SPIRIT CARAVAN, VERSUS THE STILLBORN-MINDED, PETRIFIED
D-Nürnberg, Zentralcafé im K4 - 29. Juni 2014
((((((O)))))) Zum Quartier unseres diesjährigen Nürnbergbesuchs hatten Frau Peanut und ich diesmal das Hotel am Zentralen Omnibusbahnhof gemacht, in dem auch die Musiker nächtigen. Statt von den Helden wurden wir in der riesigen Fickburg aber nur vom Brummen der Busse berührt. Als Wiedergutmachung konnte man sich in der Lobby des Hotels rund um die Uhr ein kaltes Halbes ziehen. Das Größte war aber sowieso das Konzert. Die US-Legende Spirit Caravan, dazu mit Petrified und Versus zwei Mitgründer der deutschen Doom-Bewegung, und daß für 13 Euro einschließlich emotionalem Fanticket: Wo gibt´s das heute noch? Laut Ausrichter „Doom Over Nuernberg“ war das 170 Leute fassende „Zentralcafé“ fast ausverkauft. Trotz des parallel laufenden WM-Achtelfinals Niederlande gegen Mexiko! Zu etlichen bekannten und vielen unbekannten Gesichtern hatten sich auch paar verbotene Biester als Last für alle mit Trieben gesellt. In dem Fall hieß es, Ruhe bewahren und die geduckte Hyäne zu mimen. Unbemerkt von alledem lichtete der Bassist von Spirit Caravan draußen in der Halle per Smartphone ein deutsches Bier ab. Kurz nach acht ging´s los...
Den Auftakt bestritten PETRIFIED. Schulz, Dörfler und Schaarschmidt waren als Letzte ins Programm aufgenommen worden, und erst zwei Stunden vorm Aufttritt, dazu ohne ihren Leitgitarristen eingetroffen. Buttler hatte „sich in den Arsch gebissen“, und mußte Dienst in England schieben. Was sich jedoch nicht als Manko erwies. Im Gegenteil! Das Kommando aus Sachsen präsentierte sich zu dritt glühender als beim letzten Doom Shall Rise - um nicht zu sagen: in blendender Form! Gleich das Erste - „Under Saturn“ - klang so was von leidenschaftlich und echt, wie man es in der neuen Zeit kaum noch hat. Herz und Seele, skurriler Charme, schnurrige Appartschiks in gebührend versteinerter Langsamkeit, dazu die kauzig verhallte Klagestimme des Frontmanns (heute in kultiger Slough-Feg-Bluse): Sonntagabend kurz nach acht in Nürnberg, ich mit aufgestellten Härchen, doch kaum Raum, die Gefühle zu zeigen! Der Laden war wieder rammelvoll und schrecklich stickig. Dafür wirkten Petrified klar und frisch, aber so was von! Neben dem „Golem“ als Ältestem, hatte sich auch ein recht Neues eingeschlichen, welches perfekt in die Linie passte. Petrified beschlossen ihre Hommage an den Doom Metal der Neunziger mit einem sächsischen „Schönen Dank und off Wiedorsääähn!“ Es war verdammt geil mit Petrified!
Ab 21 Uhr 12 herrschte Heimspiel-Atmosphäre. Die Lokalmatadore VERSUS THE STILLBORN-MINDED hatten Stellung bezogen. Nach einer Dehnübung ihres Vokalisten legte Deutschlands älteste aktive Sludge-Staffel mit „Vivamus“ im konsequenten Stirb-langsam-Tempo los - um sich von der ersten Sekunde an in einen Rausch zu manövrieren. Dementsprechend drehte die Meute am Rad, und mutierte spätestens beim alles zerstörender Doomer „Climax of Delusion“ zu einer regelrechten Gottesanbetung. Selbige vollzog ich haarewirbelnd am dafür einzig offenen Ort - einer Nische zwischen Bühne und Bar zu Füßen des Leitgitarristen Satt. „Climax“ allein rechtfertigte die lange Reise. In der Folge zelebrierten die Nürnberger ihren tiefensympathischen Sludge, der beim aktuellen Werk 'The Eternity Itch' allerdings nicht immer funkt. Teils brachiale Passagen wechseln sich dort mit teils verstörender Avantgarde. Dafür gewinnen Breuer, Satt, Partheymüller, Raab und Pürschel von mal zu mal an Aura. Die krude Spitzbübigkeit, nudistische Aktionen und Spiele am Geschlecht sind einer gewissen Tiefe gewichen. Einer trug heute sogar einen schweren, schwarzen Philosophenbart. Nicht Wino und Komplizen, die fünf klasse Typen von Versus waren der Grund meines Kommens! Und ich mußte mich überhaupt nicht ärgern. Versus ließen alles raus, was sich so angestaut hatte!
