SHEVER, RUE DES CASCADES, SOLDAT HANS
D-Dresden, Chemiefabrik - 28. November 2019
In Gestalt von Soldat Hans und Rue des Cascades tingelte Ende November eine Minitour zeitgenössischem Schweizer Postcores durch Deutschland. Mit dabei waren die legendären Witch-Doomer shEver. Sieben Uhr morgens war der Tross aus Winterthur über die Autobahn in Richtung Nordosten aufgebrochen. Nach der Nacht in Dresden ging´s anderntags weiter nach Berlin und von dort nach Erfurt... Lag´s an der Konkurrenz durch Dresdens Postrocker Grimény, die zur gleichen Zeit im „Kukulida“ im Szenemekka Neustadt einen Auftritt hatten? Oder am Fehlen eines lokalen Supports in der „Chemo“?: Die Nacht in Pieschen verlief ganz konspirativ, fünfundzwanzig Gäste kamen. Zehn hielten bis zum Schluß durch. Einer offenbarte sich als der alte Herr des Gitarristen von Dieselokkult, die unlängst vor Dopelord in der Chemo standen. Ohne daß wir voneinander wußten, blickten wir auch schon 2002 bei Electric Wizard im „Nubeatzz“ [R.I.P.] ins selbe Licht... In aller Seelenruhe konnte ich mich am Merch-Stand ordentlich mit Devotionalien eindecken, der Barbursche besorgte extra aus dem Lager eine Plastetüte zum Verpacken von Kapu, Shirt, Kassette und Silberlingen (alles rarer, skurriler Kram!), und es ergaben sich Unterhaltungen mit dem neuen, im Schwarzwald lebenden Bassisten von shEver, und Fronterin Alexandra. Konfusion herrschte unterdes in puncto Programmablauf. Das Fakebuch vermeldete Rue des Cascades als Hauptakt, shEver in der Mitte, Soldat Hans als Eröffner. Der über der Bühne strahlende Schriftzug sah aber die Kaskadierenden an erster Stelle. Es kam anders...
„Vielen Dank! Wir waren SOLDAT HANS aus Winterthur. Es war uns ein Vergnügen, hier zu spielen!“: So lautete die entwaffnend schlichte Vorstellung des Spähtrupps - die allerdings erst nach anderthalb Stunden der Ungewissheit Licht ins Dunkel brachte. Wohl niemand kannte sich in der Welt der Schweizer aus (die Hexen von shEver mal ausgenommen). Es waren also Soldat Hans, die uns gleich als Erste so ungewöhnlich lange - knapp neunzig Minuten! - verzauberten. Soldat Hans kamen als Sextett. Die Gitarren wurden bedient von den Herren Hetata, Pfenninger und Omar, am Bass stand Chaclàn, an Schlagzeug und Keyboard Harrison und Wilding. Letzter erhellte mich: Der Gruppenname bedeutete nichts Böses. Er kam aus dem Märchen „Des Teufels rußiger Bruder“ von den Brüdern Grimm. Darin lernt der abgedankte Soldat Hans im Wald den Teufel kennen, der ihm das Musizieren lernt... Soldat Hans kamen anfangs wie eine der angesagten Post-Metal-Gruppen daher. Mit ihren zwischen herausgeschriener Verzweiflung, Wut und der Ewigkeit changierenden Klangwällen erinnerten sie mich an Amenra und ihre Landsmänner Rorcal. Aber Soldat Hans waren anders: Sie führten eine bis dato unbekannte Orgel und damit eine neue Wunderwaffe ins Postcore-Genre ein. Soldat Hans waren äußerst beklemmend und wahnsinnig berührend zugleich. Sie rollten wie eine perfekt geölte Maschinerie. Mit der okkult hupenden Orgel steigerten sie die subtile Spannung ins schier Unerträgliche! Über den Tiefsinn von zwei Liedern binnen neunzig Minuten - erst der zweiteilige Monolith „Schoner zerbirst“, dann das noch unveröffentlichte „Speech Writer“ - bedarf es keiner Worte. Welch ein Trip!
