MINAMI DEUTSCH, THEY LIVE, WE SLEEP
D-Dresden, Chemiefabrik - 31. August 2019
Einem dramatischen Mittag im gleißenden Licht folgte am letzten Tag im August ein umso entspannteres Konzertritual mit Pilz- und Sternenrock. Nachdem ich mit meiner Schnecke und den Dreißigtausend im Rudolf-Harbig-Stadion DYNAMOs verrückte Aufholjagd von einem 0:3 zu einem 3:3 gegen den FC St. Pauli (Alarmstufe Rot, der Todfeind!) durchstanden hatte, verwöhnte Elbsludgebooking unsere Abendstunden mit einem wunderbaren Konzi in der „Chemo“. Am Start waren Minami Deutsch aus Tokio und Dresdens They Live, We Sleep. Nur einhundertfünfzig Leute tummelten sich im Lieblingsklub, weit weniger als erwartet. Und das bei gerade mal zehn Euro Eintritt... Mutmaßlich war die Veranstaltung etwas kurzfristig zustande gekommen. Denn auf den mitgeführten Tourplakaten von Minami Deutsch tauchte Dresden als einziger unter 48 weiteren Orten überhaupt nicht auf. Sei´s drum: Alle, die den Weg fanden, hatten eine fantastische Zeit!
Außergewöhnlich früh, um halb neun, betraten THEY LIVE, WE SLEEP die verdunkelte Bühne. Die Wand hinter den nur schemenhaft zu erkennenden Akteuren wurde von einem eigens errichteten Video-Mischpult.mit hochgradig fesselnden Lichtspielen in Schwarz-Weiß illuminiert. Dystopische Städte und Landschaften, brodelnde Vulkane, riesige Augen und ewigliche Himmelserscheinungen flimmerten darüber. Dazu zelebrierte das Dreigestirn aus Dresden einen atemraubenden Wechsel zwischen Gespenstisch, Gefühlvoll, Geerdet und Entrückt. Es fiel kein Sterbenswort, nur die Bilder und Klänge regierten. Stilistisch ließ sich die Schau in drei Kapitel einteilen: Auf einen massiven, finsteren Auftakt aus Post Metal folgte schräger Spacerock, bevor Postrock.mit viel Verve und subtilem Unterton den finalen Akt bestritt. They Live We Sleep lebten einerseits von ihrer großartigen Musik, aber fast noch mehr von den überwältigenden Bildern. Mit ihrer Filmkunst als viertem Mann im Bunde stachen die Dresdner selbst eine Legende wie Godspeed You Black Emperor aus. Das waren vierzig Minuten pure Ästhetik mit keiner Sekunde Leerlauf. Mir ist mehrmals eine Gänsehaut über den Arm gelaufen, Einziger Wermutstropfen: They Live We Sleep hatten weder Platten noch Shirts mit, und sie verschwanden ebenso schnell und spurlos, wie sie aufgetaucht waren.
Auch Tokios MINAMI DEUTSCH bedienten sich der Unterstützung duch das Videopult und untermalten ihren Auftritt ebenfalls mit durchgehenden Wackelfilmchen. Diese bestanden allerdings aus eher belanglosen, verschwommenen Mustern und Spiralen in surreal-bunter LSD-Optik. Davor standen drei Langhaarige mit Sonnenbrille und schüchternen Posierereien im Stile heimlicher Rockstars. Im Hintergrund trommelte eine Geisha, die eigentliche Heldin in meinen Augen. Der Sound von Minami Deutsch - ein Mix aus Psych-, Post- und Can´schem Krautrock (daher offenkundig die Hommage „Deutsch“ im Gruppennamen) - war lauter ausgesteuert als der ihrer Vorgänger, und er war getragen vom natürlichen und hoch energetischen Schlagzeug. Die Japaner fingen auf einer Linie mit den Dresdnern mit dunklen Trieben an, dann wurde es allerdings über weite Strecken verklimpert, avantgardistisch und durch eine geradezu metronomhafte Gleichförmigkeit auch sehr einlullend - bevor ein geradliniges, fulminantes Finale versöhnte. Man kann auch sagen: Kyotaro Miula, Taku Idemoto, Keita Ise und Takuya Nozaki hatten drei gute Lieder: Das erste, das letzte und die Zugabe. Bei dreien kam auch eine bizarre Fistelstimme zum Einsatz. Doch im Grunde agierten Minami Deutsch ebenfalls rein instrumental. Nicht alle hielten bis zum Schluß durch...
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
THEY LIVE, WE SLEEP
(20.32-21.11)
1. Human Quantum Energy
2. The Tempest
3. Apollo 8
4. Aurora 97
5. Pazuzu
6. Brahms´ Stalker
7. Young White Shepherd Coats Brown
 
MINAMI DEUTSCH
(21,42-22.38 / Titel ohne Gewähr)
1. Futsu Ni Ikirenai
2. Sunrise, Sunset
3. Tangled Yarn
4. Jam
5. I´ve Seen a U.F.O.
6. Concrete Ocean
Nach Fußball von Dynamo und dem ultrafrühen Ende in der Chemo hatten Peanut und ich immer noch nicht genug von Dresden. So beschlossen wir, auf dem Heimweg eine Dritte Halbzeit dranzuhängen. Unweit von Daheim und dem Pieschner Hafen war vor einem Jahr die Späti-Bar „Mole“ eröffnet worden. Dort wollte ich schon immer mal rein. Und heute, in dieser letzten wonnigen Nacht im Jahr, konnten wir auf der Sommerterrasse für ein kleines Geld roten Wein und helles Bier aus einer Privatbrauerei im sächsischen Gersdorf genießen.
 
 

Text: Heiliger Vitus, 3. September 2019, Bilder: Peanut