LAST UNDER THE SUN, SCÜM
D-Frankfurt am Main, Geheimer Ort - 18. Mai 2010
Anders denken, anders fühlen, anders aussehen: Nur wer mit den Wölfen heult, darf auch mit den Wölfen fressen! Dabei achtet der rote Untergrund von Frankfurt penibel auf Etikette. Schon der fehlende Stern am Revers kann verfänglich sein... Nachdem zumindest zwei Menschen zuletzt im selbstbestimmten, moralinsauren Untergrund Frankfurts immer wieder Argwohn und Hinterhalt entgegenschlug, wollten sie nach längerem Fernbleiben einen neuen Versuch wagen. Es sollte der letzte in einem Dreiergeflecht Geheimer Orte der Mainstadt sein (die anderen mieden sie bereits wie die Pest). Hardcore Punk aus dem Mutterland des Punk, England: da wollten sie hin. Ferner war der BAZOOKA ZIRKUS angekündigt, welcher aber ohne Angabe von Gründen durch Frankfurts SCÜM ersetzt wurde. (Deren Bassist offenbarte sich im Wortsinne als eingefleischter Eyehategod-Verehrer: es war ihm unter die Lippe tätowiert). - - Nach einer Stunde des Beine-in-den-Bauch-Stehens, nach Selbstabfeierungen im Sofa, und nachdem es trotz allem nicht mehr als sechs zahlende Besucher wurden (darunter ein weibliches Ebenbild von Toody Cole; weitere zwanzig waren als Musiker, Freundeskreis oder Personal zugegen), ging es endlich los...
Präzise um 22.05 Uhr zelebrierten Badger, Porno, Reeves und James ihre ersten Töne aus den Gitarren. LAST UNDER THE SUN (wahlweise auch Police Bastard): welch ein Name! Dazu dieses an achtziger Grindcore erinnernde Gruppenlogo. Schnellen, chaotischen Hardcore Punk Rock hatten sich die vier vorgenommen. Das Flugblatt zum Konzert versprach was „Melodisch-rotziges“. Und 'Gone' hieß das Album zur Europatour. Was sich in echt tat, sah aber weder nach wüstem Punk aus - eher nach ruhigen, festen Männern -, und dazu hörte es sich auch nicht wie hysterischer Hardcore an, vielmehr wie urgewaltiger Stemmeisen-Sludge! Ein gefundenes Fressen für die Kinder des Doom! Und es wäre auch bestimmt eine schöne Nacht mit der Crew aus Birmingham geworden - aber nach einer Nummer von acht Minuten war schon alles vorbei...
 
... Denn nachdem die Engländer ihre Instrumente niedergelegt hatten, und nachdem der Bassist dem männlichen Besucher auf dem Weg zur Fluchttreppe runter in den Hof ein fast schon brüderliches Zwinkern zugeworfen hatte, kam es zu einem Zwischenfall. Die zwei Besucher wurden von einem Tribunal aus acht Apparatschiks mit verbissen-finsterem Blick eingekesselt. Die Bandbetreuerin mußte als Wortführer herhalten, den mutmaßlich Böhsen mit gebrochenem Deutsch zu vermitteln, daß sie unerwünscht seien (etwas sediona-Rap-sgnuglofrev wie „thgir gniw“ war herauszudeuten). Eine Gesinnungsschnüfflerin beschuldigte einen des Tragens von Feindkleidung. „Sie sollten ihre zehn Euro Eintrittsgeld nehmen und gehen.“ Das haben sie auch getan. Last Under The Sun waren nicht nur die Letzten unter der Sonne, sondern auch die Letzten im Orbit! Vom Besuch mancher Orte muß einfach ganz dringend abgeraten werden. Man kann dies auch als Akt der Befreiung von Kleingeist, Scheinheiligkeit und Verbohrtheit empfinden. Geschrieben wurde das nur, weil die Band aus England nichts dafür kann. Ende der Durchsage!
 
 

Text: Eine Persona non grata in den Eisheiligen 2010; Bild: Weil die Zeit das eigene verbot, eins von der Seite der Briten