STOCKYARD STOICS, THE X-POSSIBLES
D-Frankfurt am Main, AU - 9. Juli 2004
Anarchy Punk from New York City, U.S.A.: Seit langem wieder mal ein Hausbesuch bei den Nachbarn der „AU“, deren Gebot „Carpe noctem!“ lautet. Vor halb elf geht in der Kommunalka wenig. Zu der Zeit trudelten wir dann auch ein. Trotz lausiger 16 Grad zeigte ein Dutzend dem kalendarischen Hochsommer den ausgestreckten Mittelfinger, und ließ sich die Getränke unterm Himmel des Biergartens *Furcht Bar* munden. Wir selbst begaben uns schnurstraks in den Keller, wo vierzig zwielichtige Gestalten warteten: in der Hauptsache Stachelpunker und andere Taugenichtse. Auch die Helden aus Übersee waren mit einer kleinen Anhängerschaft vor Ort. Eigentlich waren die Amis sogar in der Überzahl, und sie feierten sich nicht schlecht ab. Speziell einer der Gitarristen ließ sich alle naselang - Nikotinwölkchen in die Luft blasend - ablichten...
Ab 23 Uhr 05 trieben THE X-POSSIBLES ihr rebellisches Unwesen auf der Bühne. Nachdem sie nicht das Stars-&-Stripes- sondern ein Skull-&-Stripes-Fähnlein gehißt und den Gruß der DDR-Jungpioniere nachgeäfft hatten (Heben des rechten Armes und Halten der flachen Hand entlang des Mittelscheitels mit Daumen zum Kopf und kleinem Finger zum Himmel), ging es los. Blitzstart mit maschinengewehrartigem Trommelfeuer, sägenden Gitarren und bissigen Vokalen. The X-Possibles waren fünf Punker mit Nieten, Totenkopfstickern und blau colorierten Iros, und obendrein sowas wie eine Hausband des New Yorker „CBGB“! An der Front: Tibbie X, ein weiblicher Giftzwerg von fünf Fuß Höhe, mit seitlichen Pferdeschwänzchen, Tattoos und einer kratzigen Kindsstimme zwischen Suzi Quatro, Joan Jett und Blondie. Tibbie X hauchte dem zappeligen Gerippe an ihren Flanken Leben ein. Ihre fix ausgemachte Lieblingspose: mit Bier und tief in den Rachen gestecktem Mikro auf der Bühnenbox turnen, und dabei selbstzerstörerisch den Kopf an die Decke schlagen. Es ging um Lust und Wut, um Freude und Gewalt, und die im Stakkatotakt heruntergerasselten Nummern hießen „Chaos or Death“, „Runaway“, „Too Fast Too Slow“, „Suicide Tuesday“ und „I Don´t Wanna“. Dazwischen wurde wieder gefeiert, diesmal der Geburtstag des Stockyard-Trommlers JP... „Yeah yeah yeah, oh yeah!“ Vor mir spendete ein Punk ´nem anderen mit ´ner fünfzig (!) Zentimeter hohen Stichflamme Feuer für dessen Joint. Und Zugaben waren fällig: zwei turboschnelle. Und weil die so klasse waren: gleich noch zwei in Oi!-Manier geradezu. Halb zwölf wischten sich die Amis ihre verschwitzten Gesichter an der Jolly-Roger-Flagge ab und stiegen vom Geviert. - Wir bewegten uns zum Tresen. Frontpunkette Tibbie X und der knirpsenhafte Rikki Chips stolperten knutschend hinterher...
23 Uhr 50 standen die STOCKYARD STOICS auf den Brettern. Einer hätte gleich dort bleiben können: der schon bei TXP saitenmalrätierende Aron. Im Unterschied zu ihren exzentrischen Kumpanen kamen die „Lagerplatz-Stoiker“ wie kalte Schweine daher. Doch auch die Gang aus Brooklyn hatte eine geballte Ladung Krach mitgebracht. Stimme und Superbasser Joe Piglet, Sechssaiter Brendan und die erwähnten JP Otto und Aron in seiner Doppelrolle hatten massig Propaganda um Umweltzerstörung, Krieg und Untergang dabei. Nachdem die ersten Lieder in der Machart entspannter Clash und verwahrloster Pogues standen, erhöhten SS ab Nummer sechs Druck und Geschwindigkeit enorm; und beim Ablichten titulierten mich ihre wild vor der Bühne pogenden Landsmänner als „Hippie“. Explosiver 70er Punkrock und bissiger 80er Hardcore erblickten das Licht der Welt nun neu, und eine dreckige Ansammlung von Streetpunk-Teilen wie „Song of Babylon“, „Adolescent Chemistry“, „Urban Decay“, „Parasite Economy“ und „Justice Denied“ rauschte laut und schnell durch die Speaker. Ein Punk versuchte mir ein halbleeres Bier aus der Hand zu schnorren. Und J.P.s Geburtstag wurde jetzt hochoffiziell gefeiert, auch wenn der Zeiger schon weit über Mitternacht hinausgetickt war. Joe verkündete den „last song“, das mit Tibbi X und Rikki Chips als Sextett vorgetragene „The Sun Goes Up in the Night“ (oder so ähnlich). Aber natürlich durften auch die Stoics was draufpacken. Erst was Clashiges, darauf das rasende „U.S.A.“, und zum Dritten einen Punkrocker im Spätsiebzigerstil. Man pries sich erneut selbst - es wurde das Konzert der Zugaben. Der Glamrocker Gary Glitter erfuhr mit „Come On, Come In, Get On“ späte Ehre, und - Überraschung! - die Amis vermeldeten: „We got two more!“ Sprich: noch einen Spätsiebziger, und als sie 0 Uhr 50 betrunken waren, war dann aber auch Schluß. Prost!
 
Der Durchgang zur Latrine lag unter Cannabis. Ich inhalierte, und die Amis nahmen im Rausch schon den Kickertisch auseinander. Später wurde noch kräftig am Tresen gefeiert. Der Schankbursche stöberte ein Weizenbierglas auf, und so kam ich erstmals in der AU in den stilechten Genuß von Julius Echter Weizen. Weil ich es so sehr ersehnt hatte, war es ein FREIBIER! Frontnudel Tibbie X kam an den Tresen (Kinn auf Thekenhöhe), bat um den Schlüssel für den Keller und verschwand mit dem Irokesenträger Rikki Chips. Ein Hund schwänzelte - von Punk und Dope zugeknallt - richtungslos umher...
 
 

Text und Bilder: Hippie Vitus, 12. Juli 2004
Frankfurter Rundschau,
1. August 2004