30. RUND UM DAS MULDENTAL
Grimma, 23. Juni 2019
STRECKE ¤ RENNEN ¤ STATISTIK
Prolog
 
Es gibt sehr gut aufgezogene Radrennen und nicht so gut ausgerichtete. Und dann gibt es fürchterliche Rennen, wie etwa jenes am Sonntag gleich nach der Sonnenwende in Grimma. Die dreißigste Ausgabe von „Rund um das Muldental“ war das vermutlich schlechtorganisierte Radrennen der neueren Radsportgeschichte - es war ein Versagen vom Veranstalter und der Rennleitung. Treffender als der Name des Schauplatzes - Grimma bedeutet auf Altsorbisch „tiefgelegenes, von Wasser und nassen Wiesen umgebenes Gelände“ - ließen sich meine Gedanken in den Tagen danach gar nicht umschreiben!
 
.:: DIE STRECKE ::.
Rund um das Muldental bestand aus einer großteils flachen, asphaltierten, jedoch relativ schmalen 12,3-Kilometer-Runde vom Norden der 30 000-Einwohnerstadt Grimma erst nach Trebsen, dann in östlicher Richtung nach Wednig und parallel zum Fluß Mulde gen Süden über Bahren zurück nach Grimma. Je nach Wettkampf mußte sie ein (Schüler) bis acht Mal (Elite) bewältigt werden. Einige Abschnitte führten durch grüne Waldinseln und Ortsdurchfahrten, der Großteil allerdings über windanfälliges Ackerland. In den letzten Jahren wurde die Strecke immer wieder leicht verändert. Knackpunkt war diesmal der Gänseberg: ein schmerzhafter, kurzer, steiler Anstieg von dreihundert Metern unmittelbar vorm Ziel.
 
.:: DAS RENNEN ::.
Der Dresdner SC reiste mit voller Kapelle nach Grimma. Für mich eine besondere Ehre: Die neun Plätze im Mannschaftsbus teilten sich acht Sportler - darunter ich - und unser Chauffeur „Decko“. Die übrigen Fahrer mußten gleich mit mehreren Karren kreuz und quer durch die ostdeutsche Pampa nach Nordsachsen zuckeln. Start der Masters war für vierzehn Uhr vorgesehen. Eine Stunde davor kam unser Bus an. Dank der Erfahrung der letzten Jahren ergatterte Decko einen Stellplatz nah der Einschreibkontrolle. Damit konnten wir uns - im Gegensatz zum vergangenen Sonntag in Torgau - ohne Zeitdruck warmfahren.
Ein riesiges, straßensprengendes Fahrerfeld aus Ex-Profis, Halbprofis, Elite-Amateuren, Amateuren, Junioren und Senioren; hohle Witzchen aus Berliner Mund über Sachsen; eine erregte Dame, die ihren Männern einen letzten Schluck reichte; und die sengende Sonne, die über allem lag: Anfangs kam die Anspannung geradezu mit dem Holzhammer daher - bis Schlag 14.07 Uhr in der leicht abschüssigen Schillerstraße in Grimma-Hohnstädt der START zum Lizenrennen der rund achtzig Masters-Fahrer, darunter fünf Frauen, erfolgte. Doch mit dem Peng legte sich von Minute zu Minute die Klaustrophobie im Rennen. Nach drei Kilometern auf einer autobahnhaften Zementstraße durch ein Gewerbegebiet am nördlichen Stadtrand hinaus aufs offene Feld, dünnte sich das Peloton bereits aus. Ein Rudel um die ehemaligen Berufsfahrer Förster und Reuß sowie die Seriensieger Keller und Brauns, befreite sich von allen Rangeleien und nahm die Spitze. Durch die Tempoverschärfung wurde das Feld immer weiter aufgesprengt. Ich selbst durchstand die erste der sechs Zwölf-Kilometer-Runden in der Mitte, sprich auf der dreißigsten bis vierzigsten Stelle herum, und entdeckte eingangs der zweiten Runde grüne Trikots vom DSC: eins trug eine Dame, das andere Miersch. Runde zwei und drei bestritten wir in einem Septett, in dem sich auch ein Kerl vom „Rocket Racing Team“ befand, mit dem ich schon vor einer Woche Rad an Rad durch die Dahlener Heide kreuzte. Ausgangs der dritten Runde sammelten wir die Brandenburger Querfeldeinmeisterin Unterberger auf. Wir waren in der vierten Schleife also zu acht unterwegs. Eingangs der fünften und damit vorletzten setzte ich mich mit Unterberger aus dieser Staffel nach vorn ab. Wir hängten die restlichen Sechs ab und wurden bis ins Ziel nicht mehr gesehen. Ein Horrorunfall mit Rettungswagen und mehreren Beteiligten, darunter einem mit blutüberströmtem Gesicht am Straßenrand, überschattete diese Durchfahrt. Auf unserer Verfolgungsjagd fingen wir ein Duo ab, welches das Rennen innerlich aufgegeben hatte. Unterberger wiederum ließ mich am letzten Anstieg zum Gänseberg stehen und dankte im ZIEL für „das gute Teamwork“. Hinterm Strich gratulierte ferner mein Trainer Deckert zusammen mit unserem Hube, der das Rennen fünf Minuten vor mir beendete. „Decko“s anschließende Befürchtung, daß es durch die engen Startzeiten und zwangsweise Vermischung der verschiedenen Wettkämpfe auf der Rennstrecke ziemlich unübersichtlich geworden sei (die Junioren waren sogar eine Runde zuviel gefahren; er selbst hätte die Zuordnung der Rückennummern auch nicht geschafft), sollte anderntags bittere Wirklichkeit sein...
oben: Die Maschinen des Dresdner SC bereit zum Start; unten: Die Crew beim Ziel-Bier
Finale
 
