LOW FREQUENCY ASSAULT IX
 
BLACK SHAPE OF NEXUS, CAKETS OPEN, 71TONMAN, SCYTHIAN FALL
D-Nürnberg, Z-Bau (Kunstverein) - 19. Dezember 2015
Manchmal geschehen doch noch Wunder...
 
Nach dem letzten LOW FREQUENCY ASSAULT im Dezember 2011 schien das Festival ein für alle Mal begraben. Zu tief war die Kluft zwischen dem Anspruch der Organisation, den Gruppen etwas bieten zu wollen, und der Nachfrage im Publikum. Dazu kam im März 2012 der Auszug des angestammten Domizils „Kunstverein“ aus der Südkaserne. Im Dezember 2012 präsentierte „Doom Over Nuernberg“ zwar noch einen Abend mit Kalmen, Naevus u.a., der jedoch nicht mehr unter dem Banner des LFA lief. Dies war das für lange Zeit letzte Lebenszeichen aus der Südkaserne. Amerikanische Besatzungssoldaten hatten das achtzigjährige Monument beim Abzug zu einem Sanierungsfall verwandelt, das Dach marodiert, Fenster und Säulen rausgerissen, und den Keller gewässert. Seine späteren kulturlosen Besucher gaben ihm den Rest. Von 2013 bis 2015 mußte sich der Westflügel (Z-Bau) einer Verjüngungskur durch die Stadt Nürnberg unterziehen. Nach Verhandlungen mit den Stadtoberen, der Ablösung des bisherigen Betreibers, der Rückkehr vom Kunstverein in seine angestammten Räume, und der Wiedereröffnung des Z-Baus als „Haus für Gegenwartskultur“, kam es nach vier Jahren entgegen aller Befürchtungen zu einer Auferstehung der kleinen, kultigen Sludge-Doom-Serie im Nürnberger Süden. Caskets Open, Scythian Fall, Black Shape of Nexus, 71TonMan: In dieser Chronologie wurden die Gruppen von Mitte September bis Ende Oktober verpflichtet.
 
Freitag, 18. Dezember
 
Mit der Kartenreservierung Nummer 002 im Gepäck, hatten sich Frau Peanut und ich bei viel zum warmen Wetter am späten Mittag zur alten Unterbringung oberhalb der Südkaserne durchgeschlagen. Nach all den Befremdlichkeiten der letzten Zeit, drohte auch im beschaulichen Nürnberg die Welt gefährlich aus den Fugen zu geraten. So war der heimische Lebensmittelladen hinterm Hasenbuck von neuen Pächtern zersetzt worden. Jene verhökerten mit viel Chuzpe nur das, woran sie selber glaubten. Nicht jedoch das geliebte Zauberelixier! Aber hey: Im Gasthof treppab hielten nach wie vor die Griechen ihre Stellung, welche uns wie immer mit Ouzo und Frankengebräu beglückten! Schankbursche Lakis beschwor das neue Werk seiner Landsmänner Rotting Christ, und vor Mitternacht lagen P. und ich natürlich noch lange nicht im Bett!
Sonnabend, 19. Dezember
 
