7. AWH-Straßenradrennen
Halle-Deponie Lochau, 3. Oktober 2021
STRECKE ¤ RENNEN ¤ STATISTIK
Prolog
 
Ob man eine Straße auf einer Müllhalde für ein Radrennen nutzen kann? Die idealistischen Macher der SG Motor Halle und des Eisleber Radclub Mansfelder Land hatten es mit dem „AWH-Straßenradrennen“ schon sechsmal bewiesen. Ein derartiges, abgesperrtes Gelände bietet gute Möglichkeiten für kleines Geld - wenngleich der alternative Veranstaltungstitel „Rundstreckenrennen um den Preis der Stadtwerke Halle“ mehr Romantik versprüht... Die siebente Ausgabe war eines der letzten Straßenrennen im deutschen Radkalender, Namens- und Geldgeber die Abfallwirtschaft Halle (AWH). Die ersten Drei wurden mit Pokalen geehrt, bis Platz vier Preisgeld gezahlt: 40, 30, 20, 10 Euro.
 
.:: DIE STRECKE ::.
Die Großdeponie Halle-Lochau befindet sich südöstlich von Halle (Saale) zwischen den Gemeinden Dieskau, Döllnitz und Lochau. Eingerichtet wurde sie 1976 in einem Loch des Braunkohlentagebaus Halle-Lochau. Bis 2005 wurden hier auf 100 Hektar Fläche 18 Millionen Tonnen Hausmüll eingelagert. Ein weiteres, riesiges Tagebauloch soll mit dem Schutt der Baustelle „Stuttgart 21“ zugeschüttet werden... Dies zur Szenerie der Rennstrecke. Jene führte auf einer namenlosen, breiten Asphaltstraße in Form eines Rechtecks im Uhrzeigersinn am Rand der Müllgrube entlang. Wind und ein selektiver, 500 Meter langer Anstieg mit bis zu zwölf Prozent ausgangs jeder Runde, waren die Herausforderungen. Die Rundenlänge betrug 5,8 Kilometer. Für die Senioren 4 war sie siebenmal zu absolvieren.
 
.:: DAS RENNEN ::.
Meine Nacht war kurz und grottenschlecht. Im stockdunklen Morgen mußte ich eine Entscheidung zwischen zwei völlig unterschiedlichen Rennrädern fällen. Mit welchem fahren? SCHWAN oder RABE? Mit dem Cube, dessen Rahmen an einen Schwan erinnert: gleitend, leicht und mit komfortabler Elektroschaltung (aber nach vier Jahren alt und häßlich)? Oder dem rabenschwarzen De Rosa: schön wie eine italienische Madonna (aber mit dem Nachteil einer mechanischen Gruppe)? Es wäre dessen Feuertaufe gewesen. Die Entscheidung fiel auf den Schwan. - Nach einer Fahrt über eine fast autofreie Autobahn hatte mich mein Einundalles in aller Frühe zum Schauplatz östlich der Stadt Schkopau im Saalekreis gebacht. Schlechte Luft und die rauchenden Schlote der 1936 errichteten Buna-Werke - zu DDR-Zeiten der Hersteller von „Plaste und Elaste“, heute Teil des US-Investors Dow - wiesen den Weg. Die Luft war ganz anders als im hundertfünfzig Kilometer entfernten Dresden. Derweil im nahen Halle die zentralen Feiern zum „Tag der Deutschen Einheit“ stiegen und sich Politiker unterm Strahlenkranz Mitteldeutschlands sonnten, trafen wir am Rennort Berliner Straße 100 auf eine postapokalptisch wirkende, von kahlrasierten Äckern und unwirklicher, geradezu gruseliger Stille umringte Müllhalde in der Pampa Mitteldeutschlands. Nur eine Handvoll Sportler im zementierten Parkplatz zeugte von Leben. Wie bei den im Vorjahr hier ausgetragenen Landesmeisterschaften von Sachsen-Anhalt, hielt sich der Zuspruch in argen Grenzen. Das Verdeck mit der Anmeldung war eine Stunde vorm Start noch im Aufbau. Ein Veteran mit Diamant-Rennrad aus den frühen Achtzigern der DDR kreuzte als Zaungast auf. Ein Jüngling staunte „cool, ey!“
Mit fünf Minuten Verspätung wurde um 9.37 Uhr die Schar aus achtzehn Masters-4-Männern und zwei Mädeln zu einem sehr zweifelhaften Vergnügen von der Leine gelassen. Es wehte eine stramme Brise, die Lungen füllten sich mit schlechter Luft und Staub. Meine Frau berichtete später von einer Staubwolke, die von einem Hügel geweht wurde und ihr regelrecht den Atem nahm; sie mußte sich sogar den Arm vors Gesicht halten. Eine Zuschauerin redete von „nassem Zement“ der angrenzenden Strabag... Alles hier stank nach Chemie und Verwesung! So ging es los. Nach einer 600 Meter langen Einführungsgeraden bog die Route auf die sechs Kilometer lange Depotrunde ein. Nachdem sich die ersten beiden der insgesamt sieben übernervös anfühlten, begann mit der Erklimmung des 500 Meter langen Anstiegs eingangs Runde drei eine Art Ausscheidungsfahren. Ich fühlte mich gut, hatte mir ein Bild gemacht, wußte, wo heikle und windanfällige Passagen sind. Aber Wind blies überall. Zudem lauerten nach einer 800 Meter langen Schußfahrt vom Plateau zur Sohle der Grube gefährliche Verwerfungen im Asphalt. Das Beste war wie immer, das Heil in der Flucht zu suchen. Die ideale Stelle für einen Angriff bot sich ausgangs des ruppigen Steilstücks. Hier waren die meisten angezählt, ohne große Anstrengung Lücken aufgegangen, die Reihen nach und nach dezimiert. Aber auf den langen Geraden gegen den Wind und immer im Blick der Meute konnte ich mich nicht entscheidend absetzen. Auch nicht zusammen mit dem Luckenwalder, der mir vorschlug: „Ich attackiere am Berg, und du fährst oben weiter.“ In der vorletzten Runde hatte ich allein hundert Meter rausgefahren. Aber da waren es noch acht Kilometer bis Ultimo... So verstrich Runde um Runde, Anstieg um Anstieg. Siebenmal war das Gefälle hinab zur Sohle der Grube, die tückischen Löcher in der Senke, und der Knüppel wieder hinauf zu überwinden. Dann war die letzte Chance verpufft. Beim finalen Mal ging es auf halber Höhe geradeaus in eine milde Schlußsteigung - der die Pointe in Form der 600 Meter langen Zielgeraden folgte. Mangels Streckenkenntnis hatte ich im letzten Aufstieg voll attackiert, bog mit zwei Radlängen Vorsprung in die Zielgerade - - und mußte dafür bluten. Am Ende hatten wie immer die Sprinter das Sagen. Sechs schossen an mir vorbei, einer aus dem Harz, der das ganze Rennen am Hinterrad gelutscht hatte, siegte. Bitter verlief das Rennen auch für Kraftsprinter „Grossi“ Großegger, der bei seinem Heimrennen im Endspurt der achtköpfigen Spitzengruppe sogar von der blutjungen Schoppe geschlagen wurde, die mangels weiblicher Konkurrenz bei den Männern mitfahren durfte. Ich habe mich wahnsinnig geärgert, hätte es ums Verrecken als Solist versuchen sollen! Heute hätte ich SIEGEN MÜSSEN!
Epilog
 
