NOVEMBER´S DOOMSDAY II
 
SCHISTOSOMA, DAVIDIAN, ENCRYPTION, TINITUZ
D-Langenzenn, Alte Post - 26. November 2004
Prolog
 
Doomerstag, 25. November
 
Das schwermetallische Wochenende hatte für mich bereits am Donnerstag mit einer ANNIHILATOR-Nacht in den heimischen Hallen begonnen. Tags darauf hatte ich frei: Endlich Gelegenheit, um bei einigen Bierchen alte Konzertvideos von Metalero Krukenberg zu schauen. So genoß ich Kanadas Speedthrasher bei deren legendärer Schau vom 29. Juni 1989 im „Vobi“ Frankfurt. „Welcome to your death, Alison Hell!“ Da bin ich mal gewesen! Und fünfzehn Jahre danach kehrten alle Bilder zurück. Nie wieder wird Metal so wie damals sein! Thrash wartete auch morgen - im Vorprogramm des Doom. Es wurde spät an jenem Donnerstag...
 
Thrashiger und Deathiger Freitag, 26. November (1. Tag)
 
Vormittags um elf ging´s zusammen mit Höllenfürstin Peanut 333 auf in den Süden. Vier Stunden später hatten wir Langenzenn erreicht. Unser Doomizil war wie im Vorjahr der Gasthof „Rangau“. Wir verhafteten im Laden ums Eck den üblichen Stoff, und bald darauf stieß unser Doomgefährte aus Genthin hinzu. Kalle hatte Verstärkung mitgebracht - Feldmütze, Glatze, Augen und Oberkörper wie ein Kampfhund: Micha. Es war der Beginn einer langen Freundschaft... Nach der Bekanntmachung und Einverleibung von Würstchen und ein paar halben Litern (im Rangau für 1,90 Euro), begaben wir uns zum Schauplatz „Alte Post“. Der Preis für die Zwei-Tages-Karte betrug zehn Euro. Mit Akteuren, Personal und 53 Zahlenden waren 75 Personen in den - laut einer gewissen Steffiistcrazy - „verygeilen“ Klub am Denkmalplatz geströmt, davon die Hälfte Schwarzmetaller und viele Mädel. Der Sprung vom Trott in den Untergrund mit völlig anderen Ritualen war vollzogen. Alles war wie vor einem Jahr, als ob die Zeit stillgestanden habe, und wir waren nur mal kurz weg...
Der Postbunker war mit einer brandneuen Beschallungsanlage aufgerüstet worden. Vier Youngster durften sie deflorieren. Schlag sieben droschen TINITUZ vor zwanzig Leuten Metallicas „For Whom the Bells Toll“ durch die neuen Speaker. Mit Mördersound - und dem Nachsatz: „Das war noch nichts.“ Nur Probe! Kurz nach sieben ließ der Stoßtrupp von der Frankenhöhe die Ohren jedoch ernsthaft bluten. Nun nicht mehr mit verklärenden Metalgloriolen, sondern mit sehr aktueller Gesellschaftskritik auf Deutsch! Bassist und Sänger Bernd, die Gitarristen Sebastian und Michael, sowie Trommler Jochen machten absolut giftig-düsteren Metal Punk zwischen Drecksau und Fliehende Stürme! Mal rasend-explosiv, mal morbid-schleifend, und mit vielsagenden Titeln wie „Blinde Massen“, „Klon“, „Du schaufelst mir mein Grab“ und „Sklave“. Räudig fauchend schrie Fronter Bernd all seine Wut und Verzweiflung heraus. Kostproben: „Gesteuert wie Puppen an ihrem Faden / Von oben nach unten ist das System / Marionetten die keine Meinung haben / Geführt von Führern die nichts mehr sehn“ ( „Blinde Massen“ ). Oder: „Die dunkelsten Stunden / Resultat aus Depression / ein Irrweg durch die Psyche mit dem Tod als Endstation“ ( „Amok“ ). Dazwischen mal Metallica als sie noch Metallica waren, und zwei auf Englisch kredenzte Punkrocker älterer Machart. Doch letztlich immer wieder subtiler Protest bis abgrundtiefstes Kotzen gegen eine kranke Welt: „Das Dunkel regiert in diesem Land / Es zieht mich hinein in diesen Bann... Ich will hier raus, wieder ins Licht!“ ( „Ins Licht“ ). Dieser harsche Realsinn machte die Franken so glaubwürdig. Sie trafen mich mit geballter Macht. Nicht auszudenken, wenn zu ihrer rotzig-frechen Attitüde noch Weisheit kommt... Die Abräumer des Abends rappelten siebzig Minuten!
 