Nachdem die von der Orga geplante Retrospektive des LFA mit Plakaten und Bildern von 2004 bis 2011 aus Zeitmangel ebenso entfallen mußte wie eine Führung durch die geheimen Räume des Z-Baus, durften sich P. und ich bei Licht allein vergnügen. Nach einem Mahl beim Hellenen und einer geistigen Erbauung im „Landbierparadies“ waren wir somit am Abend auf das neue Gewand des Doom-Quartiers gespannt. Am rauhen Charme hatte sich nichts geändert. Im Außenbereich strahlten farbige Leuchttafeln, dahinter tummelten sich Horden von Technoiden zur Premiere der Techno-Reihe „Zett Opening“ im „Roten Salon“. Im Vorraum zum „Kunstverein“ angekommen, luden dort wiederum unzählige Plakate zu allen möglichen Konzerten. Und auf dem Tisch mit der Kasse zum Doom thronte das Gerippe einer Registrierkasse von anno dunnemals. Punkt 19.50 Uhr meldete sich Organisator Sebastian. Fest stand seine Stimme im Raum: „Ich erkläre den neunten Low Frequency Assault als eröffnet.“ Die kleine Meute klatschte Beifall, und hinter der schweren Tür aus Eisen hieß es: Tief durchatmen! Denn statt Symbolik prangte nun eine kunstvolle Graphik von der Bühnenwand. Die Sanierungsmaßnahmen der letzten drei Jahre hatten sich im Wesentlichen auf die Technik unterm Dach und im Keller bezogen. Neben neuen Latrinen waren Lüftungsschächte installiert und die Elektrik erneuert worden. Unter den Besuchern befanden sich unser Freund Kischde aus Schwaben, das schwer sympathische Quintett von Versus The Stillborn-Minded samt dem neuen Gitarristen Andi, zudem ihr ehemaliger Bassist Torsten, und leider auch zwei störende Feiertrupps vom Weihnachtsmarkt. Neben den Bands durfte der Kanzler als Plattenboss von „Exile on Mainstream“ und Förderer des LFA als einziger einen Verkaufstisch aufstellen.
Die neunte Edition begann mit einer klaren und deutlichen Kampfansage. Der Trommler von SCYTHIAN FALL bekannte, daß er „2006 zum erstenmal beim LFA war, daß er extra wegen dem LFA nach Nürnberg gezogen ist, und daß er sein Glas auf Boris und Sebastian trinkt.“ Scythian Fall kredenzten herkömmlichen Southern-Sludge mit sperrigen, fiependen und dräuenden Bässen: Sludge für Einsteiger. Die NOLA-Bewegung stand Pate. Doch O))I The Sludgist, John Arse, Raw Beard und Damn Neil kamen nicht aus New Orleans, Louisiana, ihr Hauptquartier stand vielmehr westlich vor Nürnberg. Unterstützt wurde der Auftritt von drei parallel laufenden Filmen in grobkörnigem Schwarz-Weiß. Der Betrachter blickte auf Hexenverbrennungen, Flammenwerfer und verrottende und von Maden zerfressene Körper. Klanglich und körperlich etwas starr mit dem Stilkorsett verrostet, verblendeten die Wackelbilder von der Wand umso mehr. Wie nicht anders erwartet, gaben sich die vier aus der Kleeblätterstadt gut geerdet, äußerst bescheiden und unbarmherzig echt. Da sei das bißchen Gleichförmigkeit verziehen. Außerdem durften sich sie Scythians über die meisten Leute freuen.
In durchschlagendem Schlamm-Doom suhlte sich auch die Quadriga 71TONMAN aus Breslau. Dabei war der Sludge der Schlesier einen Halbton höhergelegt, die Gitarren dröhnten harscher, schriller, und vor allem hatte das Rudel aus dem Osten einen Frontmann, der überraschenderweise für die erwartete Amazone in die Bresche gesprungen war, und mit ebenso neurotisch-hellem Geschrei agierte. Meine Adjutantin befand: „Eine Frau mit Bart!“ Durch den Einsatz von Echo-Effekten wirkte das „Fat, Low & Slow“ aus Osteuropa zwar etwas futuristisch und steril, doch zugleich auch apokalyptisch und düster. Auch 71TonMan setzten auf die Kraft der Bilder und ließen in Endlosschleife wiederkehrende, kriegerische und endzeitliche Wackelbilder über den Bühnenhintergrund laufen. 71TonMan waren keine Offenbarung, aber ihr Set war mit viel Hingabe gemacht, und fast mehr fürs Auge statt fürs Gehör...