Halb elf schlug die Glocke für SPIRIT CARAVAN. Die verehrte Gruppe der Doom-Metal-Persönlichkeit Scott Weinrich, vormals Fronter von The Obsessed und Saint Vitus, lebt von den Influenzen seiner Verflossenen. Nach dem Ende von Obsessed 1995, der Heimkehr von Kalifornien nach Maryland, und dem Entzug von Rauschmitteln 1997 von Wino, Ex-Wretched-Bassist Dave Sherman sowie Ex-Unorthodox- und Pentagram-Trommler Gary Isom als SHINE ins Leben gerufen, gelten Spirit Caravan und ihr Debüt 'Jug Fulla Sun' als bahnbrechend im Doom Rock. Obgleich im Untergrund höchst gepriesen, löste Wino das Projekt 2002 auf - um sich erst als zweiter Gitarrist Victor Griffins Place Of Skulls anzuschließen, und es danach mit The Hidden Hand zu versuchen. Wenig weise Entscheidungen... Im Zuge der zu neuem Leben Erwachten gaben sich Wino und Sherman heute mit dem texanischen Saint-Vitus-Krawalltrommler Henry Vasquez ein Stelldichein in Nürnberg. Der Held war hier eindeutig: Winos schamanhaftes Wesen, sein heilendes Timbre und die von Herzblut und Feingefühl getriebene, wehmütige Heavygitarre trugen die Karawane durch eine Demonstration in Sachen Doom Rock. Der Stil liegt nicht jedem, Gänsehautnummern wie „Powertime“, „Fang“, „Healing Tongue“, „Dead Love“, „Lost Sun Dance“ oder „No Hope Goat Farm“ kennt man schon ewig, und häufige Instrumentenwechsel können bei einer Spieldauer von anderthalb Stunden etwas aufgeblasen wirken. Andere wiederum genossen jede Sekunde. Das Finale riß es indes für alle raus. In der Verlängerung zelebrierten die Amis mit Grand Funks „Inside Looking Out“ erst einen Allzeitfavoriten von Frau P.; und dann mit „Ice Monkey“ noch das verkannte Schneeungeheuer der Unberührbaren. Im Gegensatz zum bescheidenen Wino doomten seine hochnäsigen Handlanger leider überhaupt nicht. Der Gitarrenroadie bestach immerhin als verborgener Co-Klampfer bei „Healing Tongue“. Weiterhin blieb die Totenehrung von Jason McCash (The Gates of Slumber) in Erinnerung. Sherman schickte ihm bei „Fang“ einen posthumen Gruß nach Drüben.
Im Nachklapp bewies der gut aufgelegte Frontmann von Petrified ein phänomenales Langzeitgedächtnis. Thomas konnte sich nicht nur an meinen Besuch mit Peanut und Eltern in Zschopau erinnern, sondern auch, daß wir beim Doom Shall Rise 2006 (dem mit Bunkur) übers Bass-Spielen geredet haben. Aber warum sich schwer tun, wenn man selbst mit alter NVA-Ausrüstung Drone Doom hinkriegt? - Später konnten wir in einem Irish-Pub um die Ecke noch die Verlängerung und das Elfmeterschießen von Costa Rica gegen Griechenland sehen. Ein Uhr nachts ging ich mit Peanut ins Hotel. Auf dem Weg trafen wir Henry Vasquez mit einer schwer tätowierten Señorita. - Nach einem Ruhetag in Nürnberg ging die Spirituelle Karawane am Montag wieder auf Reisen nach Budapest.
 
 
Text und Bilder: ((((((Heiliger Vitus)))))), 3. Juli 2014
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
PETRIFIED
(20.10-20.46)
1. Under Saturn
2. Robos Nuevos
3. Tohos Nuevos
4. Raven´s Claw
5. Golem
6. A Skull Full of Emptiness
 
VERSUS THE STILLBORN-MINDED
(21.12-22.01)
1. Vivamus Ergo Delebimur
2. Truly Miasmal Intercourse
3. Climax of Delusion
4. Chore & Order
5. Shed!
6. Bovine Minds in Motion
 
SPIRIT CARAVAN
(22.30-23.57)
1. Powertime
2. Undone Mind
3. Dove-Tongued Aggressor
4. Fang
5. Healing Tongue
6. Black Flower
7. Cosmic Artifact
8. Retroman
9. Dreamwheel
10. Dead Love / Jug Fulla Sun
11. Lost Sun Dance
12. No Hope Goat Farm
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13. Inside Looking Out [The Animals]
14. Ice Monkey [Saint Vitus]