SECRET CHIEFS 3, FAT32
D-Frankfurt am Main, Nachtleben - 20. Juni 2011
»Von wirklich richtig guten Konzerten kann man nie genug haben - oder anders: Kommt alle und zahlreich, SC3 live war bis jetzt immer der Hammer und das wird es auch diesmal!!!« So und nicht anders las sich Meister Engls Einladung zu den Secret Chiefs aus San Francisco. Und als Kopf der Kreativrocker Ephemerol hat Maxim wahrlich einen Sinn für Kunst. Damit hatte er aber zugleich auch der eigenen Gruppe ans Bein gepinkelt: Die artverwandten Ephemerol hatten nur drei Tage zuvor einen Auftritt in Offenbach... und wer geht heutzutage noch auf zwei Konzerte hintereinander? Schauplatz für die Chiefs war das Frankfurter »Nachtleben«. Als wir um 21 Uhr eintrudelten, war der Keller mit dreißig Personen zu einem Zehntel gefüllt. Später waren´s etwa fünfzig, darunter Mr. Ebu vom »Radio X«.
Um 21.15 Uhr bootete das nach dem alten Dateisystem benannte Nu-Jazz-Duo Capelli/Kaced alias FAT32 seine Klangerzeuger. Jene - eine Batterie Keyboards und ein Schlagzeug - waren dabei unterhalb der Bühne, in der Raummitte aufgebaut. Und zwar so, daß sich die Musiker ins Gesicht sahen und zusätzlich vom Publikum umgeben waren. Damit hatte der Auftritt von vornherein eine schräge Note. Im Laufe der nächsten 42 Minuten tobte dann ein wüstes Scharmützel aus Fieptönen, hyperventilierenden Trommeln, Édith Piaf vom Band und allerlei komödiantischem Klamauk durch den Klub. Vieles ähnelte sich - bis eine dadaistische Verwurstung aus »Smoke on the Water«, Black Sabbath, französischer Akkordeonmusik und Grindcore innerhalb einer Nummer für den finalen Totaltrash sorgte. FAT32 - zwei Sonderlinge auf Crack aus Lyon - waren schräg, schrill, schnell und so irrwitzig, daß es schon wieder Kult war. Später durfte man den Tastenmann mit einer Zigarette im Nasenloch [sic] bestaunen. Peanut hätte sich vor Lachen fast in die Hosen gemacht. Join the dark side!
Der Auftritt der Geheimen Chefs hatte für mich schon lange vor der eigentlichen Schau begonnen. Denn während die Franzosen herumklimperten, turtelte von allen unbemerkt der Kopf der Chiefs in wirklich herzzerschmelzender Weise mit seinem Mädel direkt vor mir an der Bar herum (noch in Sportbuxen, aber der Gurubart verriet ihn). Offenbar hatte sich das Pärchen aus den Augen verloren und nun wiedergefunden. Was sich später tat, war indes so gar nicht von dieser Welt. Ab 22.10 Uhr thronten fünf unter rußschwarzen Kapuzen und Kutten vermummte Gestalten vor uns. Jedoch nicht die Schwarzen Reiter von Mittelerde, sondern Gitarrero Trey Spruance - schon bei den Indielegenden John Zorn und Faith No More aktiv - dazu ein nicht zu deutendes Mysterium an der Geige, ferner ein anonymer Klavierspieler und ein Jüngling sowie Jungmädel an Baß und Schlagzeug. Heute nur zu fünft, aber hinter den Kulissen auch schon mal als Dutzend im Einsatz. Vieles ist im Wandel bei den SECRET CHIEFS 3 aus USA, und was in diesem Augenblick noch real ist, hat sich im nächsten schon wieder ins Gegenteil verkehrt. Für sage und schreibe anderthalb Stunden übernahm ein exotisches und völlig einzigartiges Kaleidoskop aus Surf, Noise, arabischer und indischer Weltmusik und dem Sound monumentaler Western das Regiment. Ein bizarres Gemenge, aber wie in einer großen Aufführung in drei Akte unterteilt - und letztlich zu einer phantastischen großen Klangwelt verschmelzend. Der Name sagt´s ja: 3, und Avantagarde wäre der treffende Stil. Alles ging wortlos über die Bühne. Kein Menschenlaut, nur ein Feuerwerk aus glimmenden Instrumenten, gemacht von fünf verruchten netten Leuten. Dunkel, kraftvoll und echt rübergebracht war das. Und selten habe ich eine Gruppe mit solch einer sympathischen Ausstrahlung erlebt. Nach einem Drone-Doom-Tornado und einem nachtschwarzen Surfrocker waren die Chiefs eigentlich verschwunden, mußten dann aber doch noch mal ins Licht. Wobei der Streicher sich nicht mehr schämte, dies ohne Gesichtsschutz zu tun. Die Identität bleibt natürlich geheim. Um 23.40 Uhr fand das Märchen SC3 sein Ende. Die Geheimen werden wiederkommen. Wir auch. Am Ende der Seite ein erhaltenswertes Filmchen vom selben Ort vor zwei Jahren......
 
 
Heiliger Vitus, 21. Juni 2011 (Sonnenwende)
(Abbildungen: Hl. Vitus)
Insane vermummt
ABSPIELLISTE SECRET CHIEFS 3
(ohne Gewähr)
1. Reunciation
2. Dolorous Stroke
3. Tocatta
4. Vajra
5. The 3 (Afghan Song)
6. The 4 (Great Ishraqi Sun)
7. Brazen Serpent
8. Book T: Exodus
9. Tistriya
10. Ship of Fools (Stole of Exile)
11. Radar
12. Saptarshi
13. Labyrinth of Light
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14. Personnae Halloween (John Carpenter)