SEASON OF MOURN pt. 1
 
FROWNING, AD CINEREM, CROSS VAULT
D-Zwickau, Club Battlezone - 5. November 2021
Nach beinahe zwei konzertlosen Jahren befürchtete ich schon, daß es nie wieder ein Doom-Ritual geben würde. Aber nicht nur die Dutch Doom Days erwachten zu neuem Leben, nein, auch Doom Over Vienna. Wenn auch nicht ohne Haken: Während sich im Rotterdamer Klub „Baroeg“ bis zu zweihundert Leute gefährlich nahe kamen, unterlag Österreichs Doomkonferenz der „Nachtgastronomie“ und damit der sogenannten „2G-Regel“, die nur Geimpften und Genesenen Zugang erlaubte. Dazu kamen Einreisekontrollen. Die größte Nummer indes, der Hammer Of Doom, wurde aufgrund der Absagen der US-Gruppen um ein weiteres Jahr verschoben. Ein kleineres Fest war wegen den Fixkosten in der Posthalle Würzburg nicht machbar. Stattdessen hatte der erklärte Freund des Doom und Mitgründer des großen With Full Force, Roland „Bogo“ Ritter, im westsächsischen Zwickau etwas auf die Beine gestellt: keine Riesenversammlung mit dreißigtausend Metalheads wie beim Full Force, sondern eine Herzenssache, eine verschworene Klubnacht mit richtigem Doom: die SEASON OF MOURN. Allerdings stand jene bis zuletzt auf der Kippe. Sachsens Herrscher hatten am Dienstag (drei Tage vorm Festival) neue Maßnahmen vorgeschrieben. Demnach sollten Ungeimpfte weitgehend vom Leben ausgegrenzt werden - genauso wie jene mit natürlicher Immunität. Gott sei Dank sollte diese 2G-Bestimmung erst zwei Tage nach dem Season Of Mourn in Kraft treten. Der Freitag (Konzerttag) allerdings, wurde zur „Vorwarnstufe“ erklärt; private Zusammenkünfte waren untersagt. Krude, paranoide Vorgaben für morgen, die einem heute schon Angst machten...... Aber heute war SEASON OF MOURN! Nach vier Autobahnstunden waren Goddess of Doom Peanut und ich von Frankfurt aus im Dunkeln in Zwickau eingetroffen. Unmittelbar neben der historischen Mauritius-Brauerei lag in der Talstraße der Eingang zum Schauplatz „Battlezone“, einer alten Fabrikhalle. Im Hof konnte ein Schnelltest gemacht werden. Damit hatten wir die gelben Einlaßbänder sicher. Bogo höchstselbst drückte uns kleine, kultige Einlaßkarten zum Preis von 19 Euro pro Person in die Hand. Die Battlezone entpuppte sich als weitläufige Halle mit düsterem Charme, Cocktailbar, Loungesofas, gemischter Latrine sowie separatem Konzertraum. Letzter - ein nackter, hoher Betonkubus für einhundertsechzig Menschen - ist mit „pragmatisch“ noch gnädig beschrieben. Ferner diente die Battlezone als Austragungsort der Militärsimulation Paintball. Eine Luftangriffssirene und der von Farbspritzern übersähte Konzertraum zeugten von regem Gebrauch. Die Kapazität war auf einhundertfünfzig begrenzt. Etwas über hundert Seelen kamen. Um neun ging´s los......
Wir konnten es nicht fassen: Nach einem Jahr, neun Monaten und vier Tagen ohne Konzert, wehten von der mit zwei roten Flutern spärlich ausgeleuchteten Kanzel Klänge, die einst das Lebenselixier waren, erblickten wir Typen mit Bärten, Gitarren und langem Haar, erlebten wir Livemusik: ein Ritual in echt, dazu noch die Lieblingsmusik (und das fast illegal). Ich mußte schwer schlucken... All die Erinnerungen flammten auf. CROSS VAULT durften wir 2015 und 2017 erleben, Beide Auftritte hatten sich in unser Gedächtnis gebrannt. Heute kamen die Mainzer etwas anders. Mit „Golden Mending“, „The Unknown Rewinds“ und „Gods Left Unsung“ (Nerraths persönliches Lieblingslied, eine Schelte für die Menschenrasse) schickten sie drei vom neuen Langeisen 'As Strangers We Depart' in den Kampf. Dabei war ihr vor wehmütiger Melancholie triefender Doom von epischem Metal angetrieben. Wie Herkules schulterte Frontmann Nerrath alles Leid dieser Erde, warf es mit muskulösem Bizeps in die Menge. Seine Gestik stand womöglich symbolisch für einen neuen Weg. Cross Vaults Doom war rettungslos nostalgisch im besten Sinne - heute aber auch etwas geisterhaft erhaben. Das lag vor allem auch am undoomigen Sound und der frostigen Umgebung. „Es war aber auch finster in dem Laden…“, ließen Cross Vault mich später wissen. Aber selbst wenn Cross Vault zu Beginn vielleicht nicht das gütige Geschick und die Seele von einst hatten, waren sie immer noch eine Wucht von einem Erlebnis. Mit „Home“ besiegelte eins der ergreifendsten Doomlieder aller Zeiten traditionell das Ende - „ein wunderbares Stück“, wie Nerrath es bescheiden nannte. Am neuen Morgen standen den Männern über siebenhundert Autobahnkilometer von Zwickau nach Rotterdam zu den Dutch Doom Days bevor...
Keine Ahnung, was Dresdens AD CINEREM heute gefrühstückt hatten. Speedkekse? Panzerschokolade? Vielleicht war ihr Kaffee mit Acid versetzt? Oder wollten sie sich diskret dem Publikum anpassen? Jedenfalls kosteten Ad Cinerem die Freiheit des Geistes voll aus und zeigten sich völlig anders als fünf Jahre zuvor beim Doom And Gloom am Taunusgebirge. Ab 22 Uhr 22 torpedierten Hekjal, Val, Ehedy, Richard und Nico die Menge mit einer Dekonstruktion aus Doom, Post-, Black-, Death- und Groove Metal, der sich immer mehr in einen morbiden Höllentrip steigerte. Im Unterschied zu Cross Vault war die Bühne nun von weißem und blauen Gelichter grell erleuchtet, Ad Cinerem gaben körperlich alles, sie sprühten vor Energie und Tempo, die langmähnigen Saitenmänner headbangten von Anfang bis Ende durch. Aber wo Schnelligkeit und Finesse sind, fehlen manchmal - Hekjal, bitte wegsehen und Asche über mein Haupt! - Kraft und Tiefe. Die schrulligen Kerle und ihre atemlose Hatz verliehen dem Auftritt einen bizarren, sehr harschen und rauhen Charme, einen toxischen Abgesang auf die Welt, der mich etwas an wilde Mystiker wie Downfall of Gaia, Kalmen oder Mourne erinnerte. Der Erfolg gab ihnen wohl recht: Mit ihrem Blackened Death Metal (oder umgekehrt) hatten Ad Cinerem die meisten Kunden. Nur bei Ad Cinerem war der Saal durchweg voll. Wer sich hier nicht infizierte, war nicht von dieser Welt (oder alles andere Propaganda und Verdoomung).
Für die Letzten brauchte man einen langen Atem. Es waren FROWNING aus Dresdensia, die zu den Klängen von Frédéric Chopins „Marche Funèbre“ um Mitternacht den Schwanengesang mit Funeral Doom brachten. Kürzer als das Original, aber diese hoffnungslos schleppende Sequenz war der Grundton für die folgende ein und eine viertel Stunde - finster wie die Nacht! Funeral ist keine Musik für Menschen, die alle naselang „Action“ brauchen. Freunde tiefgründiger Klänge der Sorte Evoken, Nortt oder Worship sollten bei Frowning aber auf die Knie sinken. Seit dem Abschied meiner Mutter ist Funeral Doom die weitgehend einzig erträgliche Musik für mich geblieben. Es war Trost und Faszination zugleich, wie Val Atra Niteris und seine drei Geleitschutz spendenden Geister allein mit tiefen Trossen, langsamen Schlegeln und abgründigem Grunzgesang unaufhörlich Gänsehaut erzeugte - und wie er die lange Zeit verhaltene Stimmung in der Halle mit Würde und Haltung nahm. Vom ersten Takt an war ich dem Wahnsinn verfallen, stand haarewirbelnd unterm Geviert, inhalierte die grandios zelebrierte orchestrale Wucht des Funeral Doom. Nach zwei pandemiebedingten Jahren mit Funeral aus der Stereoanlage, wurde die Nacht in der Battlezone zu einer weiteren berührenden Reise ins Totenreich - heute Nacht zum zweiten Mal mit Frowning in natura. Bei „Murdered by Grief“ stand die Welt still. Als kleiner Kratzer im Gefühlsoverkill zwischen Trauer und Schmerz, Leid und Erlösung, blieben die gestutzten Haare und das Misfits-Shirt mit der berühmten Fiend-Maske, das Val trug. Um ein Uhr spielten Frowning als Zugabe noch ein Schlaflied namens „Ad Finem“ an. Damit war das erste Season Of Mourn Geschichte.
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
CROSS VAULT
(21.03-21.50)
1. Golden Mending
2. The Unknown Rewinds
3. Rails Departing
4. Gods Left Unsung
5. The All-Consuming
6. Home
 
