ROCK IN SCHROTH VII
 
HOLY MOSES, ODIUM, ANUBIZ, ASRAEL, DISCREATION, PENNY.S
D-Hasselroth-Gondsroth, Festgelände - 19. Juli 2003
Ursprünglich wollte ich den Sommer mit meinem Mädel in Dresden verbringen. Doch dann kam alles anders. Erst tingelte Doomgott Wino mit The Hidden Hand durch Frankfurt. Und dann hatte uns der befreundete Odium-Mann Runkel Freikarten für das von ihm mitorganisierte ROCK IN SCHROTH geschickt. Statt auf Heimaturlaub in Sachsen ging es für uns an jenem Sonnabend im Juli nach Ostehssen, wo das Heavy-Metal-Festival stieg! - Am Abend davor waren wir im Frankfurter Biergarten von Herrn Trinklein. Der freundliche Ex-Eintracht-Libero spendierte uns ein Bier, dann noch eins und noch eins... Es wurde Mitternacht im Brennergelände... Am Morgen danach plagte mich ein erbärmlicher Kater. Drei Konterbiere später war er aber erledigt, und wir machten uns mit dem Zug auf in Richtung Langenselbold. Wir kamen auf einem gottverlassenen Bahnof an; es herrschte flirrende Hitze, Wind trieb Blätter vor sich her, ein alter Mann saß auf seinem Koffer. Kein Zeichen von Zivilisation sonst. Nur ein Reklameschild mit Taxinummer. Die Rettung! Ein Anruf... und zehn Zeigerumdrehungen später tuckerten wir durchs osthessische Niemandsland. Halb sieben (anderthalb Stunden nach geplantem Start) trafen wir in Gonsrode ein.
 
„Wegen technischen Problemen“ hatte sich der Beginn verzögert - wir hatten lediglich die blutjungen Provinzgrunger PENNY.S aus dem Dunst um Langenselbold verpaßt.
 
Etwas verblüffend der Rahmen der Veranstaltung: Auf einer Wiese von sechzig mal sechzig Metern fanden sich nur die Bühne, ein spärlicher Futter- und ein bescheidener Händlerstand, eine Airbrush-Station, eine „Halfpipe“, ein Dutzend Zelte und - anfangs - hundert Langhaarige. Direkt am krachenden Festplatz grenzten betuliche Eigenheime an. Die Bewohner wird´s gefreut haben... Das war von mir anders erwartet. Denn im Vorjahr hatten sich die legendären Tankard auf dem Gelände die Ehre gegeben!
Punkt 18.30 Uhr standen DISCREATION auf den Planken. Discreation sind Deathmetaller mit Haaren bis zum Arsch, junge Burschen aus Hanau, die mit schneidenden Gitarren, rasselndem Schlagzeug und animalischem Grunzen sehr derb zu Werke gingen. „Wasted Life“ hieß der Titel, den uns Heindel, Schilling, Okon, Frick und DeSimone zum Gruß in die Ohren droschen. Vom Himmel brannte ein unbarmherziger Feuerball, die Sonne! Den Gegenentwurf „Under a Crescent Moon“ genossen wir unter der Hecke am Zaun. Die fünf Blonden aus Hessen mußten indes unter dem sengend heißen Bühnenpavillon leiden. Der Sechssaiter stöhnte mit hochrotem Gesicht und Vokalist Martin fluchte: „Es ist fucking heiß hier!“ Weiter ging´s durch die glühende Hitze mit dem Nackenbrecher „Dark Lake“. Weil sich außer einer Handvoll wild headbangenden Freunden keiner ins Licht wagte, versprach der Trupp allen, die nach vorne kommen, Wasser! Das nächste war wieder ein Todesbleihammer vorm Herrn, der „Call of Hatred“. Gefolgt vom nächsten „Fucking scheiß heiß hier oben“, dem Verlangen nach „zwei Jägermeister“, und einer weiteren Prügelkanonade. Peanut rümpfte die Nase: „Wenn das den ganzen Abend so weitergeht, dreh´ ich am Rad!“, und vorn stöhnte Herr Heindel: „Es ist so scheiß heiß hier.“ Discreation jagten dann mit „A Soldiers End“ und „Frozen Flames“ noch zwei Maschinengewehrsalven durch die Speaker und besiegelten ihren Auftritt mit der Premiere von „With Boiling Blood and Flaming Rage“ (der Titel war Programm!). Heindel hatte noch ein persönliches Anliegen: die Suche nach einem Nachfolger für sich selbst. „Wenn einer growlen kann wie Six Feet Under, soll er sich bei mir melden!“ Discreation waren ein passabler Trupp, der aber besser in einen dunklen Keller paßt. 19.10 Uhr war die Quinte erlöst.
 
