MOTHER ENGINE, SAUTRUS, KALAMATA
D-Dresden, Chemiefabrik - 16. April 2016
Wir waren zurück in der Welt der Schwarzgelben (Dynamo), Altvorderen (DDRler), Forschenden (Studierenden), Geerdeten (Sachsen) und Beseelten (Dresdnern). Immer noch auf der Suche nach einem neuen Leben, heimatlos im Heimatland. Mit Feldis (Feldschlößchenbier) bewaffnet, hatten Frau Peanut und ich am Nachmittag beim »Public Viewing« im Dynamo-Stadion mit zehntausend Anhängern die Übertragung des Unentschiedens von Dynamo in Magdeburg verfolgt. Während 300 Kilometer elbabwärts die Ultrabrutale zuschlug, und 700 Dynamo-Fans nicht ins Stadion gelassen wurden, segelten in Dynamoland nur am Ende einige Kracher über unsere Köpfe hinweg auf den Rasen: Die Sportgemeinschaft war aufgestiegen!... LIEBE! LIEBE! LIEBE!... Nachdem wir uns »bissl hibsch« gemacht hatten, zogen wir am Abend noch mal los... verschmähten jedoch die Rückkehr der Helden, die zwischen halb acht und halb neun zur Feier in der Lennéstraße sein sollten... und fuhren zwischen Böllern, Polizei und Blaulicht auf der Rumpelpiste nach Pieschen. Denn dort ging´s rund mit Stoner Rock in der »Chemo«. Dabei lag der Schuppen an der backsteinroten Petrikirche nur einen Tigersprung entfernt von der alten Radrennbahn in der Bärnsdorfer - auf der in den Siebzigern der Verfasser dieses Rapports seine Runden zog... Im heutigen, räudigen Ambiente rannen indes Vollbier und Coschützer (große Pulle: eins achtzig) durch die Kehlen. Man gab sich mit Schnäpsen die Kante. Und als auch noch der Frontmann von Gorilla Monsoon im Barbereich aufkreuzte, wurde die Nacht für uns endgültig zu einer hochgradig unterhaltsamen. Jack Sabbath bombardierte mich mit hirnkitzelnden Fragen und Erleuchtungen zugleich. Leider ließ die Kasse immer mehr Leute rein, so daß der Tanzraum mit weit über 150 Leuten zu einem rammelvollen und viel zu lauten Schwitzkasten geriet. P. mokierte sich übers Damenklo: Es sei das perverseste, was sie je sah.
Bässe, Bässe, Bässe... Die Instrumental-Gruppe KALAMATA aus Hildesheim bemühte sich erst gar nicht, mit ihrem Psychedelic Stoner Rock neue Wege zu gehen, und stonerte massiv wie Kyuss zur 'Welcome to Sky Valley'-Ära (nur ohne Gesang) oder wie die ebenfalls rein instrumentalen Karma To Burn. Man verzichtete dabei auf große körperliche Aktionen, ließ sich weitgehend von der eigenen Klangkunst treiben, ohne zu langweilen. Im Verbund mit den entschleunigt dahinwabernden Niederfrequenzen ergab sich ein hypnotischer Trip in endlosen Schleifen, der auch in der zigsten Wiederholung noch wohlig wuschig klang. Nach ihrem regulären Set ließen sich die drei Kalamatisten auch nicht lange lumpen, und spielten ebenso viele Verlängerungen, die erste davon mit jazzigem Unterton, und kaum eine unter zehn Minuten.
Bei SAUTRUS füllte sich der Tanzraum nur langsam wieder auf. Höchstens achtzig erlebten den Anfang mit seinen eigenwilligen Titeln »The Knurr« und »Iommi Iommi«. Und um ein Haar hätten mich SautruS in der für nicht mehr möglich gehaltetn Weite des Raums zu einem Veitstänzchen angestachelt - wäre mir nicht auf dem Weg an die Bar Jack Sabbath begegnet... Die vier aus dem Norden Polens spannen ein Geflecht aus sechziger Psychedelik und Okkult, ganz frühen Black Sabbath und klassischem Heavy Metal zu einer Art unorthodoxem Heavy Rock. Dabei trug ihr Vokalist einen verwegenen, feuerrot glitzernden Mantel zur Schau, und er machte gewaltig einen auf Ozzy. Der Sound lief mit einigen Haken und Macken, er war schwer verhallt, aber auch sehr originell und durchaus mit eigenem Kopf. Nach einem Hänger im Mittelteil drehten SautruS hinten raus noch mal richtig auf, und fuzzten sich mit ihrem sehr guten Sänger zu den heimlichen Siegern der Nacht empor! \m/
Die Zeiger rückten bereits auf ein Uhr, als sich die drei Sachsen von MOTHER ENGINE auf der Bühne zusammenfanden, noch mal innig drückten, um schließlich ihre Klänge durch den Äther zu schicken. Nach dem Ausstieg ihres Sängers lassen Trautenbach, Dressel und Grünert nur ihre Apparillos sprechen. Der Sound lief wie ein gut geöltes Triebwerk, aber für mein Gefühl etwas zu harsch, zu wild, zu modern. Mother Engine sahen wie Stonerrocker aus, aber sie spielten postmetallisch anmutenden Heavy Rock, der von psychedelischen bis progressiven Experimenten durchzogen war. Doch die Meute schien mit dem Stoff vertraut und feierte das Trio aus Plauen headbangend ab. Zu Beginn der zweiten Nachtstunde paktierten Mogwai, Isis und Long Distance Calling, und die Titel trugen Namen wie »Nebel«, »Wüstenwind«, »Lichtung« oder auch »Sonne«. Für mich waren Mother Engine eine schöne Geschichte, die aber heute etwas ins Leere lief. Das Ende war uns leider nicht vergönnt...... Am frühen Morgen - Jack Sabbath war längst so geisterhaft verschwunden wie er auftauchte - fielen Frau P. und ich in die Horizontale...
 
Als ich mich Stunden später zum Einstieg in den Zug nach Frankurt entschied (den ich gar nicht wollte!), freute sich niemand. Ob es die richtige war, merkt man oft erst viel später. Aber kein Abschied ist für immer.
 
 

Text und Bilder: Heiliger Vitus, 18. April 2016
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
KALAMATA
(21.45-22.26)
1. Intro Session
2. Neu #5
3. Die
4. Neu #3
5. To
6. Neu #4
7. Neu #1
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8. Neu #2
9. Mother
10. You
 
SAUTRUS
(22.45-0.00)
1. The Knurr
2. Iomi Iomi
3. Kuelmaggah Duel
4. Suentist
5. Roscoe / Apple Song
6. Black(est) Hole
7. Seed
8. Synopticon / The Way
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9. Ricochet
10. Shotgun
 
MOTHER ENGINE
(0.40-?.??)
Unbekannt