STONEWALL NOISE ORCHESTRA, MOTHER MISERY, DUSTER 69
D-Altenkunstadt, Nepomuk - 28. Januar 2006
Vorneweg: Ich bin kein Freund vom Groove Rock. Und auch keiner vom Heavy Rock. Die Exkursion zur Groovedevil-Tour beruhte einerseits auf einer Brieffreundschaft mit Daredevil-Records-Chef und Duster-69-Gitarrist Jochen Böllath. Zum anderen auf meinem Mädel, das heiß war, Duster mal in Aktion zu erleben. Waren doch deren Platten im alten Jahr Stammgäste unserer Anlage. Duster sollten auf dem kleinen Feldzug zwei Mal zu erleben sein: in Halle (Saale) und Altenkunstadt. Halle war für uns schon geritzt - bis uns der Wucher der Bahn die Freude verdarb. Und da ein Pech selten allein kommt, erlitt der Duster-Drummer kurz vor Halle auch noch einen Medikamentenschock. Nachdem auch der Bassist kränkelte, wurde die Schau im Osten abgeblasen, und die Reise ins Obermainland zu einer ins Blaue. Ohne Gewähr auf Duster!
 
Freitag, den 27. Januar
 
... ging´s los. Und zwar bei Nacht und Nebel, um in Franken noch etwas Kultur zu machen. Der Plan wurde durch die Eisenbahn zerstört. Erst ein verspäteter Eilzug (der dann aber doch - und direkt vor unsrer Nase abfuhr)... dann ein verpaßter Anschluß in Würzburg... und so nahm der Tag seinen Lauf... Fünf Stunden und fünf Liter Gerstensaft später schlugen wir in Frost und Dunkelheit im oberfränkischen Burgkunstadt nahe der Tschechei auf. Unsere Unterkunft befand sich im „Drei Kronen“, wo der Tag mit dem Versenken von heimischem Stoff sein Ende fand. Die Schallmauer von zwanzig halben Litern stellte keine Hürde dar...
 