CASKETS OPEN waren nur für zwei Auftritte von ihrem Heimatort Keuruu mitten in den Wäldern Finnlands nach Deutschland geflogen. Nach Halle an der Saale weilten sie heute an der Pegnitz. Erneut traf das Auge des Besuchers auf drei Lichtpunkte mit Wackelbildern im Stile alter Tonfilme der 1930er Jahre. Alles war gespannt, von einem „Spektakel“ war die Rede. Vor uns standen drei kantige Kerle in Schwarz, der Frontmann trug ein Hemd von Reverend Bizarre, und vieles erinnerte an die minimalistischen Gottväter aus Lohja. „In the End“ bedeutete kurz vor zehn den Beginn. Anders als der Rest zelebrierten Vokalist und Viersaiter Timo Ketola, Sechssaiter Antti Ronkainen und Trommler Pyry Ojala magische Zeitlupenriffs, die Klänge wälzten sich ungleich doomiger und wärmer als die ihrer Vorgänger durch die Halle. Doch dann wurden die Caskets immer schneller und schneller - um schließlich wieder in einen schamanischen Schwebezustand zu fallen. Und so ging das eine Dreiviertelstunde lang. Obgleich in tiefer Verbundenheit zu den Reverenden, kam der Sound nicht so eindringlich rüber, wie etwa auf dem phantastischen Langwerk 'To Serve The Collapse'. Zum einen fuhren die Finnen zur Hälfte neues, von überfallartigen Grindcore-Attacken versetztes Material auf. Zum anderen changierte es damit oft abrupt zwischen Ultralangsam und Ultraschnell (bei „Sperma Royala“ tobte sogar ein Rempeltanz vorm Geviert). Wobei die ergreifenden Doomer „In the End“, „Phantom Wood“ und „Desert Trees“ zu meinen Glanzlichtern der Nacht zählten. Wenngleich noch nicht vollends ausgereift, und die ganz großen Gefühle etwas fehlten, so ahnte man, was auf den Doomladen zukommt! Allein die Caskets rechtfertigten die Reise nach Nürnberg. Die Schau wurde den Suomis heute trotzdem gestohlen...
Der Keyboarder mit seiner Tastatur links vor der Bühne in der Menge verschwunden. Der Vokalist vorm Boxenturm rechts am Ausgang dahindämmernd. Die Gitarristen, der Bassist, sowie der Trommler sich derweil auf den Planken beharrlich in einem Rausch riffend und knüppelnd: So begann der Auftritt von BLACK SHAPE OF NEXUS - der heute aus einem Sludge- und einem Drone-Kapitel bestand. Im ersten Akt fackelten B.SON ihr gewohntes Feuerwerk aus Sludge in den Raum, heute aber mit vielen Wendungen, reiner im Gesang und heller im Grundton. Während Duke Gebington und Malte wie gemarterte Kreaturen ihre Köpfe und Zöpfe in irrwitziger Geschwindigkeit nach links und rechts drehten, und der Vokalist unaufhörlich Gift und Galle spuckte, tat der Rest stoisch bis auf die Knochen seinen Dienst. Allein die Körpersprache war erneut eine Wucht, und die geradezu rockige Variante des Doom bekam dem Sludge-Drone-Ungetüm überraschend gut. Mittelschnelles Gerappel ersetzte oft die dröhnenden Passagen, und sie rührten einen, gerade weil sie nicht perfekt vorgetragen waren. So entstand unter anderem durch das Mißverständnis, was an dritter Stelle folgen sollte, ein menschlicher, fast intimer Effekt, ähnlich wie bei Versus The Stillborn-Minded. Heimlicher Höhepunkt war eine Hommage an Hellhammer. Aber es gab natürlich auch die radikal subtile, weitgehend ohne Frontstimme performte, oft absurd beklemmende und auf Platte schwer zugängliche Drone-Version von B.SON. Doch in Aktion wurde es meist der blanke Wahnsinn... So legte Malte heute vorm Zwanzigminüter „Neg. Black“ sein Kehlkopfmikro an, nahm auf einem Schemel Platz, und sonderte neben abgründigem Gegurgel erstmals in meiner Gegenwart meditative Töne von einem Bass ab. Doch am Ende sprachen manche vom bislang schwächsten Erlebnis mit den Süddeutschen. Es war diesmal etwas anders...
 