„Oh, nein?“, habe ich mich gefragt, als nach einer Nacht der Ungewissheit endlich das Ergebnis veröffentlicht wurde - das bei den Masters mit dem 49. Platz endete. Die vier Kommissäre auf dem WA-Wagen hatten den Rennverlauf nicht im Auge, konnten nur 49 Fahrer auseinanderhalten, und hatten ihren Dienst um vier Uhr nachmittags völlig überfordert kurzerhand beendet. Die 24 Fahrer, die sich zu der Zeit noch auf der Strecke befanden, wurden mit „DNF“ (DID NOT FINISH) gelistet - obwohl die meisten ins Ziel kamen. Ein kleines Entgegenkommen gegenüber den Sportlern wäre gewesen, hätte man alle auf den fünfzigsten Platz gesetzt. Viel Schriftverkehr mit Veranstalter Langer und der Vorsitzenden des Wettkampfausschußes Schurig folgte. E-Mails, in denen sich die handelnden Personen gegenseitig den Schwarzen Peter zuschoben, hanebüchene Mutmaßungen erfanden, oder ominöse „sächsische Kollegen“ erwähnten, die sich nie meldeten. Es gipfelte in Anfeindungen, die mich am Geisteszustand des Veranstalters zweifeln ließen. Die WAV erkundigte sich erst, „an welcher Stelle ich ungefähr ins Ziel gekommen“ sei, und behauptete zwei Tage später, die 24 Fahrer seien „vom Schlußwagen überholt und nach diesem ins Ziel gekommen. Dadurch sind sie nicht mehr Teil des offiziellen Rennens und werden nicht ins Ergebnis aufgenommen“. Die Orga diskriminierte: „Die Nachwuchsklassen sind uns wichtig und nicht ein 65. Platz im Seniorenrennen.“ Aber, endlich ... Endlich nach drei Tagen war Schluß damit. Endlich konnte ich aufhören, zu hoffen und von Gerechtigkeit zu träumen - wenn mal wieder wirtschaftliches Kalkül und menschliche Fehler und Faulheit alle Hoffnung zerstörten. Nach drei Tagen war es vorbei. Mein Garmin-Gerät hatte für die Distanz von 73,05 Kilometern eine Gesamtzeit von 1:59:30 Stunden aufgezeichnet. Das waren 36,7 Stukis im Schnitt - zwölf Minuten hinter der Siegerzeit. Damit rangierte ich auf Gesamtplatz 55. Wer braucht da noch Kommissäre? Dopingkontrollen wurden übrigens nicht durchgeführt...
 
Dankesworte
an meine Ehefrau Peanut (mal wieder - für Unterstützung und Opferung der letzten Wochen)
 
 
Text und Bild: Geist Vitus, 26. Juni 2019
 
.:: ZAHLEN UND ZEITEN ::.
Wetter: sonnig, 28 bis 30ºC, schwacher bis mäßiger Wind
Typ: Straßenrennen
Länge: 74 km
 
Voranmeldungen: 399
Nach Klassen: CT + Elite-Amateure: 69, Masters 2, 3, 4 + Frauen: 73, Junioren U19: 9, Jugend U17: 46, Schüler U15: 74, U13: 59, U11: 28, Hobby: 33, Kleine Friedensfahrt: 8
Im Ziel: 354
Nach Klassen: CT + Elite-Amateure: 54, Masters 2, 3, 4 + Frauen: 73, Junioren U19: 8, Jugend U17: 38, Schüler U15: 62, U13: 53, U11: 28, Hobby: 30, Kleine Friedensfahrt: 8
 
Masters 2, 3, 4 u. Frauen
Am Start:
ca. 80
Im Ziel: 73 (M: 69 / W: 4)
1. Mirko Brauns (RSG Muldental Grimma) 1:47:38
2. Robert Förster (RFC Markkleeberg)
3. Jörn Reuß (RSK Potsdam)
4. Renzo Wernicke (RSC Nordsachsen)
5. Ralf Keller (RSG Muldental Grimma)
6. Fabian Pohl (RSC Nordsachsen)
55. Geist Vitus (Dresdner SC 1898) + 11:52
 
Anmerkung:
Im Rennen der Masters 2, 3 und 4 wurden nur 49 Starter gewertet. 24 wurden vom Wettkampfausschuß nicht erfaßt und in der Ergebnisliste mit „DNF“ (Did not finish) gelistet.