NADJA, EX-ORBIT
D-Dresden, Chemiefabrik - 23. April 2019
Zum heutigen Dröhn-Ritual in der Chemo kam ich wie die Jungfrau zum Kind. „Goddess of Doom“ Peanut hatte mich aus dem fernen Frankfurt übers Telefon informiert. Sie selber wäre gern dabeigewesen, aber fünfhundert Autobahnkilometer waren doch des Guten zuviel. Hingegen ich gedanklich noch immer im Radrennen „Rund um den Sachsenring“ vor drei Tagen festhing. Aber Nadja!... Die Ambient-Drone-Doom-Legende... Für neun Euro Eintritt... Da mußte ich hin! Womöglich zum letztenmal traf ich an jenem Dienstagabend auch unseren Dresdner Geistesbruder Arvid, der nach Space Pilgrim auch sein anderes Doom-Projekt From Yuggoth begraben hat, und zu neuen Ufern in Hamburg aufbricht. Der schratige „Goat ov Pike“ Ziegenbalg hütete auch an seinem heutigen Geburtstag die Kasse und das Tor zum Paradies. Rund sechzig Leute rückten an. Endlich wieder (((Doom)))......
Ein aus dem Hintergrund in den Raum gebelltes „Los!“ läutete um 21 Uhr 10 den Auftritt von EX-ORBIT ein. Sechzig Minuten, fünf Titel, alle römisch durchnummeriert: So ließe sich die Darbietung kurz und knapp zusammenfassen. Aber damit würde man den drei Endzwanzigern aus Dresden und Berlin, die rein biologisch die Söhne von Nadja sein konnten, Unrecht tun. Denn nach einem etwas verkrampften Beginn mit verstörend hart dröhnenden Trossen wurde alles gut. Speziell die drei Lieder im Mittelteil rissen mit einer unglaublich drückenden, geradezu melodramatischen Rhythmik alle mit. Ex-Orbit verquirlten instrumentalen Post Metal, Postrock, Noise, Spuren von Drum & Bass und einige Fetzen Englisch aus dem Off zu einem nicht neuen, aber hoch explosiven Gebräu, daß man Post Sludge nennen könnte. Dabei agierten die drei physisch sehr komprimiert, ohne großen Schnickschnack. Das war schon mal ein packender Auftakt, ein „Brett“ wie man landläufig sagt!
Zu meiner ersten Berührung mit NADJA kam es durch Leah Buckareff, die mutterseelenallein im Verkaufskabuff hinter einem Tisch voller Vinylplatten, einem Karton CDs und einem Shirt und einer Stofftasche saß. Wie bisweilen unter Gleichaltrigen, zog ich mich verstohlen zurück. Auch Buckareff schien von dem Blickkontakt peinlich berührt, um in der Folge als Spion mit Damentäschlein mal hier, mal da in der Meute zu stehen (und ihr beim Auftritt schließlich konsequent die kalte Schulter zu zeigen). Nadja waren ein aus Toronto stammendes und derzeit in Berlin lebendes Künstlerpärchen aus dem Gitarristen Aidan Baker und Bassistin Leah Buckareff. Wobei Baker das Projekt 2002 für Studioaufnahmen gründete und durch seine Partnerin am Viersaiter seit 2005 auch live spielen kann. Der Gruppenname stammt von Aidan, der rückwärts gelesen - mit künstlerischer Abwandlung - Nadja ergab. Fünfundzwanzig (!) Alben und minimum genauso viele EPs, Splits, Singles, Kolloborationen und Livealben haben die beiden kleinen, fast zwergenhaften Kanadier, schon rausgebracht. Vieles ähnelt sich. Es gibt Leute, die deren experimentelle Musik für unhörbar, als pure Meditation halten. Das hängt aber vom eigenen Verständnis ab. Für mich waren Nadja ein weiteres Ereignis in der Tradition der wortlosen Drone-Doom-Koryphäen Sunn O))), Boris und den frühen Earth. Nadja waren ein Strudel aus noisigen Distortionen, der sehr organisch und feinfühlig daherkam, mit ekstatischem Groove gesegnet war, jedoch zu keiner Sekunde seicht wirkte, und der um Liebe und den Tod kreiste. Da war es auch nicht weiter schlimm, daß die markanten, wuchtigen Trommeln aus einer Drum-Maschine ertönten und die Gitarren auch spielten, wenn das Pärchen nur so tat und nicht in die Saiten griff. Drücken wir ein Auge zu. Denn die Urheber für diese wahnsinnig schönen, doomigen Ambientklänge waren Nadja. Ein finsteres Finale mit Kanten auf Zeitlupe beschloß die Stunde zwischen halb elf und halb zwölf. Eine mit Köpfchen und sehr viel Gefühl!
 
 

Text: ((((((Heiliger Vitus)))))), 24. April 2019, Bilder: Vitus und Goat ov Pike