PALLBEARER, RUBY THE HATCHET
D-Wiesbaden, Schlachthof (Kesselhaus) - 14. August 2018
Nein, ich wohne nicht in Wiesbaden. Angesichts der im „Schlachti“ geradezu inflatorisch steigenden Rituale in Sachen Doom, Sludge, Stoner, Psych & Co., müßte man sich als Anhänger dieser Musik aber im Grunde gleich dort einbunkern. Wiesbaden ist die Doomhochburg Deutschlands. Nun hatte es die US-Doomer Pallbearer in der drittletzten Nacht ihres Sommerfeldzugs durch Europa ins „Kesselhaus“ verschlagen. Und zwar wie in einer Wiederholung der Ereignisse von 2015: unter erdrückenden sommerlichen Bedingungen - und bei nach wie vor defekter Klimaanlage im Konzertraum. Der war ordentlich gefüllt. „Einhundertfünfzig“ nannte das Mädel von der Kasse als Besucherzahl. Gleichzeitig gaben sich nebenan im Großen Saal die berühmten Desertrocker Calexico aus Tucson, Arizona, die Ehre.
Die aus New Jersey stammende Retrogang RUBY THE HATCHET stand praktisch vor einer unlösbaren Aufgabe. Zu groß war der Schatten, den allein die nachfolgenden Doommänner aus Arkansas warfen. Zwischen Heavy Rock, Psych und amerikanischen Okkult-Doom-Einlagen unterhielt das Quintett von der Ostküste mit einem kurzweiligen Mix aus heiliger Tiefe und flachem Krawall, aus Kitsch und Nostalgie, langen Haaren und ordentlich Sex-Appeal. Gerade mit ihrer Sängerin, die sich unaufhörlich den Teufel aus dem Leib headbangte, konnte das altmodische, aber überraschend echte Rudel im Kampf um die Herzen der Meute punkten. Wohl das halbe Kesselhaus hätte die Blondine gern flachgelegt. Selbst meine Adjutantin, die Ruby the Hatchet nach zwei Liedern als „Musik der belanglosen Art“ wertete, wurde am Ende schwach und erwarb die CD 'Valley Of The Snake'. Überhaupt, das Merchandise: Hier lagen Ruby the Hatchet weit vorn. Von Vinyl über Silberlinge, Shirts und Ansteckern, bis hin zu coolen Rückenaufnähern, boten die Amis alles, was die Seele des Okkult-Addikts erfreute. Orchid und Blues Pills haben es vorgemacht - wäre ein Wunder, würde „Ruby das Hackebeil“ nicht ebenfalls höhere Weihen ernten. Heavier als Fräulein Elin war Jillian Taylor allemal und ihre Jesus-ähnlichen Männer brauchen die Konkurrenz unterm Sternenbanner nicht fürchten. In einer Mischung aus Jetlag und der Bierseligkeit im Raum erkundigte sich die Lady an der Front vorm finalen Lied etwas ungläubig: „Today is tuesday, isn´t it?“ - worauf der Keyboarder trocken äußerte: „Tuesday is the new friday!“ Am Ende kochte die Bude derart, daß sich der Schlagzeuger extra noch mal die Ärmel unter die Achsel aufkrempeln mußte. Nach einer langen Latte mittelschneller Nummern machte mit „Tomorrow Never Comes“ das dunkelste Teil den Sack zu.
Mit Beginn der zehnten Stunde wurde die Stimmung melancholisch, Gefühle kamen ins Spiel. Schon länger hatte ich mich mit PALLBEARER ausgesöhnt. Getaucht in einen Schleier aus milchigem Dunst und unscharfem Licht, bliesen Brett Campbell, Devin Holt, Joseph D. Rowland und Mark Lierly zum Angriff. Dabei stand Bassist Rowland nicht nur optisch im Zentrum des Gevierts, er steuerte diesmal auch einige harsche Gesangslinien bei. Alle Welt redet immer nur von den Doomszenen in Louisiana, Tennessee oder auch Texas. Sie hat ja keine Ahnung, daß es nebenan im „Natural State“ Arkansas auch Leute gibt, denen der Doom unglaublich viel bedeutet. Pallbearer leben sozusagen in einer anderen Welt. Doch sie hatten eine Botschaft: sensiblen, wehmütigen und lebensechten Epic Doom! Das Vergnügen begann mit jüngerem Material (darunter das brandneue „Dropout“), wandte sich dann rückwärts, und endete in der schönen Vergangenheit! Es ist ja nicht so, daß die Alben 'Foundations Of Burden' oder 'Heartless' fahl oder feinsinnig sind, aber von 'Sorrow And Extinction' liebe ich jede Sekunde. Jede Melodie das Erstwerks strotzt vor stimmungsvoller Tiefe; Schaafs klimperndes Drumming war einmalig. Vierzig Minuten lang kredenzten Pallbearer heute ihre Mixtur aus einer klaren, hellen Singstimme und eher ruhig, aber astrein gespieltem Doom Metal, der trotz aller Finesse unfaßbaren Bums hatte - bis es zur zweiten Halbzeit mit dem ultimativen Showdon kam. Als Campbell „old stuff“ ansagte, fielen alle Hemmungen. Speziell „Foreigner“ brachte mir die Katharsis - und zwar seit einer kleinen Ewigkeit mal wieder headbangend im ersten Sturm! Neben einem weiblichen Ebenbild von Jillian Taylor, das sich wild headbangend raubkatzengleich am Bühnenrand festgekrallt hatte, hielten sich dort selstsamerweise nur wenige Typen auf... Hinterher signierte Brett unsere Eintrittskarten: die eine mit lachendem, die andere mit weinendem Gesicht. Damit war ich wohl endgültig Unterstützer der Bruderschaft aus Little Rock. Alle Welt ist nun gespannt, ob sich Pallbearer irgendwann einmal zur doomigen Jahreszeit im Herbst oder Winter nach Deutschland verirren. Das wäre eine Geschichte!
 
 

Text und Bilder: ((((((Heiliger Vitus)))))), 16. August 2018
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
RUBY THE HATCHET
(20.00-20.45)
1. Symphony of the Night
2. Killer
3. Heavy Blanket
4. Pagan Ritual
5. Vast Acid
6. Demons
7. Gemini
8. Tomorrow Never Comes
 
PALLBEARER
(21.10-22.27)
1. Watcher in the Dark
2. Dropout
3. Thorns
4. Dancing in Madness
5. Foreigner
6. Worlds Apart