SAINT VITUS, TOMBSTONES
D-Wiesbaden, Schlachthof (Kesselhaus) - 3. Mai 2017
Nur für Saint Vitus waren Goddess of Doom Peanut und ich von Dresden quer durch Deutschland nach Frankfurt und weiter nach Rheinhessen gefahren. Leider machten die Doom-Helden aus USA um Sachsen einen Bogen, und da sowieso nichts mehr ist wie es mal war, aber wir Saint Vitus trotzdem gern noch mal erleben wollten - dazu erstmalig mit Scott Reagers! - war dies die einzige Möglichkeit. Der heutige dritte Mai war ein kühler und verregneter Tag mitten unter der Woche, doch das Kribbeln und die Spannung kaum noch auszuhalten. Mit einhundertfünzig Anhängern hatte sich das historische Kesselhaus des Schlachthofs Wiesbaden zur Hälfte aufgefüllt. Viele trugen Kutten, etlichen war man zigmal begegnet. Die Karte kostete im Vorverkauf 25 Euro. Am Andenkenstand lagen neben einem halben Dutzend Shirtmotiven und Aufnähern, doppelt so vielen Platten und diversen signierten Devotionalien - darunter ein Becken für achtzig Euro - auch Zettel mit den verstohlenen Worten WE NEED WEED! Was zur Hölle war Weed? Von Zeit zu Zeit schaute ein Mann vorbei, der aussah wie Jesus - ruhiger, friedvoller Blick, Stirnband ums lange weiße Haar. Als er ging, konnte nur erahnt werden, welche Magie sich in den kommenden Stunden verbreiten würde...
Den Abend eröffneten TOMBSTONES mit ihrem Album 'Vargariis' und modernem Stoner Doom mit Anflügen von Yob oder Conan. Sprich: mit finsterer Atmosphäre, gruftestief polternden Instrumenten und verzweifelten Schreien - das Ganze natürlich in gebührender Zeitlupe. Leider wirkten Godtland, Helstad und Stöle in der Weite des Raums ziemlich verloren. Das in tiefes Rot getauchte Podium und wandfüllende Horrorstreifen im Schwarz-Weiß der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts halfen hier wenig. Für sich allein war das Trüpplein aus Norwegen ganz passabel und allemal besser als das Gros des grassierenden Internetgeschreis. Aber heute kamen im Anschluß die Heiligen... Doch wer weiß: Vielleicht verliehen ausgerechnet Saint Vitus den Tombstones den Wind für höhere Weihen...
Scott Reagers ist Gründungsmitglied und hat drei Alben von SAINT VITUS eingesungen. Aber diese Meriten brachten ihm weder Ruhm noch Wohlstand. Der Stern seines Nachfolgers Scott »Wino« Weinrich strahlte stets heller. Nach Winos unrühmlichem Ausscheiden sollte nun Heimkehrer Reagers Vitus neuen alten Glanz verleihen. Ob man jemand mag oder nicht entscheidet sich oft in Sekunden. Während Wino zuletzt spektakulär mit einer Gallone Whiskey ins Licht trat, brachte sich Reagers mit einem Pott Kaffee hinterm Mikro in Stellung. Reagers helle Stimme und auch die optische Ähnlichkeit mit Dio mögen ihre Zweifler haben. Aber was heute geschah, zwang jeden auf die Knie. Daß Saint Vitus ein wenig anders sind, war bekannt. Aber daß jemand kein aktuelles Material, sondern aus Respekt gegenüber Wino und Lord Chritus nur Lieder aus den Jahren 1984, 1985 und 1995 zelebriert, verdiente alle Achtung. Scotts Performanz war bescheiden und ehrlich bis auf die Knochen, und er wurde - im Unterschied zu Wino - sogar von Chandler mit ehrfürchtigen Blicken bedacht. Neu bei Vitus war ferner Blondschopf Patrick Bruders (Down und Crowbar), der den zuletzt sehr gebrechlichen Mark Adams am Bass ersetzte. Trommler Henry Vasquez ist schon länger festes Mitglied. Saint Vitus erfanden also gar nichts neu, sie drehten ihre Schlagzeile LET THE END BEGIN einfach um - und kredenzten ihre Altigkeiten, als sie Geschichte schrieben und den Doom entdeckten. Gleich bei den ersten Tönen von »Dark World« rasten mir die Schauer nur so übers Kreuz, und einen Moment fühlte ich sogar Tränen im Gesicht. Der ganze Raum bebte. Die Akustik in dem hohen Gebäude war phantastisch. Von Müdigkeit war bei den Helden nichts zu spüren. Alle wirkten frisch und unverbraucht. Auch Chandler schien sehr auf seine Gesundheit zu achten. Die Gruppe wirkte, als hinge sie so schon seit Ewigkeiten aufeinander. Jeder Ton stand wie in Marmor geschlagen. Und danach ging es mit »One Mind« erst richtig los. Siebzig Minuten Konzert folgten - abdoomen, headbangen, schwitzen, innerlich mitsingen, völlig erschöpft und geheilt nachhause fahren. Nach dem letzten Ton zu »Born Too Late« hatte es eine Weile gedauert, bis ich aus dem Traum zurück in der Wirklichkeit war. Peanut und ich haben in den vergangenen Jahren etliche Auftritte von Chandler erlebt. Der heutige war »gesünder« als früher. Aber von angepaßt und der modernen Zeit um Lichtjahre entfernt. Er war abgründig, perfekt und verdammt heilig. Saint Vitus haben uns seit mehr als zwanzig Jahren begleitet, sie werden es auch immer tun. Für Menschen wie die von Saint Vitus, Typen von früher, die alle Gefühle und Leidenschaft in das stecken, was sie tun, würden wir auch auf einer Leiter zum Mond steigen. GOD BLESS SAINT VITUS!
 
 

Text und Bilder: ((((((Heiliger Vitus)))))), 5. Mai 2017
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
TOMBSTONES
(20.00-20.50)
1. Pyre of the Cloth
2. Heathen
3. Oceans of Consciousness/Underneath the Earth
4. Senseless
5. Barren Fields
 
SAINT VITUS
(21.15-22.27)
1. Dark World
2. One Mind
3. War Is Our Destiny
4. White Magic/Black Magic
5. Zombie Hunger
6. The Sloth
7. White Stallions
8. Mystic Gravy
9. Burial at Sea
10. Saint Vitus
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11. Born Too Late