Derweil bombardierte die angrenzende Vereinskneipe des FV Viktoria 06 Neuen-Hasslau die Schwermetall- mit Bumsmusik. Etliche Langhaarige konterten mit: „Fuzzis! Wichser! Macht die Scheiße aus! H-e-a-v-y-M-e-t-a-l-!!!“ Meine Wege kreuzten sich mit Strippenzieher Reinhard. Der spendierte Bier und wir hatten Trashtalk. Leider zog sich der Umbau. Die halbe Stunde sollte uns noch bitter zu stehen kommen...
Gegen 19.40 Uhr legten ASRAEL los. Auch zu fünft. Nur von weiter her, aus dem Westerwald. Frontmann D.T.G. entschuldigte die Feuerpause und versicherte, daß die Technik nun paßt und nur der Lichtmacher das „große Licht“ nicht auskriegt. Obgleich älteren Semesters, waren mir auch Asrael unbekannt. „Bloodlines“ und „Hollowed“ zeigte die Richtung an: Power Thrash in bester Pantera-Manier. Wobei besonders D.T.G. verdammt an Phil Anselmo erinnerte: Glatze, gestählte Muskeln, impulsives Gechrei, mal im Sitzen, mal im Kauern, mal aus ´nem Kampfsprung heraus, und stets in Aktion, zuweilen schon überdreht. Asrael groovten heftig und sehr professionell. Slayers „South of Heaven“ wurde interpretiert: lange nicht wie das Original, aber das können ohnehin nur Slayer selbst. Bei „Hidden Fields“ gab´s ´nen Fünf-Meter-Satz mit Anlauf und Amplitude mitten in die Menge zu bestaunen. Die vergolt es mit einem Strahl Bier... Worauf D.T.G. sinnierte: „Wenn ich gewußt hätte, daß Bier so geil in den Augen brennt, würde ich jeden Tag mit Bier duschen!“ Dem eindringlichen „What“ folgte mit „Rockstar“ ein lupenreiner Punkrocker. Ein immerjunger Thrash-Brutalo schloß sich an, einer von Sepultura: „Refuse/Resist“; für die Hüpffraktion - stilecht von einem Karatesatz unterlegt - gab´s das biohazardartige „Lowbrow“ (Gossensprache für Spießer); und final servierten Asrael „Sponsored By“. D.T.G. verlangte „Bier, damit er sich betrinken könne und die Frauen keine Angst mehr vor ihm haben müssen.“ Um 20.25 Uhr war die Sonne verdunkelt, Asrael durch, und aus der Vereinskneipe schallte Geier Sturzflugs „Bruttosozialprodukt“.
Wieder eine kleine Unendlichkeit später - um 21 Uhr - ein Gruß von zarter Frauenstimme: „Schönen Guten Abend! Wir sind ANUBIZ aus Köln und Umgebung. Freut uns, daß die Sonne weg ist und ihr da seid!“ Mit Gotenstahl schmiedete die nach dem schakalköpfigen Totengott benannte Gruppe eine treffende Sinfonie zur Sage. Sirene Carolin (der nachfolgenden Sabina C. äußerlich verwandt) wurde dabei von großem Orchester begleitet: zwei Sechssaiter, Viersaiter, Klavier und Schlagzeug. „Epidemic“ hieß die poetische Einleitung zwischen Tüll und Tränen. Die schwarze Szene war nie die meine. Allzu arg werden die Klischees strapaziert. Auch Anubiz wandelten in jenen Pfaden. Mit elfenhaft zarter Schönheit entfaltete Carolin ihre Stimme - nur um vom grimmigen Grunzen des Gitarristen penetriert zu werden. Ganz wie beim Kampf des Guten mit dem Bösen. „Epidemic“ hinterließ ein Klangloch. Hinein in all die Feingeistigkeit prollte es vom Mallorcaschuppen: „Hoch die Tassen. Wir singen bumsfallera!“, sowie Meister Petris „Hölle, Hölle, Hölle“. Angewidert Sangesfee Caro: „Kann mir das einer von den Ohren nehmen? Das ist ja furchtbar!“ Sphärische Orgeln wehten Grabeskälte über den Platz. Obwohl Anubiz exklusiv germanisch sangen, war kaum Sprache zu verstehen. Allzu gerollt tönten die Rs. Rein instrumental waren Anubiz dabei richtig gut und erinnerten zuweilen an Metallica zu Zeiten des schwarzen Albums. Sprich: Die Bässe wummerten satt und es gab Augenblicke, heftig das Haar zu wirbeln. Doch leider nur manchmal. Fakt ist, daß es Gothics immer schwer hatten, im Metal einen Fuß auf den Boden zu kriegen. Anubiz´ Helden Theatre of Tragedy haben lange zuvor die Waffen gestreckt... und mit „Auch Engel weinen“ gingen auch die Darkies vom Rhein in die Dunkelheit.
 
