisine?“ - keine Antwort. Dafür gab´s die „Fiskarens Fiende“. Und „Mushrooms“ standen auf der Karte. Giftige natürlich. Der Tastenmann headbangte wie Sau und die traurige Sinfonie aus dem Land der tausend Seen nahm - unterbrochen von Schwarzmetallgeschrubbe und spitzen Schreien - ihren synthetischen Lauf. Vor mir turtelten zwei Schwanzfrauen, die perfekt in den Trauerchor gepaßt hätten. Was nützen Schwanengesang und der Schrei nach Liebe, wenn die Instrumente sterile Fröhlichkeit verbreiten? HIM stiegen zu Rundfunklieblingen auf - wäre kein Wunder, würden die etwas härteren Trolle folgen. Wilska verkündete mit „The next song is about you and us: We all going down“ den „Jaktens Tid“; und schließlich gab es noch den Partyretter „Forsvinn Du Som Lyser“ sowie ein Küsschen auf „Denglisch“: „Vielen Dank Frankfurt, we see us very soon!“ - Die Musik im Vor- und Abspann lieferten Grand Funk RR - für meine Freundin: die Sieger des Abends.
KATATONIA waren der Grund unseres Besuches. Kursierten doch Vergleiche mit Deutschlands Epic-Doomern Mirror of Deception. Zudem verwiesen Doom-Magazine auf Katatonia (was übrigens psychomotorische Spannung von Kopf bis Fuß bedeutet). So was darf man sich nicht entgehen lassen! 1991 als Death-Doomer gestartet, haben von der Urbesetzung einzig der Sänger und vormalige Schlagzeuger Lord Seth sowie der langhaarige Gitarrist Sombreius Blakkheim die Jahre überlebt. Mit den neuen Mitgliedern erfuhr auch der Stil eine Kurskorrektur. - Ab 22.55 Uhr standen Lord Seth, Blakkheim, North, Kryptan und Liljekvist im Lichterkegel: Katatonia auf der 'Viva Emptiness'-Tour. Und nach wenigen Takten war klar, daß die neue Ausrichtung nur marginal Doom ist. Auch die Schweden kamen mit Tristesse und Endzeitvisionen. Doch die trugen sie nicht mit jener Wucht und Leidenschaft vor, die den Doom so faszinierend machen. Katatonia sind stille Düstermänner. Poeten, die mit viel Ruhe und Zerbrechlichkeit ans Werk gehen. Nicht allmächtig wie der Doom, sondern empfindsam, zerbrechlich, hypnotisch fast schon. „I Am Nothing“ war so ein Stück verletzlicher Seelennot. Und auch „Evidence“ schlich überaus atmosphärisch aus den Lautsprechern. Noch immer stand Gommlich neben mir. Heute war sein fünfter Tag mit den Katatonischen. Seine Meinung nicht die Beste. Von Rockstargehabe war die Rede. Ließen andere ackern und scheffelten allein die Kohle. Neben den Köpfen musizierten nur Söldner... Am Andenkenstand stach mir ein Stringtanga in die Augen. Der Merch-Boy war indes unter seinen Kopfhörern fest eingeschlafen. Meiner Freundin gefiel der Fetzen sowieso nicht. Vor der Geisterstunde war ich jenseits von Gut und Böse. Katatonia waren achtbar. Meinen Doomhelden konnten sie das Wasser aber nicht reichen. Komplizierte Gitarrenläufe haben am Ende noch mal so richtig Spannung aufgebaut - für „Murder“, das letzte potenzielle Selbstmordlied.
 
 
Text und Bilder: Heiliger Vitus, 17. April 2003
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
DARK SUNS
1. Opal
2. Malignant
3. Virtuos Dilemma
4. Flickering Echoes
 
KATATONIA
1. Ghost of the Sun
2. Criminals
3. Teargas
4. I Break
5. I Am Nothing
6. Sweet Nurse
7. Sleeper
8. Tonight's Music
9. For My Demons
10. Chrome
11. The Future of Speech
12. Complicity
13. Evidence
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14. Deadhouse
15. Murder