Im Nachlauf saßen Peanut und ich mit den beiden Strippenziehern der SG Motor Halle bei Kuchen und Bier zusammen. Wir erfuhren vom Niedergang des Radsports in Sachsen-Anhalt, davon, daß bei der letztjährigen Landesmeisterschaft in mancher Klasse nur zwei am Start standen, und Radtouristikfahrer mittlerweile lieber eigene Rennen austragen. Der Tag endete mit einem „Deal“. Grossi wollte sein Tarmac-Rennrad verscherbeln. Wir sollten ihm im Auto folgen. Er wohnte nicht weit entfernt in einem Idyll unter uralten Bäumen an einem Altarm der Saale. Dort wurden wir von Mücken geplagt, und landeten auf der Rückfahrt in einem nicht enden wollenden. löchrigen Schotterweg übers Land. Ich äußerte Zweifel an einer weiteren Rennsaison im neuen Jahr. Grossi mutmaßte höhnisch lachend: „Du kannst doch gar nicht aufhören!“ Aber vielleicht war der Ritt auf dem Schwan zugleich der Schwangesang......
 
 
Danke und Grüße

 
Den Organisatoren der SG Motor Halle und Eisfelder RC Mansfelder Land für diese idealistische Geschichte
Grossi für viele Einblicke - auch ins Seelenleben
Peanut für einen neuerlichen Chauffeurdienst hunderte Kilometer über die Autobahn, dem achten in diesem Jahr!
Meine Mutter für den Schutz aus dem Himmel
 
 
Text: Geist Vitus, 6. Oktober 2021; Bilder: Peanut
 
.:: ZAHLEN UND ZEITEN ::.
Wetter: sonnig, 17ºC, mäßiger Wind (19 km/h) aus Südsüdost
Typ: Rundstreckenrennen
Länge: 40,6 km
 
Am Start: 74
Im Ziel: 72
Nach Klassen: Masters 2: 21, Masters 3: 13, Masters 4: 19, Jedermann: 19
 
Masters 4
Meldungen:
25
Am Start:
20
Im Ziel: 19
1. Uwe Neumeister (Harzer RSC Wernigerode) 1:09:01
2. Hans-Peter Grünig (Harzer RSC Wernigerode)
3. Olivia Schoppe (RSV AC Leipzig)
4. Frank Mirbach (Radteam Seidel Luckenwalde)
5. Marco Großegger (SC DHfK Leipzig)
6. Norbert Dunschen (RSV Sturmvogel Bad Neuenahr-Ahrweiler)
7. Geist Vitus (Dresdner SC 1898)
 
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