TANKARD, ODIUM
D-Frankfurt am Main, Batschkapp - 30. Dezember 2022
Jeder Auftritt von Tankard vor heimischem Publikum ist ein Frankfurter Kulttermin. Er gehört zum Inventar wie das Rippeglas und der Bembel zum Äppler. Der diesjährige war ein Nachholtermin für den 18.9.20 und den 24.9.21, als er laut Frontmann Gerre „vierundsiebzig Mal verschoben“ wurde. Zwei Jahre vor der Seuche hatten wir Tankard zusammen mit Holy Moses am selben Ort erlebt. Danach waren Tankard für mich eigentlich durch. Eigentlich... Aber Tankard sind Helden der eigenen Sturmzeit, Erinnerungen, Heimat, was Spezielles. Dazu riß mich das diesjährige Ritual aus einer isolierten Tristesse, die ich seit geraumer Zeit führe... Pünktlich um acht traf ich mit meinem Mädel im Gewerbegebiet Seckbach ein. Vor der „Batschkapp“ erwartete uns eine Schlange, die im Regen um Einlaß begehrte. Zur Gutmachung wurden drin die Komputerkarten in stilvolle Hardtickets umgetauscht. Und zwar in die Originale der 'Beerbarians On The Warpath'-Tour aus dem Jahre 2020. Wir bekamen die Schnapszahl 1199 und die runde 1200. Auch der gut in Schuß wirkende Tankard-Manager Buffo himmelte uns mit grauseidenem Pferdeschwanz an. Unerfreulich indes das Publikum. In der Halle tummelte sich eine anderthalbtausendköpfige Gruselsippe vom Proll über Schreckschrauben und Fußballfans in „Forza SGE!“- und „So sehen Sieger aus!“-Shirts, bis hin zu mit Charterbussen angereisten Eintracht-Fanclubs, die Silvester ihre Vereinskasse leersoffen. Metalheads erblickte ich nur wenige, nicht einen aus alten Zeiten. Nachdem wir in den „Öffis“ fortlaufend an die Pflicht zum Tragen eines Maulkorbs erinnert wurden, standen wir nun in der Enge zwischen wildfremden Gestalten ohne Regeln und Manieren - und kamen trotzdem heil heraus. Es läuft gerade furchtbar viel verkehrt...
Wer bei ODIUM an Haß dachte, lag in diesem Fall falsch: Das Quintett mit dem lateinischen Wort für Haß schlug ganz andere Töne an, als man es von Trupps mit einem „Hate“, „Hatred“ oder „Malevolent“ im Namen kennt. Ursprünglich als aggressives Thrash-Metal-Kommando in der Tradition von Exodus und Overkill gegründet - zumindest kannte ich Odium so von zwei Auftritten vor zwanzig Jahren -, dümpelte die Gruppe mit dem langweiligen Logo heute in satter Wacken-Stimmung vor sich hin und lieferte mittelschnellen, schwedisch anmutenden Power Metal durchzogen von banalen Ansagen. Von der Urbesetzung 1993 waren noch die langhaarigen Sechssaiter Pfaff und Hübsch dabei. Vokalist Reinhard wurde von seinem Bruder Ralf Runkel abgelöst. Doch mit ihrem rauhen Gesang ähnelten sich beide stimmlich sehr. Eine Blondine zupfte den Bass, ein Wallebart namens Dominik fungierte nach fünf verschlissenen Schlagzeugern als Live-Drummer. Ferner hatten Odium ihr Quartier von der osthessischen Provinz in die Mainmetropole verlegt. Inhaltlich eher auf der dunklen Seite des Lebens zuhause, fehlte mir bei Odium die Tiefe. Das Stündlein als Support war gut gemeint, aber sowas wie Begeisterung sprang nicht über. Der 1997er Titelsong „Odium“ beschloß die Verlängerung der Verlängerung.