AD CINEREM
(22.22-23.32)
1. Dawn is Drawing Near
2. Shadows of Doubt
3. Coldness Went Beyond a Heart
4. To Revise Downward
5. Beast on Burden
6. Pulse of an End
7. Death of a Wanderer
 
FROWNING
(23.50-1.03)
1. Frédéric Chopin's Marche Funèbre
2. Encumbered by Vermin
3. A Way into Relief
4. The Sound of Abandonment
5. Murdered by Grief
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6. Ad Finem
Immer wieder im Laufe des Abends ergaben sich Unterhaltungen, darunter mit Val, Gründungsgitarrist Cersosimo von Cross Vault, unserem Zwickauer Bekannten Ronald, dem Klubbetreiber (der mich mit Pfeffi verkehrte), sowie Organisator Bogo. Jener berichtete vom Verlustgeschäft in den letzten Jahren und dem letztlich finanziell bedingten Verkauf des With Full Force an eine Firma und deren neuem Festivalort in der künstlich angelegten Eisenstadt Ferropolis. Im Nachklapp konnte auf einer AFTERSHOWPARTY in der nahen Metalbar „On The Rocks“ weiter ausgiebig gefeiert werden...... Peanut und ich blieben eine Nacht bei netten Gastgebern auf dem Berg zwischen der Brauerei und dem neuen Fußballstadion - und erlebten Zwickau bei Licht als ursprüngliche, ehrliche, natürliche Stadt mit Charme und hohem Lebenswert. Wir liefen über uralte Gehwege, sahen Häuser aus längst vergangenen Zeiten und streiften auf der Heimfahrt nach Dresden auch das ausradierte Hauptquartier des rechten Untergrunds in der Frühlingsstraße. Die Season Of Mourn war das erste Konzert seit einer kleinen Ewigkeit und das letzte für eine lange Zeit - vielleicht FÜR IMMER. Da das Ritual gut angenommen wurde, sollte allerdings Nachschub denkbar sein......
 
 

Text und Bilder: ((((((Heiliger Vitus)))))), 9. November 2021