NAXATRAS, PUTA VOLCANO
D-Dresden, Chemiefabrik - 18. April 2022
Nach fast zweieinhalb Jahren Abstinenz vom Klub „Chemiefabrik“ und dem jüngst, Gründonnerstag, verpaßten Stoner-Doom-Konzi mit Confusion Master, Gaffa Gandhi und Might, waren Frau Peanut und ich spitz auf die Nacht der Hellenen am heutigen Ostermontag. Elbsludgebooking hatte Salonikis Psychfreaks Naxatras nach Dresdensia geholt. Im Schlepptau kamen Athens Puta Volcano. Unter dem Dogma „Getestet, Geboostert, doppelt Geimpft und Genesen“ sowie verschlagenen zwanzig Euro Eintritt, fanden sich rund hundert Leute.ein. Damit war der blitzblank geputzte Lieblingsklub gut gefüllt. Bekannte Gesichter trafen wir indes nicht. Einzig Organisator Frido und den Soundmann in Leopardenweste hatten wir schon mal gesehen... Ansonsten tummelten sich eher Studenten im wohlig dunklen Saal. Auch ein Dutzend Altmucker und Langhaarige wurden erblickt. 1980er Wave und Synthiepop dienten als Pausenbeschallung.
Mit einer halben Stunde Verzug legten halb neun PUTA VOLCANO los. Hörproben versprachen nicht gerade das Gelbe vom Ei, eher angestaubten Heavy- als angekündigten Stoner Rock. Doch es kam anders. Vor uns standen drei kleine, kauzige Kerle mit Bart und eine Lady unter Mütze und Mantel. Anna Papathanasiou, Alex Pi, Steve Stefanidis und Bookies zelebrierten ihr Livealbum 'Onassis Stages A' in voller Länge. Der Auftakt wirkte lampenfiebrig, der weibliche Gesang hart, grell, überdreht. Dann entledigte sich Anna ihrer Vermummung, wandelte sich von einer mystischen Schamanin in eine leichtbekleidete Amazone, stürmische Trossen tobten, blondes Haar wirbelte und die Bühne erbebte unter den Klängen der „Hure Vulkan“ - wie die Gruppe auf Deutsch heißt. Künstlerin Papathanasiou ließ die Waffen einer Frau spielen, wirkte nun überhaupt nicht mehr überdreht, sondern - bisweilen von ihren Gitarristen stimmlich unterstützt - frisch, keck und charmant. Puta Volcano zelebrierten auch keinen plumpen Retrorock, sondern ein fantasievolles Abenteuer mit Herz und Bauch und nur einem Manko: fehlender Tiefe zulasten eines knochenharten Sounds. Einzigartigkeit? Neuentdeckung? Die nächsten 1000mods? Na ja... Aber Leidenschaft, Hingabe und Atmosphäre rissen uns mit. Neben leider viel zu selten stonerig hupenden Gitarren und einigen gefühlvollen Momenten gab es Macken wie Annas Suche nach einem gewissen „Jonas“, welche jemand mit dem Trinkspruch „Jamas!“ erwiderte - worauf Anna entgegnete: „You are drinking? Jamas!“. Das Beste kam zum Schluß, der Gitarrist hatte es mit einem verschmitzten „Hey guys, last song“ angesagt. Es trug den Namen „Kassandra´s Gift“. Puta Volcano führten kunstvolle Textilien der Hindu-Göttin Amma mit. Und welche Vorgruppe spielt schon eine satte Stunde?
NAXATRAS waren der andere Bund aus dem Land der großen Denker. Bassist und Sänger John Vagenas, Sechssaiter John Delias, Schlagzeuger Kostas Harizanis und Keyboarder Pantelis Kargas fügten viele Genres zu einem entrückten Klangkosmos zusammen. Was mit traditionellem Psychedelic Rock und ätherischen Frauenchören aus dem Off begann, wuchs sich zu experimentellem Prog Rock mit einem Schuß bedrohlichem Drone und indischer Sitar aus; der abschließende Showdown erfolgte nach Space-Rock-Manier. Über allem stand eine Optik, die ihren Ursprung nicht zuletzt dank eines Keyboards in den seligen Siebzigern hatte. Naxatras lieferten einen facettenreichen Mix aus Hawkwind, Pink Floyd, Vangelis mit etwas Sunn O))) und Ravi Shankar, der sich unter stimmungsvoller Bühnenausleuchtung wunderbar tantrisch ins Ohr schmeichelte. Die Lieder hatten philosophischen Hintergrund, sie handelten unter anderem von Tod und Wiedergeburt und wurden - nach einer aus drei rein instrumentalen Liedern bestehenden halben Stunde zu Beginn - von den glockenreinen, hellen Stimmen der beiden Saitenmänner vorgetragen. Wobei sich der ein Candlemass-Shirt tragende Vagenas als heimlicher Frontmann entpuppte. Nach dem Höhepunkt „All the Stars Collide into a Single Ray“, in dem es um einen besseren Ort zu leben ging, folgte ein kolossales Finale in Form zweier Zugaben. Ein markerschütternder Schrei von Vagenas läutete schließlich den Herausstecher der Nacht, „The Great Attractor“, ein. Wie Puta Volcano waren auch die nach einer Mondstation benannten Naxatras mit Überlänge unterwegs: Die kleinen, bärtigen Griechen aus Saloniki transzendierten anderthalb Stunden!
 
 
Text: Heiliger Vitus, 19. April 2022; Bilder Peanut
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
PUTA VOLCANO
(20.30-21.28)
1. Entropica
2. Bird
3. Dune
4. Black Box
5. Raindance
6. Primitive Data
7. Zeroth Law
8. Venus Lullaby
9. Neon
10. Infinity
11. Kassandra´s Gift
 
NAXATRAS
(21.45-23.18)
1. Proxima Centauri
2. Pulsar 4000
3. Omega Madness
4. Journey to Narahmon
5. Machine
6. Horizon
7. All the Stars Collide into a Single Ray
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8. I Am the Beyonder
9. The Great Attractor