Magie oder Tiefsinn hatte ich bei einem TANKARD-Konzert niemals erwartet. Immerhin war das Podium mit zwei Aufstellern und einem Banner mit dem Plattenmotiv 'Hair Of The Dog' nebst dem Schriftzug „Thrash Metal since 1982“ unnachahmlich geschmückt. „Fever“ und das gravitätische „El Condor Pasa (If I Could)“ versprühten als Einstimmung aus dem Off nostalgisches Fluidum - bevor es gut Luft holen und ab in den Heavy-Trip hieß. Zuerst erschallte „Rectifier“ - heute düster, fast schon schleppend. Gefolgt vom ersten Liebling aus den Achtzigern, der sich zugleich als Höhepunkt der Nacht entpuppte: der unendlichen Geschichte von „The Morning After“. Die unverwüstlichen Achtziger schlugen noch immer am besten ein! Nach fünf mittelprächtigen Neuen, darunter der Roland-Kaiser-Widmung „Ex-Fluencer“, und einer kurzen Pause, folgte mit dem progressiv-sperrigen „Time Wrap“ der Tiefpunkt - bevor Tankard mit „One Foot in the Grave“ die Medizinerschaft ad absurdum führte. Gerre, Andy, Frank und Olaf wirkten heute fit wie sonstwas. Nach meiner letzten Begegnung mit Gerre am Ex-Wohnort vor zwei Jahren, war er kaum wiederzuerkennen. Der Frontmann hatte um die Hälfte abgespeckt und sprang wie ehedem wie von der Tarantel gestochen übers Geviert. Vier schrille Figuren, Funken sprühende Sympathie und die Verbundenheit mit Frankfurt machten Tankards Odyssee zu einer weiteren turbulenten Reise von Lied zu Lied. Ob man als Mittfünfziger indes vom „Sterben mit einem Bier in der Hand“ und einem „Mädel namens Cerveza“ singen sollte, sei jedem selbst überlassen. Mit fortlaufenden Nabelschauen entglitt die Schau im Schlußviertel ins Schlüpfrige. Eine Dame namens Jasmin warf ihren BH aufs Geviert - den ersten seit fünfzehn Jahren. Die Akteure nahmen eine Prise, der Sänger befand „It smells like Jasmin“ - und dann krönte das Textil ein Mikro, und im Abgang Gerres Haupt. Dazwischen lag „Freibier“, ein Befehl an Klubchef Scheffler binnen zehn Minuten freien Gerstensaft auszuschänken, da sonst der Bassist üble Krawalle anzetteln würde. Geschenkt wie immer... Halb elf ging der Spaß in die Verlängerung mit „Rest in Beer“ und dem fußballerischen Rudelsingen „Schwarz-weiß wie Schnee“. Und dabei hatte ich mich anfangs gefragt: „Reverend Bizarre, seid ihr das?“ Denn die Gitarristen läuteten die Zugaben mit einem minutenlangen langsamen, tiefen Doom-Riff (!) ein. Den Rest weilte ich in meiner eigenen Welt. Daß Gerres Sperenzchen nicht Jedermanns Ding sind, ließ sich verschmerzen. Gravierender für mich war, daß die Liedauswahl wieder mal nur auf Humor getrimmt war. Nie in all den vierzig Jahren offenbarten Tankard Gefühle. Wer Gerre kennt, weiß aber, daß er auch ein nachdenklicher Mensch mit tiefer Seele ist. Letztlich küßte die Menge ihren Helden von der ersten bis zur letzten Sekunde das Rektum. Das raserische „(Empty) Tankard“ setzte traditionall den Fangschuß unter einen weiteren Mammutauftritt, ein Endosspektakel, laut, schnell, atemlos und an Aberwitz und Ironie schwer zu übertreffen. Das bleibt verbürgt. Der Rest: im Dunkeln.
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
ODIUM
(20.00-20.56)
u.a.:
Revolution
The Science of Dying
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My Dying Day
Beast by Society
******
Odium
 
TANKARD
(21.20-23.03)
Intro (El Condor Pasa)
1. Rectifier
2. The Morning After
3. Rapid Fire (A Tyrant's Elegy)
4. Lockdown Forever
5. Ex-Fluencer
6. Die With a Beer in Your Hand
7. Rules for Fools
8. Time Warp
9. One Foot in the Grave
10. Octane Warriors
11. Chemical Invasion
12. A Girl Called Cerveza
13. Freibier
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14. R.I.B. (Rest in Beer)
15. We're Coming Back [Cock Sparrer]
16. Schwarz-weiß wie Schnee
17. Zombie Attack
18. (Empty) Tankard
Mit dem Ende von Tankard setzte ein abrupter Exodus ein. Wo eben noch Tankard thrashten, war gleißendes Licht und gespenstige Stille. Eine Schar Kinder räumte die entseelte Bühne leer. Nach dem Rauswurf aus der „Batschkapp“ und nachdem dort schlecht gekühltes Bier, saurer Apfelwein und zuviele Menschen drei Stunden lang unsere Stimmung trübten, wollte ich mit meinem Mädel auf dem Heimweg noch einen an unserer einstigen Lieblingsbar im Klub „Nachtleben“ draufmachen. Dummerweise wurden im Innenstadt-Ableger der „Kapp“ die selben Biermarken in der selben Form serviert: Warsteiner und Prinz Lui lauwarm. Drei Uhr nachts machten wir das Licht aus. *burp*
 
 
Text: Heiliger Vitus, 3. Januar 2022
Bilder (wegen Kameraverbot mit Funktelefon gemacht): Vitus (Odium) und Peanut (Tankard)