DUDEFEST PART III
 
SAINT VITUS, DOPELORD, ULTHA, SABBATH ASSEMBLY, MESSA
D-Karlsruhe, Jubez - 3. Mai 2019
Karlsruhes DUDEFEST ist nach Eigenbekundung sowas wie die kleine deutsche Tochter des amerikanischen Originals in Indianapolis. Es wurde 2009 vom Jugend- und Begegnungszentrum „Jubez“ erstmals ausgerichtet und vermengt in der Hauptsache zeitgeistigen Postcore, Noise, Sludge, Drone und Ambient. Dieser Tage steigt es jährlich mehrmals im Frühling und Herbst. Wobei die Gruppen im fliegenden Wechsel auf zwei Bühnen des Achtzigerjahrebaus am Kronenplatz auftreten. Im Frühling traf nun der Doom-Tross von Saint Vitus (USA) und Dopelord (Polen) auf die Okkultrocker von Sabbath Assembly (USA) und Messa (Italien). Während die Doomer am Ende ihres Wegs angelangt waren, starteten die Rocker heute ganz frisch durch. Fünfte im Bunde waren die Schwarzmetaller Ultha (Deutschland). Dreihundert Gäste fanden sich ein; die meisten wollten SAINT VITUS sehen. Frau Goddess of Doom Peanut und ich hatten uns im letzten Moment (und ohne etwas von den übrigen Gruppen zu wissen) zum Ausflug nach Baden entschlossen. Nur für Saint Vitus hatten wir wieder mal einiges geopfert: pro Karte 35 Euro, die Zugreise mit 66 Euro, dazu jedes Getränk im Jubez vier Euro, die Übernachtung vor Ort für 58 Euro... Treibende Kraft war Peanut, die nach wie vor sehr am Doom hängt (und nicht weiß, was in der Zukunft sein wird). Während das „Dudefest“ für mich eher die nachgeholte „After-Race-Party“ zum großen Radrennen Eschborn-Frankfurt vor zwei Tagen war (nur daß ich mit niemand darüber reden konnte). Am Ende von Saint Vitus´ langem Kreuzzug zeigte sich deren Stand weitgehend leer. Neben einem signierten Schlagzeugfell war für 100 Euro auch eine Rohpressung der 'Thirsty And Miserable'-EP von SST Records 1987 zu ergattern.
Weil ihr Tourleiter am ersten Mai entschied, den Auftritt im Club 7 in Mannheim abzusagen, war Karlsruhe für die aus Padua in Venezien stammenden MESSA der Tag eins einer langen Reise durch Europa. Sie spielten ihre ersten Töne exakt um 19 Uhr 4 Süddeutscher Zeit. Wie von Italienern gewohnt, präsentierten Sara, Alberto, Marco Messa und Mistyr ihr obskur-poetisches Material äußerst liebevoll und detailversessen. Dabei setzten sie nicht zuletzt auf den guten alten Okkultrock ihrer altvorderen Landsleute. Treu des Gruppennamens - Messa bedeutet Masse auf Italienisch - wäre das Album 'Black Mass' von Steve Sylvesters Death SS auch eine gute Referenz. Rein von der Aufmachung war die Geschichte schlichtweg perfetto (Die siebziger Kluft! Die langen Haare! Der bezirzend wabernde Weihrauch!), sie hatte nur zwei entscheidende Makel: die höllische Lautstärke; und ein schönes weibliches Geschöpf, das nicht singen konnte. Messa waren wie ein Projekt, das immer noch herausfinden will, wohin der Weg eigentlich führt. Sie erprobten viele Stile - von Psych über Prog und Doomrock bis hin zu Ambientpassagen.
Auch die Texaner SABBATH ASSEMBLY waren von einer Dame gefrontet: nach der berühmten Jex Thoth von Jamie Myers. Die zwar ebenso verrucht wirkte, aber nur neurotisch quieken konnte. Peanut befand kurz und bündig: „Das ist grausam! Da geh´ ich noch nicht mal hin und guck´!“ Um das auf 35 Minuten zusammengestutze Dreiviertelstundenprogramm zu überstehen, mußten etliche Malzgetränke dran glauben. Zum Glück kam unser schwäbischer Spezl Kishde dazu. Damit verging die Zeit recht schnell. Mit ihrem simplen, bretthart nach vorn preschenden Hardrock im Dampfhammer-Modus hätten sich Sabbath Assembly in den USA der Achtziger dem Massengeschmack angedient. Für uns zählten sie eher zur Kategorie „SchleKaz“ (Schlechtestes Konzert aller Zeiten). Aber zumindest glänzten Myers und ihr männliches Gitarrenduo durch obessives Headbanging.
Kurz vor neun stand die erste Gruppe auf der Bühne des großen Saals: DOPELORD aus Warschau. Tief durchatmen, lautete die Devise nicht bloß im wörtlichen Sinne. Welch krasser Unterschied bot sich hier im weiten Raum zum flachen Krawall im engen Nebenan. Mit langsamen, kraftvollen Melodien, kolossalen Bässen und zwei irrsinnigen Stimmen zwischen Glockenrein und Harsch, hatten Miodek, Mroku, Klusek und Ochocinski die Schar sofort in ihren Bann geschlagen. Alle waren Bartträger und die Gitarrentroika sah sich ziemlich ähnlich. Derweil der Neue an den Trommeln als einziger Langhaariger die Szenerie eher flankierte. Dopelord entführten uns in der Folge fünfzig Minuten lang mit stoischer Mimik, klugen Gesangswechseln, hochgradig eindringlich erzählten Geschichten mit finsterem Unterton, und Klängen zwischen Sleep und frühen Electric Wizard, sprich: hypnotischem Stoner Doom! Mit „Magick Holocaust“ zogen sie am Ende ihr schwärzestes Ass aus dem Ärmel. Dopelord waren das einzige echte Zeitlupenkommando der Nacht! Der im Nachhinein bestellte Silberling von 'Children Of The Haze' kam per handgemachter Schneckenpost als Einschreiben im tiefschwarzen Umschlag mit Briefmarken aus Polska. Jawohl und Dziekuje, Klusek!
Auch mit ULTHA hatte ich mich überhaupt nicht befaßt. Der Name versprach allerdings subtile Faszination. Black Doom hatte ich erhofft. Aber es wurde - die angebotenen Shirts ließen es befürchten - Paranoiametal im Blitzkriegtempo. Nach Dopelord waren die vier aus Köln nahezu übergangslos im kleinen Saal mit Black Metal durchgestartet. Fliegende Trossen, rasselndes Schlagzeug, heisere Schreie, bizarre Optik versteckt in Nebel: Das kannte man von Wolves in the Throne Room, Der Weg einer Freiheit, Downfall of Gaia etc., etc. Um die Blast-Attacke von C, R, A und M überhaupt durchzustehen, versuchte ich mich mittels Hopfenhaltigen in eine Art Hyperfrühlingsschlaf zu versetzen. Chandler gähnte erst herzhaft eine Wand im Vorraum an, verfolgte das Geschehen dann kurz aus der letzten Reihe, und wurde nach der Rückkehr aus der frischen Luft vom Einlaß mit einem knappen „Hallo!“ zurückgepfiffen. Erst kurz vor elf sollte ich geweckt werden, um mich auf die Helden vorzubereiten. Geschätzte Zeit bis dahin: eine kleine Ewigkeit.
SAINT VITUS, USA, schlugen sich heute die sechsundzwanzigste Nacht in Folge mit einem Auftritt in Europa um die Ohren (und morgen kam noch Leipzig...). Trotzdem wirkte Dave Chandler zwar ausgelaugt, aber körperlich in guter Verfassung. Henry Vasquez hatte sogar etliche Pfund abgespeckt und hielt sich still im Hintergrund. Während Pat Bruders den ganzen Abend das Bad in der Menge suchte; und sich Scott Reagers nur für die Zeit im Showlicht zeigte. Was die Liedauswahl anging, war heute vieles anders. Saint Vitus stellten sechs vom neuen Album 'Saint Vitus' vor, daß dieser Tage erscheinen sollte. Die übrigen acht waren in der Reihenfolge stark verändert. Los ging´s in der gewohnt spartanischen Ästhetik, mit Wah-Wah-Apparillos und den hinreißend zelebrierten Altigkeiten „Dark World“ und „White Magic/Black Magic“. Aber schon mit „Remains“ (welches dem unter Parkinson leidenden Bassisten Adams gewidmet war), sowie „Hour Glass“, wurde den alten Addicts knackig vor den Kopf gestoßen. Jenen schüttelten Peanut und ich bei „War is Our Destiny“ und „One Mind“ um so kräftiger. Bevor ein Heavy-Metal-Feuerwerk aus Neuigkeiten die großen Gefühle abrupt zunichte machte. Die Seele von Wino ist unberühbar, an seine dunkle Sehnsuchtsstimme kommt nichts und niemand auf der Welt heran. Aura hat uns maximal der liebe Gott geschenkt. Reagers schien die Tour ziemlich zugesetzt zu haben, seine Stimme wirkte überstrapaziert und spröde. Neben der üblichen Ölung aus einem Steinpott behandelte er sie auch verstohlen mit einem Spray. Mit fortschreitender Dauer wirkte der Ablauf etwas verbraucht. Das mit aneinandergeschlagenen Flaschen gespenstisch eingeleitete „Burial at Sea“ war meine letzte magische Erinnerung an die Heiligen. Selbst „Born too Late“ verblaßte heute zum Auftakt eines wilden Showdowns. Am Ende stand mit „Useless“ eine raserische Hommage an den Achtzigerjahre-Hardcore. War das Götterdämmerung? Oder drücken wir alle Augen zu? Saint Vitus mußten zur Unzeit ran, sie waren am Ende einer langen Reise durch die alte Welt, und wurden final von ihrer treuen Gefolgschaft durch den Auftritt in Karlsruhe getragen.
 
