THE HIDDEN HAND, SHEPHERD
D-Frankfurt am Main, Nachtleben - 21. Juli 2003
Scott „Wino“ Weinrich ist die Lichtgestalt des Doom. Wino hat sein Leben dem Doom vermacht. Sein sagenumwobener Weg begann 1976 mit dem Marylander Powertrio Warhorse, die sich später The Obsessed tauften. Von 1986 bis 1990 sang Wino bei Saint Vitus die Alben 'Born Too Late', 'Mournful Cries' und 'V' ein - jedes ein Monument des Doom Metal. Nach Krach mit Chandler floh er aus Kalifornien und ließ The Obsessed aufleben. Die Klassiker 'The Obsessed', 'Lunar Womb' und 'The Church Within' entstanden. Doch dann kam der Absturz. The Obsessed zerbrachen, Wino verstieg sich in Rauschmitteln und lebte auf der Straße. 1995 erstrahlte er mit Shine, den späteren Spirit Caravan, neu. Spirit Caravan versanken im Drogenrausch. Seit 2002 ist Wino mit zwei neuen Projekten unterwegs: den Tennessee-Doomern Place of Skulls und dem Ostküsten-Komplott The Hidden Hand. Damit endet dieser kleine Exkurs - Maximum Wino! - - Vor 16 Tage trafen wir Wino mit Saint Vitus auf dem Metal-Festival „With Full Force“ im sächsischen Roitzschjora. Dort ließ ich mir ein Autogramm direkt auf die Haut geben, um damit 16 Tage später in Dresden zum Tätowierer zu gehen. Seit 16 Tagen hütete ich Winos Schriftzug wie ein Heiligtum... Vorm Frankfurter Klub „Nachtleben“ angekommen, stieß ich mit Peanut auf den Zwei-Meter-drei-Riesen Hulle nebst seiner Tanja. Ex-Doomschreiber Müller gesellte sich dazu. Und auf den Stufen hinterm Bus hockten mit Roger Kolb und Greili zwei Mitglieder der Baseler Sludgedoomer Tollwuet. Schon jetzt trieb der Autor dieser Zeilen zwei Zentimeter überm Grund. Als auch noch Wino aufkreuzte, war alles vorbei. Ich hatte Wino von seinem Saint-Vitus-Auftritt ein Album mit achtzig Bildern arrangiert, gab´s ihm - und sprang von einer purpurnen Wolke auf die nächste. Hulle schrieb mir am tags drauf, daß er es „witzig fand, mich so glücklich/nervös/angespannt etc. zu sehen, nur weil ich den Herrn gesehen hatte“.
Halb zehn tauchten wir eine Plattform tiefer in eine Nacht voller Magie. Die Berliner Doom-Quadriga SHEPHERD eröffnete ihn. Vor einem halben Jahr hatte ich mit einem gewissen „Kanzler“ in Sachen Hellhound-Backstocks zu tun. Erstmals in echt sah ich den Mann bei besagter Vitus-Audienz auf dem WFF. Ihre Namen hielten Shepher auf ihrem Einstand 'Laments' geheim. Nur die Instrumente wurden verraten: „Shepherd is: guitars, bass, drums and vocals.“ Ich konnte es mir eigentlich denken, und heute wurde ein Teil des Rätsels gelüftet: Der Kanzler selbst war der oberste „Schafhirte“. Werksgetreu zum famosen Album, eröffnete das cathedral-schrille „Healing“ den Reigen. Mit „Wednesday“ folgte eine neue sterbensschöne Walze. Und im Keller brüteten über vierzig Grad. Bassist Nico tropfte der Schweiß vom Griffbrett, und der Kanzler äußerte: „Ich glaub´ es ist Zeit, die Klimaanlage einzuschalten!“ Nur weiter voran! Kohl fauchte in Hardcorepositur und der Rest aus Spree-Athen goovedoomte mein Hirn mit dem „Suburban Boogie“ auf eine große Reise bis weit nach Mitternacht. Auch wenn ich als Einziger Shepherd verehrte: Shepherd zählen zu den besten Doomern im Osten. Der bedrohliche, mit Growl- und Folkpartikeln vollgepumpte Mammut „Black Faced Witch“ und ein Rattenzermahler namens „Monday“ folgten. Alle hart an sieben Minuten kratzend. Wino lehnte kopfwiegend am Bühnenrand. Doch der Auftritt hatte ins 45-Minuten-Format zu passen. So blieben die Gefühle vage. Shepherd schlossen mit dem sludgig beginnenden und im All endenden Dreizehnminüter „The Coldest Day“. Fünf nach zehn boxte der Kanzler den Mikroständer mit lautem Knall vom Geviert, sprang von Selbigem, stürmte durchs Publikum und verschwand. Frust? Provokation? Jubel gewiß nicht! Zumindest das abrupte Ende eines einwandfreien und grundehrlichen Auftritts! - - Beim Umbau konnte ich paar Worte mit Kohl wechseln. Die Aktion mit dem Mikro ist ´ne Marotte von ihm und er „fühlte sich einfach nur blutleer“.
Halb elf ging die Sonne auf - Wino trat ins Licht! Vor zwei Wochen von 25 000 angehimmelt, wollten heute 66 Leute die Seele des Doom sehen... Wino nahm´s locker und lächelte ein verschmitztes „es sei heiß wie in Los Angeles“ in die Runde. Winos Begleiter hießen Bruce Falkinburg und Dave Hennessy. Der Langmähnige, der wie ein Schamane aus anderen Zeiten wirkt, wurde von zwei Grünhörnern mit Studentencharme unterstützt. Das wirkte optisch etwas daneben, doch musikalisch zusammen wie ein gut geschmiertes Zahnrad. Nomen est omen: Treu dem Buch „The Secret World Government or THE HIDDEN HAND“, in dem es um die verdeckten Lenker dieser Welt geht, fügten die Amis ihrem Doom Rock Menschheitskritik hinzu. Feuer frei! Wino ließ seiner Meinung zu Regierung, Korruption und den Rothschilds dieser Welt freien Lauf - und gleich das eindringliche „Falconstone“ jagte mir die Gänsehaut nur so übers Kreuz. Egal was Wino tut: es sprüht vor Leidenschaft. Vom orgiastisch groovenden „Tranquility Base“ an, war nur noch Durchdrehen angesagt. So tanzten die Männer von Tollwuet und ich im Schulterschluß an der Front zum zornigen „Bellicios Rhetoric“ den Veitstanz. Die Fragen um „Damyata“ ließen uns die Köpfe rütteln. Darauf gleich der nächste Anstachler - durch das punkige „Screw the Naysayers“... Jetzt war es Zeit, was zu ändern: „Sunblood“ schickte uns zurück in verschrobene Obsessed-Zeiten. Darauf schlängelte sich eine sehr psychedelische Instrumentalnummer aus den Speakern. Beim „Last Tree“ wiederum, durften wir in stonerigen Gefilden wandeln. Doch das fast schon speedmetallische „The Hidden Hand“ trieb gleich darauf wieder zu umso heftigerem Bangen an. Bis zu einem kurzen Verschnaufen. Und noch mal ließ Wino seine Sechssaitige surren: Nun improvisierten Hidden Hand sagenhafte fünfundzwanzig Minuten lang „De-Sensitized“ und das giftige „Divine Propaganda“. Nach siebzig Minuten war es endgültig vorbei. Und zwar knackig, kritisch, magisch und faszinierend!
 