Auch die Zweiten ließen den Gast bis zum Schluß im Dunkeln stehen. „Guten Abend! Wir waren RUE DES CASCADES. Schön, daß ihr hier wart!“, lauteten deren letzte Worte. Mit der klassischen Dreiviertelstunde spielten die Postrocker Rue des Cascades nur halb so lang wie ihre Nachbarn aus dem Kanton Zürich, und sie hatten auch nur die Hälfte an Besetzung. Ausgeglichen wurde das durch eine stark gedrosselte Geschwindigkeit,und eine so liebevolle wie bizarre Filmkunst im Bühnenhintergrund. Obskur-finstere Westernstreifen in Schwarz-Weiß wurden abgelöst von atemraubend-trügerischen Landschaften in Goldtönen. Dave, Ivo und Mätthe waren gediegener Minimalismus mit Stil, Gefühl und hinreißend viel Herz. Das Zusammenspiel der schwelgerischen wie bedrohlichen Klänge mit den bewegten Bildern gab der Darbietung zusätzliche Würze. Über einen abgründigen Titel wie „Der Ruß Dresdens“ legen wir den Mantel des Schweigens. Auch die Kaskadierenden waren Postcore auf allerhöchstem Niveau. Nach Rue des Cascades und Soldat Hans konnte es eigentlich keine Steigerung mehr geben! Eigentlich...
Während sich die Helden in Stellung brachten, rückte der Zeiger der Uhr auf die Zwölf zu... Schlag Mitternacht legten SHEVER los. Götterdämmerung! Vor shEver standen achtzehn Leute, der harte Kern, der nur für shEver brannte. Und für den waren shEver bereit, bis zur Grenze zu gehen. Death Doom war die Musik der kommenden Stunde. Tradition traf Zeitgeist, morbide Schreie auf magische Zeitlupenriffs. Mit „3 Seconds“ und „Failed to Avoid“ starteten shEver althergebracht durch. Beide Lieder waren von endzeitlichen Landschaften, Ruinen, Explosionen und bizarren Rasterungen an der Wand unterlegt. Ab „Je Suis Nee“ wurde vernebelt. Und zwar die ganze Halle! Die Chemo verschwand in einem Meer aus Nebel. Und damit gaben shEver im ursprünglichsten Sinne eine jener Vorstellungen, bei denen die Akteure völlig mit ihren Anhängern verschmolzen. Die herzige Sängerin, die verruchte Gitarristin, ein manischer Viersaiter und ein gefühliger Trommler: Auf Anhieb war ich eins mit dem neuen Bund. Die vier passten super zusammen und stürzten mich in einen Veitstanz. All die Wunden, die uns das Erdendasein so zufügt, brachen mit einer Wucht auf, die mich voll ins Herz traf. Das lag vor allem am authentischen Auftritt Alexandras, die den Schmerz genauso fühlbar machte wie eine innere Verzweiflung. Auch die beiden „neuen“ Männer, der schratige Jörg und der langhaarige Heiko, waren eine Macht. Und dann war da noch die in ihrer Unnahbarkeit eingefangene Jessica, die am Sechssaiter den heftigen, tiefen Rahmen gab, Für eine Nacht, die mit allem versöhnte und sich tief in mein Gedächtnis einbrannte. Der Auftritt war tipptopp, die Zeit verging wie im Rausch. Die Frage „Wollt ihr noch eins?“ und die Antwort „Das ganze Set von vorn!“ sagen alles. Mit dem lodernden Hexenfluch „Hagazussa“ endete um ein Uhr sechs das Doomkunstwerk von shEver und das Konzert-RITUAL des Jahres! Ich war nun ein Witch-Doom-Süchtiger!
 
 

Text und Bilder: ((((((Heiliger Vitus)))))), 30. November 2019
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
SOLDAT HANS
(20.56-22.20)
1. Schoner zerbirst
2. Speech Writer
 
RUE DES CASCADES
(22.48-23.28)
Titel unbekannt
 
SHEVER
(0.00-1.06)
1. 3 Seconds
2. Failed to Avoid
3. Je Suis Nee
4. Smile
5. Waiting
6. Hagazussa