LONG DISTANCE CALLING, NIHILING
D-Frankfurt am Main, Das Bett - 9. Mai 2011
Ehrlich gesagt hielt sich mein Antrieb zur heutigen Vergnügung im „Bett“ in Grenzen. Tags zuvor die Gluthölle von Mainz - Mainz-Marathon 2011 - überlebt, wollte ich mir den heutigen Montag eigentlich zu einem Blauen machen. Treibende Kraft war dann Peanut, die überhaupt kein Anhänger des Post-Metal ist, aber der Meinung war, daß sich solch eine Gelegenheit so schnell nicht wiederholen würde. Schließlich steht das Bett einen Katzensprung von unserer Behausung, und wenn das Flaggschiff der Bewegung angondelt, muß man eigentlich hin. „Long Distance Calling“ paßte ja auch irgendwie zu den 42 Komma 195 Kilometern vom Vortag. Wir sind völlig unvorbereitet hinmarschiert, ich dazu noch angesäuselt und völlig ohne Energie. Das Bett durfte sich über 356 Besucher freuen: 251 aus dem Vorverkauf, 70 von der Abendkasse und 35 von der Gästeliste. Damit war die Halle im Stadtteil Gallus rammelvoll, Arschlöcher eingeschlossen. Der Eintritt betrug 15 Euro.
Treu der Regel „Schönheit vor Alter“ bestritten NIHILING ab 20.40 Uhr das Vorspiel. Nihiling waren eine Post-Metal-Gruppe aus Hamburg, zusammengestzt aus den Gitarristen Morales, Höfler und Eggert, der Bassistin Steinmetzter und Trommler Schnoor, die mich sehr an die Hessen Arroyo erinnerten. Zu sirrenden Schrammelgitarren wurden in zwei Liedern, so im klirrend harten „Machination“, auch bissige Botschaften herausgeschrien. Die entspannte Ästhetik des Postrocks kreuzte sich sozusagen mit der verzweifelten Energie des Emo. Mit der sehr weiblichen Blondine Alex hinterm Viersaiter wußten die nihilistischen fünf zudem die Augenweide der Nacht in ihren Reihen. Nihiling waren blutjung, sie hatten ziemlich gute Anlagen, und waren nach einem guten halben Stündchen durch. Die Gefühlsachterbahn „Not Even Close to Your Understanding of ...“ setzte um 21.12 Uhr den Schlußpunkt.
Um 21.29 Uhr brachten sich LONG DISTANCE CALLING aus Münster in Stellung. Die Gitarristen David Jordan und Florian Füntmann, Bassist Jan Hoffmann, Schlagzeuger Janosch Rathmer und Ambienzproduzent Reimut van Bonn gelten seit Jahren als Nummer eins unter Deutschlands Post-Metallern. Ich hatte einiges von ihnen gelesen, aber nichts gehört - und war dann sehr verdutzt, daß oben auf der Bühne eine Gruppe stand, die anfangs mehr Wert auf witzige Einlassungen legte, als tiefgründige Tonkunst zu zelebrieren. So grüßten die Westfalen Frankfurt auf breit Hessisch mit „Guude!“ statt „Guten Tag!“. Auch durfte sich der intellektuelle Besucher eines ultraplatten „Sehr geil, Leute!“ und „Frankfurt, geht´s euch gut soweit?“ erfreuen. (Letztes war wohl als Anspielung auf den drohenden Abstieg der Eintracht zu verstehen.) Alles habe ich nicht bewußt wahrgenommen. Der Apfelwein hielt mich schon zu fest in seinen Krallen. Der Auftritt ging ganz ordentlich ab. Wobei Long Distance Calling weniger für die psychedelisch-esoterische, als vielmehr die geradeaus nach vorn rockende Strömung ihres Genres standen. So klang gleich der Auftakt „Into The Black Wide Open“ mächtig nach den Stonerrockern Karma To Burn. LDC spannten den Bogen ferner von fast liedhaften Subjekten über progressive Anwandlungen bis hin zu vollem, klarem Metal. Nach einer verhaltenen ersten Halbzeit tauten die Männer hinten raus auch körperlich regelrecht auf und brannten zu ihrem schönen, prallen Klangwerk nun auch visuell ein Feuerwerk ab. Zwei warfen ihre Mähnen, der licht behaarte Rest schraubte sich umso verschärfter in die Apparaturen. Zum Glanzstück stieg „Apparitions“ auf, welches mich letztendlich auch zum Erwerb des Zweitwerks 'Avoid The Light' bewog. Für die Lichtverweigerer des Abends spielten LDC fast 1 ½ Stunden! Um 22.58 Uhr war Sense.
 
 
Text und Bilder: Heiliger Vitus, 10. Mai 2011 (Tag des Todessturzes von Wouter Weylandt beim Giro d´Italia)
ABSPIELLISTE NIHILING
1. Unpatient
2. Mothgate
3. Particle
4. Sirens
5. Once in Every 12 Million Years
6. A Flight Over An Artic Mountain Ridge
7. Machination
8. Not Even Close To Your Understanding Of...
 
ABSPIELLISTE LONG DISTANCE CALLING
1. Into the Black Wide Open
2. The Figrin D´an Boogie
3. I Know You, Stanley Milgram!
4. Invisible Giants
5. Timebends
6. Aurora
7. Arecibo (Long Distance Calling)
8. Apparitions
9. Metulsky Curse Revisited
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10. Black Paper Planes