KYLESA, SAVIOURS, RED FANG, THE ATLAS MOTH
USA-Chicago, Reggies Rock Club - 12. Oktober 2009
Unbekannte Stadt im fernen Amerika. Dazu die ersten geistigen Getränke seit einer Ewigkeit... Eines der abgewrackten Cabs hatte uns halb sieben sicher zu den „New Rock Headquarters“ im verlassenen South Loop von Chicago kutschiert. Dort war im Halbdunkel der 2109 South State Street ein morbider Ziegelbau voller Graffitis und Plakate auszumachen: das „Reggies“. Mit Bar, Club und Ladengeschäft in einem. Unten befand sich der „Music Joint“, eine Musikkneipe mit Bar und Grill; rechts daneben der „Rock Club“ mit der Livebühne; und unterm Dach der größte Indie-Laden der Stadt, der „Record Breakers“. - Nach Vorzeigen einer „ID“ (Altersnachweis), einem Crashkurs zur Hausordnung, dem Anlegen eines Armbands mit Aufschrift Over 21 und dem Entrichten von 14 Dollar (rund neun Euro) waren wir willkommen im Club, der in seinem früheren Leben eine Autoschrauberbude war. Ausladende Emporen mit prachtvollen Sesseln und ein geneigter Tanzboden ermöglichten die Sicht von jedem Punkt des Raums. Vierhundert Leute dürften reinpassen, auf einhundertzwanzig schätzte ich die heutige Zahl. Das Bier „Schlitz“ gab´s zum Low-Budget-Preis von vier Dollar pro Gallone. Eine der streng limitierten Demo-CDs, der neue Silberling im edlen Pappschuber sowie ein Hemd von Atlas Moth kosteten im Paket gerade mal 24 Dollar (16 Euro). Und nach dem dritten Schlitz verstand sich sogar der amerikanische Barkeeper blind mit mir. Germoney, einfach nur Scham und Schande über dich!
THE ATLAS MOTH (die Atlasmotte, der Name brachte mich schon etwas ins Grübeln), waren der Grund, ausgerechnet dieses Venue zu beehren (zur weiteren Wahl standen Cock Sparrer beim fünftägigen „Riot Fest“, sowie Nachtmystium). Aber die alten Falter aus Chicago versprachen das Lebenselixier - DOOM! Genauer gesagt: dessen fiesen Onkel Sludge! Fünf ungesund anmutende Kauze mit speckigen Loden, Ziegenbärten, allerhand Tinte unter der Haut und einem irritierenden Führerschnauzer, boten einen wüsten Terror aus vier Gitarren und einem Geschrei und Gekeif, das einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Visuell unterlegt war dies von explizit kranken Schwarz-Weiß-Filmen im Stile EyeHateGods: anfangs tanzende nackte Damen, darauf groteske humanoide Mißbildungen und Freakgeburten, schließlich brutale Mörder und durchtrennte Körperteile. Der Sound spannte sich von kurzen, bissigen Versatzstücken über zerstörerische Verzerrungen bis hin zu deliriösen Dröhnorgien. Bei alledem befaßten sich die Herren Giannopoulos, Kush, Ragin, Klein und Miczek mit eher abstrakten, irrationalen Dingen. Allegorien erzeugten die gewollte Distanzierung vom Hier und Jetzt. Es waren Teile wie „...Leads To A Lifetime On Mercury“ mit denen The Atlas Moth unsere Geister in ein nächstes Dasein in einem anderen Universum flattern liessen. Leider nur für die Länge eines Groschenheftes (30 Minuten).
Im weitesten Sinne animalisch ging´s weiter. Den Motten folgten die Biber mit den roten Fangzähnen RED FANG. Der Name könnte aber etwas in die Irre führen. Denn es wurde nun nicht reißerisch, sondern eher entspannt - manchmal auch entspannt schnell - aber immer verdammt verdrogt, verdammt dicht, verdammt drückend und intensiv. Red Fang verzauberten mit einem superschönen Heavy bis Stoner Rock im Dunst von Motörhead und Queens of The Stone Age, bespritzt mit etwas Nirvana. Das krude Organ von Lemmy, dazu die Instrumente tief im psychedelischen Stoner Doom: so etwa waren die wilden Headbanger aus der Indiehochburg Portland im Biber-Staat Oregon. Giles, Sullivan, Beam und Sherman waren ihre Namen. Und einer stach als obskurer Schrat mit abgewetzter Fender über der Schulter noch besonders heraus. Denn Gitarrero Sullivan erinnerte in seinem ganzen Wesen voll an den heiligen Chandler von Saint Vitus. Red Fang wurden hinten raus immer besser und der schon unverschämt geile „Prehistoric Dog“ krönte die Show nach vierzig Minuten.