In der Pause stieß ich auf Dead Heart Bleeding-Schrat Slayer. Der erklärte, daß sein Trupp Jobstreß habe und er es lieber ganz ließe als etwas Halbes zu machen. Die blonde Metalhexe Steffiistcrazy machte sich mit mir bekannt.
Halb neun schritt das 1995 formierte und damit älteste Rudel des Doomsday zur Tat: ENCRYPTION. Niemand sollte so viele Anhänger verzeichnen wie die einstigen CRYPTIC. Siebzig huldigten der langhaarigen Quinte aus Mittelfranken. Darunter etliche Blackmetaller. Welche sich wohl verirrt hatten. Denn Encryption lieferten phantasiereichen Melodic Power Thrash im Geiste von Blind Guardian und Iced Earth. Nur leider vermochte ihr Vokalist den Idolen kaum das Wasser zu reichen. Der Gesang war einfach zu piepsig, die Gitarren zu dünn, dafür das Schlagzeug zu dominant. Tödlich ferner: die Blendgranaten gleichenden Stroboskop-Blitze - die den Frontmann immerhin zu einem lakonischen „Man kann maximal einen epileptischen Anfall bekommen“ hinriß. Ein weiteres Kuriosum: Mit der vierten Nummer erfolgte ein Tausch hinterm Schlagzeug und mit dem Ungetüm „Predator One“ zugleich ein richtiger Höhepunkt. „Olli, Olli“-Rufe tönten durch den Raum, und selbst den eingefleischten Slowbanger Kalle riß es zum Headbangen hin. Dem melodischen Titelsong „Perishing Black Light“ folgte ein erneuter Wechsel hinter den Kesseln, sowie das Geständnis „Das letzte Stück. Wir können nicht mehr. Es ist das längste: 'My Messiah'.“ Letztlich packten die fünf „Verschlüsselten“ dann doch noch einen Speedster aus, einen von Metallica, sehr eindringlich zelebriert: „Master of Puppets“.
 
R.I.P.
Schlagzeuger Jojo starb 2006 jung an schwarzem Hautkrebs.
Nun war die Zeit reif für ein bißchen „tHrash with a capital fuckin H!!!“ Zeit für zornigen Thrash Metal mit DAVIDIAN aus Württemberg samt dem Langeisen 'Abuse of Power' im Sturmgepäck. Die nach dem Machine-Head-Titel benannten, langlodigen Fünf gingen gleich mit dem Auftakt „Religious Exploitation“ wesentlich robuster und ruppiger, aber auch sperriger zu Werke als die Vorhut. Sie hatten mit dem Iren Prendergast einen sehr unkonventionellen, alles niederrüpelnden Frontkrieger in ihren Reihen. Die „Feelings of Anger“ sprengten nicht nur Nackenwirbel, sondern auch eine Gitarre. Die Durchsage „Wir müssen das Instrument löten“ schallte durch den Klub... und kurz darauf: „Also machen wir schnell weiter. Guerillas, der Kampf geht weiter!“ Dies die Ansage für „Revenge Be Mine“. Die Nummer wirkte etwas lustlos, zudem schlug die Snare durch. Der aus persönlichen Gründen die Gruppe verlassende Fronter Chris dankte Veranstalter Schuch und widmete ihm „Let Us Rise“. Ein wild heruntergeprügelter, fast schon deathiger Speedfuck folgte; und mit haßerfüllt-heiserer Stimme ließ Prendergast wissen: „Ich wundere mich nicht mehr über Politik in Deutschland. Aber wie blöd muß man sein, George W. Bush ein zweites Mal zu wählen?!“ Bush zu Ehren, droschen Davidian das „Davidian Massacre“ in die Bangerschaft! In den Achtzigern lautete die Parole: „Thrash or be thrashed!“ Davidian waren keine Abweichler.
 