Ich ließ alles wirken und hoffte auf eine Zusammenkunft mit Wino. Und Wino erschien - umarmte und herzte mich völlig erschöpft und sehr fest. Klitschnaß ließ ich mir in dem keilförmigen Kabuff gleich neben der Bühne - auch „Künstlergarderobe“ genannt - ein zweites Tattoo skizzieren. Auf feuchter Haut ein Problem. Wino bat seine Crew um Handtücher, Filzstifte, Kugelschreiber... Scheinbar hatte er spitzgekriegt, daß wir in Eile waren. Aus Sorge um unsere letzte U-Bahn frug er Peanut: „You have to catch your train? You can´t come back later?“ Nun war uns alles egal. Nach dem Full Force lernten wir Wino erneut als großartigen Menschen kennen, als stilles, schlichtes Geschöpf. Diese Momente werden bei uns nie in Vergessenheit geraten. Ich hätte nur noch heulen können. - Noch lange nach der Schau klönten wir mit Roger und Greili und Frankfurter „Ebbelwei“ an der halbrunden Bar oben im Café. Auch die Doombrüder aus der Schweiz waren Wahnsinn galore. Gegen zwei traten wir in einer Droschke den Heimweg an.
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
SHEPHERD
(21.30-22.15)
1. Healing
2. Wednesday
3. Suburban Boogie
4. Black Faced Witch
5. Monday
6. The Coldest Day / The Story of the Holy Drinker
 
THE HIDDEN HAND
(22.30-23.40)
1. Falconstone
2. Tranquility Base
3. Bellicose Rhetoric
4. Damyata
5. Screw the Naysayers
6. Sunblood
7. Neues (instrumental)
8. The Last Tree
9. The Hidden Hand
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10. De-Sensitized
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11. Divine Propaganda
V.o.n.u.:
 
Vitus 666, Wino & El Hulle
 
Wino & Vitus 666
 
Greili, Roger (Tollwuet), Vitus
 
Titel Hidden Hand
 
Tattoos Peanut & Vitus
 
Nachhall
Zwei Tage später stach uns Witschas im Dresdner Tätowierstudio „Sweet Needles“ Winos Autogramm und das Vitus-´V` unter die Haut.
 
 
Text: Heiliger Vitus im Juli 2003; Bilder: Vitus & Peanut