SOLBRUD, MUTILATION RITES, ZEIT
D-Dresden, Chemiefabrik - 28. August 2018
Während die meisten Konzertklubs in Dresden den August für einen Hausputz nutzten, war es ausgerechnet die kleine, heiße „Chemo“, die im Jahrhundertsommer das Fähnlein in Sachen „Live“ unverdrossen hochhielt. Vieles war zwar Punk, aber zwei Tage nach den Bay-Area-Trashern Hirax, war es am heutigen Dienstag der Tross von Mutilation Rites und Solbrud, der die Seele des Metallers erquickte. Mit Zeit wurde eine dritte Gruppe aus Sachsen in die Nacht gehievt. Jene stand unter dem Banner PARANOYA OVER DRESDEN und war Einstimmung auf das 15. Paranoya-Fest im Klub „Noteingang“ Radebeul. Die „Chemo“ selbst zeigte sich im alten Charme wie eh und je. Hinter der Kasse saß „Goat ov Pike“ Ziegenbalg; daneben stand der Chef der Sludge-Staffel Beissert. Einzig das Lagerfeuer blieb heute aus. Unter den Gästen stießen wir auf das gemischte Duo vom Wilden Mann, das auf jedes Konzi in Dresden geht. Fünfzig waren gekommen. Etwa so viele Köpfe zählte die Meute zu Beginn jeder Gruppe - die sich dann aber jeweils nach zehn Minuten auf dreißig dezimierte...
Die goldene Mitte der Nacht besetzten MUTILATION RITES aus USA. Die Horde aus Brooklyn stellte schwerpunktmäßig ihr Neuwerk 'Chasm' vor. Dabei kombinierten die Herren Paul, Dimmitt, Jones und Ceglia in jedem ihrer fünf Lieder Black Metal, Crust und Sludge, um einen ziemlich eigenständigen Stil zu kreieren, der sich Post-Grindcore nennen ließe. Mit ihrer ultraharten, sehr turbulenten Performanz waren Mutilation Rites durchaus bereit, die Tore der extremen Musik zu stürmen. Alles wirkte total echt, war strikt geradeaus und von hohem Kultfaktor: das Werfen der Haare, die skurille Lockenpracht und das schweißglänzende Muskelrelief des Trommlers, die verzweifelte Mimik der Frontmänner. Hinterm Mikro dominierten zwar die rauhen Schreie des Sechssaiters Paul, aber auch der bullige Bassist Jones steuerte mit stark verhalltem Gegurgel wie aus der Hölle seinen Teil dazu bei. Überhaupt der Bass... der war unorthodox schnell geschrubbt wie die Sechssaitigen, die ihrerseits einen ätzenden Grundton verströmten. Während sich die Amis immer weiter in die dunkelsten Schattierungen von Schwarz und absolutem Grauen manövrierten, blieb Dresden fast die Spucke weg, ließ auch mich keinen Meter von der Bühne weichen. Das knappe Dreiviertelstündlein verging im Flug; es glich einem Wiedererwachen von Terrorizer, Righteous Pigs und den Achtzigern! Für Konfusion sorgte nur der Rhythmusgitarrero, der sich nach wildem Headbanging mit dem letzten Riff eine Hornbrille auf die Nase setzte - um sich im daraufhin als Verkäufer hinterm Händlerstand zu zeigen. Schade, daß alle fünf mitgeführten Shirts überhaupt nicht zur Musik paßten, mit zwanzig Euro überteuert waren, und der Mister seiner Lady den Vorzug gegenüber den Fans gab. Sechs Tage später traten Mutilation Rites in der - kein Witz! - „Saint Vitus Bar“ in Brooklyn auf...