Die nächsten waren ein bißchen geschwinder drauf. Die New Wave of British Heavy Metal traf den Stoner Metal des neuen Jahrtausends. Das in etwa ließe sich von den SAVIOURS erzählen. Die vier Langhaarigen aus dem kalifornischen Oakland wühlten in den Venen des achtziger Speed und Thrash und fügten dem schnellen Stil einen dunklen Schimmer hinzu. Insbesondere der noch blutjunge Frontmann Austin Barber ragte dabei mit einer ungeheuren Energie und Lebendigkeit heraus. Zu ihren raserischen, melodischen Stahltrossen lehnten die Gitarristen oft oldschoolig wie in den glorreichen Metalachtzigern Rücken an Rücken gelehnt. Und mit ihren Songs um die „Acid Hand“ hatten die Metalheads vom fernen Pazifik auch den ersten Moshpit der Nacht ausgelöst - welcher jedoch rasch vom Saalschutz unterbunden wurde (Jawoll, in USA herrscht noch Zucht und Ordnung!). Wie bei den Spähtrupps war auch der Auftritt der vier aus dem Golden Staat von extrem kurzer Dauer, nämlich einer halben Stunde. Nur vier Tage später sollten die Burschen mit Saint Vitus einige Klubs der Ostküste plattmachen! Und so kam´s...
... daß zu einer Zeit, zu der sich in Deutschland gewöhnlich die Ersten auf die Bühne bemühen (um 21 Uhr 30), schon das vierte Kommando zum Einsatz bereit war! KYLESA servierten ein sehr elektrisierendes Gebräu. Eines, welches zu gleichen Teilen von Attitüden des Crust und Metal geprägt war. Nach einem esoterischen Gebet des Trommlers kreuzten sich in der Folge tiefgestimmte Heavygitarren mit rebellisch herausgerüpelten Gefühlsattacken und einem gigantischen Gekloppe aus zwei Schlagzeugen im Hintergrund. Kylesa waren sehr cool, brutal, zeitgeistig und ganz vorn mit einem Powergirl mit dem frivolen Namen Laura Pleasants bestückt. Wie alle Vorigen, zeigte sich auch die Horde aus Savannah in Georgia bunt tätowiert und völlig frei von Gerede oder Ansagen. Alles war auf eine unbehaglich schroffe Grundstimmung reduziert, die zuweilen auch an Black Sabbath denken ließ. Pleasants, Cope, Villegas, McGinely und als Livedrummer der durchgebrannte (und gewiß nicht ungedopte) Haudrauf Kilpatric: dies der Vollständigkeit halber noch die Besetzung des Straßenkreuzers der Nacht. Kai-le-sa regierten eine volle Stunde, und die Sludge-Metal-Teile zwischen „Scapegoat“ und „Set the Controls for the Heart of the Sun“ bombten uns in den Schlaf.
 
 

Text und Bilder: Holy Vitus, 16. Oktober 2009
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
THE ATLAS MOTH
(19.00-19.30)
1. A Night in Venus´ Arms
2. Grey Wolves
3. Extraordinary Claims Require Extraordinary Evidence
4. One Amongst The Wheat Fields
5. ...Leads To A Lifetime On Mercury
 
RED FANG
(19.50-20.30)
1. Reverse Thunder
2. Sharks
3. Good to Die
4. Malve Rd
5. Wires
6. Bird on Fire
7. Bunny
8. Prehistoric Dog
 
SAVIOURS
(20.45-21.15)
Titel unbekannt
 
KYLESA
(21.30-22.30)
1. Scapegoat
2. Insomnia for Months
3. Said and Done
4. Unknown Awareness
5. Running Red
6. Nature's Predators
7. Almost Lost
8. Only One
9. Perception
10. To Walk Alone
11. Unbekannt
12. Set the Controls for the Heart of the Sun [Pink Floyd]