Der Alkohol hatte unter den nunmehr 200 Besuchern einige Opfer gefordert. Der nackte Recke im Kilt lag reglos im Gras. Zwei Schönheiten wachten an seiner Seite. Und der Bursche, der aussah wie Charles Manson, beanspruchte für den Weg zum Bierstand eine Schneise von zehn Metern Breite.
Punkt 22.10 Uhr ergriffen die Powerthrasher ODIUM die Waffen. Die Gitarristen Pfaff und Hübsch, Stimme Runkel, Bassist Reiber und Trommler Link feierten ihr Zehnjähriges, und mit „All is Bleeding“ schossen die auch ohne große Mätzchen gleich ihre erste Granate vom Nebel ins Sternenzelt. Runkel, anfangs noch diskret krächzend, taute ab dem Zweiten so richtig auf. „Count the Cost“ wurde frenetisch bejubelt, Mähnen flogen, Fäuste reckten sich, der Pit brodelte. Kurzes Durchatmen bei „Hopelesss“ - und dann bliesen die Langhaarigen mit „A New Beginning“ wieder umso schärfer zum Angriff. Toranaga-Verehrer Reinhard preschte übers Geviert, kletterte die Bühnenkonstruktion hinauf, schrie was die rotzig-freche Kehle hergab; und seine Komplizen agierten mit maximaler Hingabe. Drei Monate zuvor sah ich Odium in Homburg - das Heimspiel war ungleich geiler. Die „Metal Experience“ sprühte nur so und funktionierte wie aus einem Guß. Etwas Neues krachte in die Headbangerschaft, eine rasende Ode an den Untergrund durch „Bé:Orscype“. Die Ansage darauf ging so: „Alles okay bei euch? Habt ihr Getränke, Wasser, Saft?“ Und dann gab´s was ganz Altes, einen wütenden Nackenbrecher mit Herzblut und von aggressiven Lichtern und immer neuen Nebelmeeren untermalt: „You Stole My Youth“. Das Hochgeschwindigkeitsgeschoß „The Trip Returns“ donnerte in die Meute. Darauf die Hymne „My Dying Day“, das progressive „Searching for the Exit“, und für den Störsender von nebenan gab´s „Swallow“. „Ich glaub´ wir müssen die da drüben mal mit Metal wegschießen! Scheißmucke!“, mit diesen Worten hatte Runkel den Giftpfeil abgeschossen. Um elf setzte es die metallische Volltanke für die Hässeler Landjugend - ein Medley aus Bots „Sieben Tage lang (was sollen wir trinken?)“, „Freibier“ von Tankard sowie dem Trinklied „4 Bier“. Leuchtkugeln zitterten hoch in die hereinbrechende Abendkühle. Und im Feuerzauber explodierender Raketen belferte der Speedster „Beast of Society“ durch die Luft. Nach 66 Minuten waren Odium durch. Mit dieser Schau war der Thron unter den echten Metalhorden Hessens neben Tankard erstürmt!
 