Sonnabend, 28. Januar
 
„Mit was starten wir heute?“ Der Barmann hatte mich gleich wiedererkannt - und nach dem ersten Weißbier war man flugs wieder im Film. Heute holten wir nach, was uns die Bahn am Vortag vermasselte: einen Streifzug durch die verschneite Schusterstadt Burgkunstadt. Nicht ohne Einkehr in eine der urigen „Stub´n“. Muß der Biertrinker woanders drei und mehr Euro fürs Lieblingsgetränk blechen, bekam man den „Seidla“ (Halbliter) in der Wirtshauskultur Oberfrankens für Einssiebzig. Am Abend traf der Troß der Schweden vom Stonewall Noise Orchestra und Mother Misery im Hotel ein. Die Tre Kronor zu Gast im „Drei Kronen“. Seltsam... Um acht machte ich mich mit Frau Peanut nach Altenkunstadt auf. Gleich nach Überquerung des Mains stand das U-förmige - im Westernstil gehaltene - Gebäude des „Nepomuk“. Egal wohin das Auge blickte, ob in der Kneipe oder im hohen Saal: überall entspannte Menschen. Lachen und Bier erfüllte die Luft... Duster hatten „Heiliger Vitus + 1“ auf ihre Gästeliste gesetzt, und nach dem Einlaß erblickten wir auch die Gönner aus Ostbayern: Lucki und Jochen lehnten am Tresen: einer ein Wodkakätzchen vertreibend, der andere nicht sonderlich glücklich über die angeschlagenen Kameraden. Aber Duster traten auf! Verloren sich anfangs zehn im 600 Personen fassenden Saal, fanden im Laufe der Nacht etwa dreihundert den Weg von der Schänke in den Konzertraum. Keine Klubgänger, sondern einheimische Grufties nebst einer Schar Metalheads. Wobei die meisten treu ihrem fränkischen Naturell zurückhaltend an einem der vielen Holzmöbel hingen. Der Beginn verschob sich um anderthalb Stunden auf kurz nach zehn Uhr.
Trotz Handikap - zwei krank, einer verkatert, einer seiner Haare beraubt - fackelten DUSTER 69 ein heftiges Feuerwerk ab. Zur Jahrtausendwende als Interstellare Stonerrocker gestartet, 2001 durch 'Duster' den Marsch im Wüstenstaub noch verschärft, gingen Lucki Schmidt, Jochen Böllath, Matze Schmidt und Peter Wiesenbacher 2006 neue Wege. Weg vom Stoner- hin zum Heavy Rock. D69 sind undoomiger denn je, aber in ihrer Art einmalig. Und in letzter Konsequenz hat man das Fuzzrocken ja auch nicht vollends verworfen. Mit „Bring Me Down“ machte ein bissiger Banger vom radioverdächtigen 'Ride The Silver Horses' den Auftakt. Es folgten zwei Neunummern, mir noch Unbekannte, aber wiederum Bangmusic vorm Herrn! Und weil das alles von einer nur so sprühenden Rotte kam, konnte es nur die Flucht nach vorn geben. Vitus mußte sich als erster Headbanger prostituieren. Und er wurde doppelt belohnt. Erst mit dem unverschämt lasziven Glamrocker „Triangle in an Empty Room Without Any Windows“ - ich sag´ nur: „Heaven and hell is no reason for us. So rock your body over my skin...“ -, und dann mit dem tonnenschwer im Kyuss-Staub scharrenden Slowbanger „Conversation with a Bullet“. Es waren acht, vielleicht auch zehn Minuten der Unendlichkeit. Und die waren unsagbar schön! Leider sollte „Conversation“ der einzige Trip in die wuschig glühenden Wah-Wah-Welten bleiben. Erinnerungen an den Tornado wären jetzt nicht übel gewesen. Vielleicht hätten Duster auch den Schmetterling fliegen lassen können... Doch ich will nicht maulen. Die durchgebrannten Rocker „Deep Down“, „Bad Luck“ und „Schoolbus“ haben den Muk noch mal richtig aufgemischt. Duster waren wie der Lynch-Streifen „Wild At Heart“: wie wilde Herzen auf der Flucht aus der Wirklichkeit... hinein in einen schönen Traum. Nach vierzig Minuten verrauchte der letzte Ton.
Die High-Energy-Explosion MOTHER MISERY aus Enköping war neu für mich. Jemand hatte mir einen Vergleich mit Monster Magnet ins Ohr geschwärmt. Hej, hej! Auf ein donnerndes „Yeah!“ zum Gruß ging´s ungestüm los. Mit zwei treibenden Riffrockern im Hellacopters-Stil namens „Take a Good Look“ und „My Soul“. „Thank you! Prost! Skol! Nice to see you. Are you feeling good? You look good!“ Diesem Wortgefecht mit der Meute schloß sich ein sehr langsamer, zugleich aber sehr hart gespielter Kraftrocker an: „I Will Never Learn“. Die Schweden stellten sich vor - „Marcus: bass, Tommy: guitar, Jimmy: drums, John: guitar and vocals“ - und drückten mit den „Black Holes“ ihre stärkste Nummer durch die Speaker. Dieses zäh und abgründig finster zelebrierte Teil bewegte die ersten Leute zum Sturm des Tanzbodens. Und noch ein dunkler, schwerer Klumpen donnerte in den Muk, eine Ode an die Arschlöcher von Mutter Erde: „For the Crows“. Damit schlossen MM das Kapitel zorniger Melancholie - um fortan alle Klischees des Kick-Ass-Rock zu bedienen. Es setzte geballte Fäuste, gespreizte Beine, Schädelschütteln, Tattoozeigen, Auf-Anschlag-an-den-Trossen-Gereiße und Bier-und-Viagra-ins-Volk-Gerecke. Zackige, brachiale aber auch nur mittelspannende Radiorocker folgten. In der Zugabe beehrten uns die Svenskas dann noch mit ´nem schwer monstermagnetischen Knüller: „This song is on no record. So you have to remember it: I´ve seen the 'Gods Fall'!“ Nach einer Stunde war Sense. Mother Misery waren nicht übel, konnten mich aber auch nicht richtig berühren.
Auferstanden aus den Ruinen von Greenleaf und Demon Cleaner schritt das STONEWALL NOISE ORCHESTRA zur Tat - um fortan seinem Namen alle Ehre zu machen. Werksgetreu zum Album propellerte zuerst der Jagdbomber „Superfortress“ durch den Raum. Pilotiert wurde er von Freaks, die ihre Apparillos quälten und über die Planken stürmten, als gäb´s kein Morgen. Namentlich: Feuerschopf Singe, die Gitarristen Snicken und Jansson, Glatzenbasser Wahlberg sowie der langhaarige Mr. Pillow an den Trommeln. Die Meute fraß den fünf Grooveteufeln bedingungslos aus den Händen. Selbst zwei wenig heavy aussehende Dicke tanzten und rempelten nun zu hochenergetischem Heavy Rock Vandalen gleich umher. Einer zerdonnerte mir den Handrücken. Egal. Weiter ging´s. Mit viel Körperflüssigkeiten, packenden Melodien, an Meister Wyndorf erinnerndem Gesang, und dem stampfenden Demon-Cleaner-Banger „Freedoms Prize“. „Freedoms Prize“ wurde gefolgt vom famosen, fast schon in Saint-Vitus-Gefilden räubernden Doomrocker „Two Sides of a Sin“. Zu „All Systems Go“ mäanderte der mützenvermummte Jansson schließlich von der Bühne auf die Bar - und riffte nunmehr auf der Theke stehend weiter. Irrwitzig! Aber spektakulär und cool wie Sau! Gar nicht wie eine bedrohliche schwarze Sonne, eher äußerst friedvoll, dröhnte „As My Sun Turns Black“ durch den Muk. Beim „Hill Street Madman“ gaben sich mal soeben Black Sabbath ein metallisches Stelldichein, und der wilde Stonerpunker „Evolution?“ schließlich, besiegelte unter Lichtblitzen um 1 Uhr 10 die Invasion aus Europas hohem Norden! Ende. Aus...
 