In der Pause Ordern von neuem „Ammerndorfer Hell“-Höllenbier (1 Euro 50 der halbe Liter übrigens). Plötzlich stand Slayer vor mir, unkte ich würde Doomgott Wino immer ähnlicher sehen, und erhob mich zur „Kultfigur der deutschen Doomszene“! Mir verschlug es glatt die Sprache. Die Wirklichkeit geriet zu einem Fake...
Final waren die von Steffiistcrazy so schwer gepriesenen, fränkischen Todesmetaller SCHISTOSOMA dran. Heike Schäfers feierliche Jesusode „Die Glocken von Rom“ diente dem ursprünglich als EUTHANASIE gestarteten Kommando als Einleitung. Und Schisto hatten „noch was Langsames, etwas von Slayer: 'Beautiful'.“ Böser Scherz! Vokalist Markus, Viersaitendreadlockmann Andruu, Zweisaitenmehr Markus und Haudrauf Simon ließen die Meute von der ersten Sekunde durchdrehen. Ach ja, ein „Schistosoma“ ist übrigens ein Parasit, welcher über den Zwischenwirt Wasserschnecke durch Wasserkontakt in den Menschenkörper gerät. Über Lunge und Leber wandert der Schistowurm in die Venen. Es kann zu lebensgefährlichen Blutungen in Magen und Leber kommen. Über den Kot gelangt Schistosma zurück ins Wasser. Fiese Geschichte, aber Death Metal ist fies! Die Schistos hatten Zenna also im Sturm genommen, und Markus verkündete: „Wollt ihr was Schnelles, 'Dark Days'? Ich hoffe, ihr seid dabei und habt Spaß!“ Dankeschön, gern geschehn: Auch ich schickte alle Zurückhaltung zum Teufel. Ab Song fünf würde ich im sehsinnverwirrenden Strobogewitter neben der wild haarewirbelnden Steffiistcrazyfromeggenhausenforrestinthetalofzenn-middelfrea(n)ken bis zum Ende durchbangen. Weil mir Schisto bis dato unbekannt waren, kann ich keine Liedfolge beisteuern. Nur soviel: Schisto spielten Todesstahl von altem Schrot, mit rohem Charme und einer Spur Doom, überwiegend im mittleren Tempo, mitunter aber auch schnell, dann wieder schleppend, immer aber geprägt von extrem tief gestimmten, bedrohlich rasenden Stromgitarren und einem Schlagwerk von düsterer Wucht. Dazu dieser brutale Grunzgesang, mal in Englisch, mal auf Deutsch, zu dem man bloß „krank“ sagen kann. Die förmlich nach Fäulnis duftenden Abscheulichkeiten trugen Namen wie „Gate to Paradise“, „Last Way Out“, „It“ und „Schrei“. Die Reihenfolge weiß kein Schwein, selbst Schisto nicht, denn die hatten aus dem Bauch heraus improvisiert! In Erinnerung blieben die finalen Hämmer in der Muttersprache: zum einen der an Totenmond erinnernde Marschierer „Gepriesen“;, zum anderen der Nackenbrecher für die versklavte Menschheit, „Knechtschaft“. Punkt Mitternacht herrschte Waffenruhe. Hail Schisto!
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
TINITUZ
(19.19-20.20)
1. Blinde Massen
2. Tinituz
3. Seek and Destroy [Metallica]
4. Amok
5. Ins Licht
6. Klon
7. The Kids Aren´t Alright [The Offspring]
8. Du schaufelst mir mein Grab
9. Sklave
10. Ich bin´s
11. The Four Horsemen [Metallica]
12. Motorbreath [Metallica]
13. Party Hard
 
ENCRYPTION
(20.30-21.40)
1. Throne of Chaos
2. Lambda Core
3. All Philistines
4. Predator One
5. Perishing Black Light
6. My Messiah
7. Master of Puppets [Metallica]
 
DAVIDIAN
(21.45-22.35)
1. Religious Exploitation
2. Feelings of Anger
3. Revenge Be Mine
4. Let Us Rise
5. Deity
6. The Face You´ll Never See Again
7. The Davidian Massacre
8. Corruption & Lies
9. Entertainment
 
SCHISTOSOMA
(22.40-0.00)
Keine vorhanden / Schisto improvisierten
Schisto waren erschöpfend, und Kalle, Micha, Peanut und ich wollten noch einen draufmachen. Die „Klosterschänke“ schloß gerade, aber im „Rangau“ brannte noch Licht. Doch schon nach einem Bier kriegte die Wirtin das Zittern: „Trinkt bitte schnell aus.“ Als letzte Möglichkeit blieb der „Saitensprung“. Und - „Grüß Gott!“ - hier wurde uns eingeschenkt. Im Saitensprung zechten wir richtig. Wir schwadronierten über „Collies“, ließen den achtbeinigen weißen Hengst Sleipnir galoppieren, Kalle versorgte mich mit Rauchware und ich gab dem Schankweib einen Klaps auf den Po. Halb vier warf man uns aus dem Saitensprung raus. Unter fahlem Mondlicht gelangten wir zurück ins Rangau und morgens gegen vier ins Bett.
 
 
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Text und Bilder: Heiliger Vitus, 30. November 2004