Aller guten Dinge sind drei? Hier stimmte das nicht ganz. Der nach dem Sonnenkraut benannte Hauptakt der Nacht kam aus Kopenhagen und wandelte in den von Wolves in the Throne Room entdeckten Post-Black-Metal-Pfaden. „Eine Black-Metal-Band besteht idealerweise aus einer Person“, hatte jemand hintersinnig erkannt. SOLBRUD kamen aber zu viert. Der eigentliche Knackpunkt: Diese Musik fasziniert heute niemand mehr so recht. Daß bei drei lichtschnellen Gitarren und vielen Oden auf die Natur die Gefahr der Verwässerung bestand, war klar. Daß ein knabenhafter Blondschopf mit finsterem Blick ihr Anführer war, zerrte an der Glaubwürdigkeit. Nach einem lose dahingesagten „Fangen wir an“, brachten Luk und Komplizen - ausgenommen dänischer Worte und einer hymnischen Note - nicht viel Neues an der Front des Schwarzmetalls. Auf der Bühne wirkten sie poliert wie ein Ván-Akt mit nordischer Herkunft. Das Geviert lag von Anfang bis Ende in milchigem Blaulicht. Nur manchmal war es kurz hell ausgeleuchtet. Dann sah man einen Gitarristen mit wehender Mähne vor einem Ventilator. Was Solbrud brachten, tönte etwas abgenutzt und überzuckert. Mit ein, zwei russischen Wässerchen (oder Hustensäften) war es erträglich. Aber am Ende des Tages schien in der schwitzigen Chemo auch einfach die Luft raus...
Eingeleitet wurde das Ritual indes von einer 2010 formierten Rotte namens ZEIT. Und die sorgte gleich für einen Paukenschlag! Dabei waren Zeit sehr kurzfristig rekrutiert worden und mußten dienstbedingt auch Hals über Kopf wieder weg. Mit Zeit sollten wir drei Kerlen aus Leipzig in die transzendentalen Klangwelten des Black Dooms folgen. Zeit verfügten über unschlagbare Waffen. Bizarre und suggestive Töne prägten auch ihre Endzeitgeschichte. Fast noch faszinierender war aber der subtile, an Downfall of Gaia erinnernde Look auf dem Podium. Das monochrom drückende Rotlicht, der zwischen schwebendem Black Metal, giftigem Crust und malmendem Doom umhergeisternde Tonfall, und die wundersame Welt der subversiven Kapuzen waren von radikaler Sogkraft. Erfreulicherweise setzten Fur, Flakmann und Win auf deutsche Texte mit philosophischem Hintergrund. Kurze, schlichte Zeilen, die vom Leben und der Endlichkeit unseres Erdendaseins erzählten. Seherisch, unaufgeregt und befreiend. Zeit hatten sozusagen verstanden! Sie lieferten das Beste aus ihren Minialben 'Wintersturm', 'Gram', 'Trümmer' und 'Null.' sowie dem Langwerk 'Konvergenz'. Harsche Schreie, flirrende Trossen und okkulte „Uh!“s kopulierten mit rumsenden Trommeln. Wobei Zeit durch ihr mindestens gleichwertiges Schlagzeug überdies auch noch erfrischend anders wirkten. Zu Zeit waren wir völlig unbeschwert hingegangen und wurden äußerst bedeutungsschwer entlassen...
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
ZEIT
(21.00-21.37)
1. Verzerrt
2. Verloren
3. Rand
4. Abgestandene Gedanken
5. Boden
6. Dort
7. Groll
8. Schweigen
 
MUTILATION RITES
(21.58-22.38)
1. Axiom Destroyer
2. Post Mortem Obsession
3. Contaminate
4. Pierced Larynx
5. Chasm
 
SOLBRUD
(23.05-0.02)
1. Forfald
2. Klippemennesket
3. Sortedøden
4. Det sidste lys
5. Dødemandsbjerget
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6. Øde Lagt
Post Doom [In eigener Sache]
 
Drei Tage nach dem Konzert habe ich einen neuen „Streak“ (Streifen täglicher Läufe) gestartet. Der vorherige endete nach 2647 Tagen und 35312 Kilometern aufgrund körperlicher und geistiger Zerrüttung (vom 26. Dezember 2008 bis 26.März 2016 war für mich kein Tag ohne Lauf vergangen). Stunden zuvor bin ich nach mehr als zwei Jahren Abstinenz zusammen mit meiner Adjutantin auch erstmals wieder aufs Rad gestiegen. Unmittelbar darauf habe ich ein Rennrad erstanden. Mein letztes hatte ich vor sechsunddreißig Jahren - damals noch als Sportler bei Dynamo Dresden - verscherbelt.
 
 
Text und Bilder: ((((((Heiliger Vitus)))))), 5. September 2018