Nun tickte die Uhr unbarmherzig herunter. Vier Minuten nach Mitternacht ging der letzte Zug nach Frankfurt. Für 23.45 war eine Droschke bestellt...
Einmal im Leben die Thrash-Metal-Pioniere HOLY MOSES sehen. Einmal deren visionäre Alben 'Finished With The Dogs' und 'The New Machine Of Liechtenstein' in echt erleben. Einmal Germanias schärfster Bulthündin, Sabina Classen, nah sein. Ihr vielleicht ´nen Schmatzer geben können... Wäre alles nach Plan gelaufen, hätten wir den Auftritt vollständig erleben können! - Halb zwölf waberte Lee Perrys cannabisschwerer Reggae „Holy Moses“ aus der Anlage, die Moses-Crew tätigte den letzten Feinschliff... und dann stürmten sie ins Licht... ganz zum Schluß Classen. 23.33 Uhr war das. Sabina röhrte einen Meter von mir entfernt ins Mikro. Ich konnte ihr in die Augen sehen, hätte sie berühren können... Eine Frau düster und verrucht wie Sex im Dunkeln, eine Gefahr! Es waren nur Augenblicke, doch die haben gereicht! - Hinterm Zaun drängte nun die Droschke. Ich befrug den Fahrer nach dem Preis für den Heimweg bis Frankfurt. „50 Euro“ sprengten unseren Geldbeutel. Und mit einigem Gram haben wir den Abflug gemacht. Vielleicht wird´s irgendwann mehr Holy Moses. Noch in drei Kilometer Entfernung, zur Geisterstunde am gottverlassenen Langenselbolder Bahnhof, hörten wir Sabina „We don´t abide the law. No more, abide the law. We don´t!“ grölen.
 
Salutionen und Dankesworte an Odium für klasse Gruppen, klasse Publikum, klasse Stimmung und einen geilen Abend auf dem hessischen Land!
 
 
Heiliger Vitus, 20. Juli 2003
(Bilder: Hl. Vitus)
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
DISCREATION
1. Wasted Life
2. Awakening
3. Under a Crescent Moon
4. Dark Lake
5. Call of Hatred
6. Day of Decision
7. A Soldiers End
8. Frozen Flames
9. With Boiling Blood and Flaming Rage
 
ASRAEL
1. Bloodlines
2. Hollowed
3. Soulfloat
4. South of Heaven [Slayer]
5. Hidden Fields
6. What
7. Rockstar
8. Refuse/Resist [Sepultura]
9. Lowbrow
10. Inside
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ODIUM
1. All is Bleeding
2. Count the Cost
3. Hopeless
4. A New Beginning
5. Bé:Orscype
6. You Stole My Youth
7. My Dying Day
8. Searching for the Exit
9. Swallow
10. Medley: Sieben Tage lang [Bots] / Freibier [Tankard] / 4 Bier
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11. Beast by Society