... doch kein Grund zu gehen. Denn eine Zeit unter Gleichgesinnten hat man nicht oft. Jochen und Lucki von Duster, das Biest von der Bar mit süßen Rundungen unterm aufreizenden Nichts, die Frau neben mir. Es gibt so Nächte... Um drei schloß der Nepomuk. Zu Fuß kam ich mit P. zum „Drei Kronen“ zurück. Die Schweden wurden kurz nach uns von einer Droschke herbeigekarrt. Gemeinsam schlossen wir die Zimmer auf, Mother Miserys Hermansen bedachte mich mit einem letzten Teufelshorn und einem „Rocknroll“. Halb vier fielen wir in die Horizontale. Und - hej! - wir haben die Flimmerkisten nicht aus den Fenstern geworfen!
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
DUSTER 69
(22.05-22.45)
1. Bring Me Down
2. Velvet Mind
3. Red Goat
4. Triangle in an Empty Room Without Any Windows
5. My Brother
6. Conversation with a Bullet
7. Deep Down
8. Night Train
9. Bad Luck
10. Upcoming
11. Schoolbus
 
MOTHER MISERY
(23.00-0.00)
1. Take a Good Look
2. My Soul
3. I Will Never Learn
4. My Enemy
5. Black Holes
6. Pray for Them Pigs
7. All Right With Me
8. For the Crows
9. Breaking Free
10. On the Outside
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11. Gods Fall
 
STONEWALL NOISE ORCHESTRA
(0.22-1.10)
1. Superfortress
2. Freedoms Prize [Demon Cleaner]
3. Clone Baby
4. Two Sides Of a Sin
5. All Systems Go
6. As My Sun Turns Black
7. NYA
8. Hill Street Madman
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9. Evolution? / Blue Garden
Jesus von Bamberg
Sonntag, 29. Januar
 
Der Autor hatte wieder mal ein schweres Kreuz zu tragen. Vielleicht auch der eine oder andere Akteur. Denn als ich halb elf zum Frühstück stolperte, hingen dort zwar ein paar mit Wollmütze vermummte Skandinavier rum, gewisse Herren zogen aber auch den Schlaf im verdunkelten Hotelzimmer vor. High noon trennten sich die Wege: Während der Tourtroß ins sächsische Schwarzenberg weiterzog (übrigens in einem klapprigen Militärvehikel das für großes Staunen sorgte), stand für Peanut und mich ein Bummel durch Bamberg auf dem Programm... Ein wenig Gucken in der einzigen kriegsverschonten Altstadt Deutschlands. Mit Domanbeten und Rauchbier im romantischen Gewinkel alter Gassen. An der Quelle aller Rauchbiere natürlich. Im „Schlenkerla“, wo auf dem Bierfilz geschrieben steht: „Dieweilen aber das Gebräu beim ersten Trunk etwas fremd schmecken könnt, laß dirs nicht verdrießen, denn bald wirst du innehaben, daß der Durst nit nachläßt, sintemalen dein Wohlbehagen sichtlich zunimmt.“ Die Deckel hielten was sie prophezeiten! Der Tag in fränkischer Umgebung endete mit drei Promille zur Geisterstunde.
 
Montag, 30. Januar
 
Vom schweren Aufbruch berichtet man nicht gern. Abschiede tun weh! Jochen Böllath schrieb mir ein kurzes: „Gruß und Danke das es Dich gibt!
 
 

Text und Bilder: Heiliger Vitus, 2. Februar 2006