Derweil Peanut und ich recht bald das Weite suchten, zog es Kishde zur deliranten Nachtstunde noch ins Karlsruher Rotlichtviertel. Wir selbst sahen am folgenden Mittag erst die Stadiongänger vom KSC vom Bahnhof zum Wildpark ziehen. Und dann einen alten Sack, der in einer Kneipe spektakulär mit dem Gesicht in einem Teller Nudeln schlief.
 
 

Text und Bilder: Heiliger Vitus, 10. Mai 2019
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
MESSA
(19.04-19.48)
1. Leah
2. She Knows /Tulsi
3. Hour of the Wolf
4. Snakeskin Drape
 
SABBATH ASSEMBLY
(20.04-20.39)
Titel unbekannt
 
DOPELORD
(20.54-21.45)
1. Toledo
2. Reptile Sun
3. Dead Inside (I&II)
4. Children of the Haze
5. Preacher Electrick
6. Magick Holocaust
 
ULTHA
(21.55-22.44)
Titel unbekannt
 
SAINT VITUS
(23.54-0.05)
1. Dark World
2. White Magic/Black Magic
3. Remains
4. Hour Glass
5. War is Our Destiny
6. One Mind
7. A Prelude to...
8. Bloodshed
9. 12 Years in the Tomb
10. Burial at Sea
11. Saint Vitus
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12. Born too Late
13. Hallows Victim
14. Useless