11. HEIDERADCUP
Torgau, 5. September 2021
STRECKE ¤ RENNEN ¤ STATISTIK
Prolog
 
Die Organisatoren der Sportfreunde Neuseenland hatten sich wieder mächtig ins Zeug gelegt, Starter- und Verpflegungsbeutel sowie Teilnehmermedaillen für die Jedermannklasse arrangiert, die Rennstrecke frisch gefegt und beschildert, zur Sicherung ein Geschwader an Helfern und motorisierter Polizei rekrutiert, den Wettergott für schönes Wetter gewonnen, mit Kuchen und Bier fürs leibliche Wohl gesorgt. Und dann hatten sie herbe Enttäuschungen zu verkraften... Das für Sonnabend geplante Gravelrennen mußte wegen fehlenden Genehmigungen abgesagt werden. Damit blieben nur die Straßenrennen am Sonntag. Deren Teilnehmerzahl war gegenüber 2019 von knapp tausend auf vierhundert geschrumpft. Zudem kritisierten Lizenzfahrer, daß es im Vorjahr nach der Streckenänderung von 70 auf 35 Kilometer zur Vermischung mit der Jedermannklasse kam. Man hatte gelernt, die Startzeit der Jedermänner justiert - und nach dem unerwartet schnellen Rennen der Masters im laufenden Rennbetrieb nochmals um fünf Minuten auf 10.55 Uhr vor-verlegt. Alles Schall und Rauch, wenn die eigene Geschichte in einer KATASTROPHE endet......
 
.:: DIE STRECKE ::.
Mit 110 Höhenmetern war die 2020 eingeweihte 35-Kilometer-Runde in der Endmoränenlandschaft der Dahlener Heide in Nordsachsen ausgesprochen flach. Sie führte vom Südrand der Kleinstadt Torgau durch die im südwestlichen Umland liegenden Dörfer und Gemeinden Bockwitz, Schildau und Staupitz zurück zur Stadtgrenze von Torgau, und war zwei Mal zu durchfahren. Zum Teil ging es durch Waldstücke, die meiste Zeit jedoch durch Baumalleen über freies Ackerland. Neuer, bltzblanker Asphalt und keine engen Kehren sorgten für hohes Tempo. Ein Straßenrennen wie gemacht für Rouleure, Puncheure und Sprinter...
 
.:: DAS RENNEN ::.
Welch ein Tag hätte das werden können... Alles war perfekt gelaufen. In aller Herrgottsfrühe um halb fünf hatte mein Wecker geklingelt, halb sieben hatte sich mein Mädel hinters Lenkrad geklemmt, und um neun waren Peanut und ich am Schauplatz eingetroffen. Die weiträumig um die Rennstrecke drapierten Straßensperrungen und Umleitungsschilder konnten uns nicht kirre machen. Wir parkten auf der gleichen Stelle wie vor zwei Jahren der Mannschaftsbus des Dresdner SC: am Ufer vom Großen Teich, anderthalb Kilometer von Start und Ziel entfernt. Hier trafen wir den Kasselaner Ludwig, der auf der Heimfahrt von Berlin noch ein Radrennen bestritt. Erstmals und stolz trug ich heute einen jüngst bei „Collos“ in Radeberg erworbenen Zeitfahranzug im Blau-Rot des DSC. Beim Anlegen hatte ich etwas gebummelt und war auf den letzten Drücker - zwei Minuten vorm Peng um 9.45 Uhr - in die Startaufstellung gerollt. Die Schar der Masters 2 und 3 pedalierte mir bereits entgegen...
Punkt 9.45 Uhr zählte Rennleiter Lohr an seinen Fingern den START für die Masters 4 runter. Uwe „Rübe“ Rübling führte sie zusammen mit mir über den ersten Kilometer. Glich das Rennen anfangs einer lockeren Trainingsausfahrt an einem sonnigen, wonnigen Sonntag, war es speziell der frischgebackene Kriteriumslandesmeister Schwarz, der die ersten Stiche setzte. Nach zehn Kilometern lancierte ich eine frühe Attacke mit Schwarz. „Fährste mit?“ und „Ab geht der Peter!“, befand Henry. Aber auf einem Kurs voller langer Geraden mit Wind und Sichtkontakt haben zwei Ausreißer kaum eine Chance... In der Folge versuchten alle fünf Kilometer welche zu entkommen. Meist zu zweit. Und immer wieder dieselbe Handvoll, die ohnehin die Arbeit machten. Diese Attacken hatten es in sich - und trotzdem lief nach wenigen hundert Metern alles wieder zusammen. So ging es in die zweite Runde, und zwar ohne Zieldurchfahrt am Rand von Torgau entlang. Eingangs der Schleife schlug Rübe vor: „Geh nach hinten, iß eine Bulette, fahr vorbei, ich bremse ab!“ Aber da hatte er mich leider etwas überschätzt. Dreißig Kilometer vorm Ziel gelang zweien schließlich doch die Flucht. Alle Anstrengungen im Feld auch jenseits der Schmerzgrenze blieben erfolglos. Damit waren die ersten Plätze vergeben, der Dritte wurde im verhassten Massensprint ermittelt. Unterm strahlenden Sonnenkranz mittags um halb zwölf rückte die Entscheidung immer näher. Ins Ziel führte eine anderthalb Kilometer lange, breite Asphaltpiste. Da niemand im Wind fahren wollte, ballte sich alles keilförmig in der Fahrbahnmitte zusammen. Wissend um die Sprintstärke Großeggers, schob mich an dessen Seite. Ein kurzer Blickkontakt. Eine Feindberührung. PENG! Der Kraftsprinter verließ die Fahrlinie, fuhr eine aggressive Welle, eine Schaltung rasierte vier Speichen aus meinem Vorderrad. Nachdem das Rennen 69 Kilometer perfekt gelaufen war, ging für mich achthundert Meter vorm Ende im Bruchteil einer Sekunde die Welt unter. Monatelange Arbeit oft mit bis zu vier Stunden am Tag war vergebens geleistet, all der Aufwand, all die Entbehrungen zu Nichts verpufft. Mit klapperndem und blockierendem Rad rollte ich ins ZIEL.
Epilog
 