Im Abspann rieselten die Überlieder des Doom durch den Kunstverein. DJ Sebastian hatte seine Zusammenstellung auf ein MP3-Gerät gebannt und mit der Anlage des Klubs verbunden. Nach der Einleitung durch Reverend Bizarres „Doom Over The World“ folgten nicht nur Winter, sondern auch Schätze aus den Zeiten von Doom Shall Rise, darunter Lieder von Mirror of Deception und Well of Souls´ „Legion of Doom“. Der Chef persönlich fegte den Boden mit eisernem Besen rein. Gegen 3 Uhr 15 haben Kischde, Peanut und ich als ziemlich letzte den Z-Bau verlassen. Draußen trafen wir wie zu Beginn auf Scharen tanzwütiger Elektrofreaks, und mußten auch die ersten Schäden am frisch sanierten Gebäude erblicken: Fenster vom „Roten Salon“ und der „Galerie“ hingen aus ihren Rahmen und gaben so die Beats der Nacht frei.
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
SCYTHIAN FALL
(20.20-21.03)
unbekannt
 
71TONMAN
(21.34-22.21)
unbekannt
 
CASKETS OPEN
(22.51-23.33)
1. In the End
2. Mayhem
3. Fetish
4. Phantom Wood
5. Voodoo
6. Sperma Royala
7. Desert Trees
 
BLACK SHAPE OF NEXUS
(0.11-1.11)
1. IV
2. 60WV
3. Triumph of Death [Hellhammer]
4. Neg. Black
5. Lift Yourself
Epilog
 
Sonntag, 20. Dezember
 
Derweil wir morgens ums halb fünf auf dem Zimmer einen letzten Schluck nahmen, wummerten noch immer die Baßtöne der Technoiden aus dem Z-Bau über den Hof der Südkasere zu uns. Zweieinhalb Stunden später war ich wieder wach. Neben Kischde, Peanut und mir fand sich im Frühstücksraum ein sludgeverliebtes Pärchen aus Waiblingen ein. Wir blickten auf den LOW FREQUENCY ASSAULT zurück: Der Neuanfang war gelungen. Von den 150 Karten für unverändert zehn Euro gingen 135 über den Tisch. Dazu kamen die zwanzig Protagonisten und Helfer. Wenngleich beim zahlreichen Erscheinen Gedränge unvermeidlich war, erwies sich der Kunstverein etwas warmherziger als früher. Welcher Klub schänkt heute noch einen halben Liter Landbier zu Einsfünfzig aus? Aus musikalischer Sicht schien die Zeit seit 2004 stehengeblieben zu sein (wie auch immer man das sieht...). Ferner blieb - außer bei B.SON - der Lautstärkepegel im moderaten 100-Dezibel-Bereich. Alle Gruppen überzeugten auf der ganzen Linie, die Stunden verstrichen wie im Flug, und alles war wie immer viel zu schnell vorbei... Während Kischde am Mittag schon wieder über die Autobahn in Richtung Schwäbische Alb rollte, genoß ich mit Frau P. beim Griechen die letzten Ouzos und hellen Biere. Die eigene Heimreise dehnte sich ins Unendliche. Als wir abends um sechs in unsrem Dornröschenkaff in der Wetterau eintrafen, offenbarte das Idyll seine Abgründe. Ein finsterer Halbmond war über unseren Briefkasten gezogen, Fremdlinge hatten sich in unserem Haus eingenistet - um uns zu vertreiben! Doch wo auch immer wir im nächsten Winter sein werden: Wir kehren zurück zum Doom in Nürnberg!
 
 

Doom, Fascination und Gewalt: ((((((Heiliger Vitus)))))), in der ersten Rauhnacht 2015