„Hast du gut augesteuert“, versuchte Ludwig zu trösten. Rübe äußerte: „Der Großegger fährt doch immer Wellen. Sei froh, daß DIR nichts passiert ist!“ Ja, ich hätte schwer stürzen und andere - wie den hinter mir spurtenden Rübling - zu Fall bringen können. Hach!, zumindest das ging noch mal gut. Aber WUNDEN AM FLEISCH HEILEN, WUNDEN IN DER SEELE NIEMALS! Ein Podiumsplatz war der Traum, Ranglistenpunkte schon sicher eingefahren... Peanut, die im Ziel auf mich gewartet hatte, begleitete mich als Barfußläufer mit querfeldeinmäßig geschultertem Rad entlang der Zielgeraden zum Auto. Eine junge schwarze Katze mit engem Kabelbinder um den Hals lief leise miauend neben uns her und machte alles nur noch schlimmer. Es waren die schlimmsten anderthalb Kilometer meines Lebens. Ohnmächtig vor WUT und ZORN hat es mir fast den Verstand geraubt. Fluchtartig warfen wir das deformierte Rad ins Heck und verließen den Schauplatz in Torgau. Was hätte das für ein Tag werden können! Er endete als Höllentrip! Der Schaden am Material war nicht zu reparieren. Mein alter Dresdner Radkumpel Kotyrba vermachte mir seinen Laufradsatz. Sechs Tage nach dem schwarzen in Torgau folgte Wörlitz...
 
 
Text: Geist Vitus, 9. September 2021; Bilder: LaRaSch und Peanut
 
.:: ZAHLEN UND ZEITEN ::.
Wetter: sonnig,14ºC, leichter Wind aus Ost
Typ: Straßenrennrennen
Länge: 70 km
 
Teilnehmer insgesamt: 568
Jedermannklasse
Am Start:
484 (70 km: 453, 17-km-Familientour: 9, Kinder: 22)
Im Ziel: 399 (M: 370 / W: 29)
Lizenzfahrer
Am Start:
84 (Masters 2/3: 59, Masters 4: 25)
Im Ziel: 41 (Masters 2/3: 20, Masters 4: 21)
 
Masters 4 (70 km)
Am Start:
25
Im Ziel: 21
1. Jürgen Fromberg (RSV Gütersloh 1931)
2. Uwe Kiefl (RSV Werner Otto Berlin)
3. Enrico Busch (Radteam Borgsdorf)
4. Jörg Hein (RSG Hannover)
5. Jürgen Ulms (RSV Markkleeberg)
6. Marco Großegger (SC DHfK Leipzig)
21. Geist Vitus (Dresdner SC 1898)
 
Ergebnisse

Heideradcup