THE ATOMIC BITCHWAX, TERRA FIRMA
D-Frankfurt am Main, Nachtleben - 2. Dezember 2001
Ich bin Doomjunkie. Und auf das „Stoned Gods Festival“ war ich spitz wie eine Reißzwecke. Hatten doch die Schwedendoomer Count Raven vor zehn Jahren einen anderen Sänger. Genau den, der auch das Saint-Vitus-Album 'C.O.D.' einsang. Gemeint ist Christian „Lord Chritus“ Linderson. Auch die Vikingdeather Unleashed hatten mal einen anderen Sechssaiter, nämlich Freddie Eugene. Beide waren Wegbereiter in ihrem Metier - der eine im Doom, der andere im Death Metal. Vereint sind sie die Denkfabrik der Stonerrocker Terra Firma. Und die weilten heute in der Stadt am Main. - Mit etwas Zauberelixier im Blut und meinem Mädel zur Seite, hatte ich das unter der Erde liegende „Nachtleben“ betreten. Fünfzig weitere Stonerlunatics sorgten für innige Bunkergefühle. Ganz im Gegensatz zu den üblichen Rockstars hing Lord Chritus weder bis zur letzten Minute im schwarzgetönten Bus ab. Auch igelte er sich nicht in der Schminke ein. Oh, nein: Chritus lehnte allein an einem Tischlein im Halbschatten und hatte damit sofort einen dicken Stein im Brett bei mir. Eine kleine Unterhaltung ließ ich mir nicht nehmen. Es waren nur kurze Augenblicke, doch die haben mein Leben schon etwas verändert. Chritus, ein Held für mich, erwies sich als ergreifend einfaches Geschöpf, als einer, der von Fortuna nicht gerade verwöhnt wurde. Allüren braucht er keine. Chritus hat den Blues im Blut und die Coolness in der Stimme.
Ein schwieriges Unterfangen für THE ATOMIC BITCHWAX. „Awesome exploding Wah Wah pedal 70´s space rock feat. Ed Mundell from MONSTER MAGNET“ vermeldete ein Aufkleber auf deren Neuwerk 'Spit Blood'. Treibende Kraft bei den Space-Boogie-Rockern aus New Jersey war neben dem erwähnten Monster-Magnet-Sechssaiter der frühere Godspeed-Bassist und Sänger Chris Kosnik. Komplettiert wurde der Trupp durch Trommler Keith Ackerman. Gesang gab´s nur marginal. Der zentral agierende, langhaarige Glockenhosenschönling Mundell entpuppte sich als allzu dominante Figur, als narzisstischer Riffvirtuose, und sein Rockstargehabe stank. Bei „Liquor Queen“, „Cold Day in Hell“ und „Spit Blood“ wurde vollständig auf Gesang verzichtet, Nummern wie „Get Your Gear“ erfuhren nur vereinzelte Auflockerung durch Kosniks Bluesröhre. Im Übrigen herrschte das Gefrickel von Mister Mundell. Bei AC/DC haben sie geplündert: „Dirty Deeds Done Dirt Cheap“. Ansonsten waren TAB ein Soloauftritt mit Randfiguren (und nicht nur bei mir fanden die Amis wenig Beachtung). - Zwei Tage später führte die Tour in die Dresdner „Scheune“. Nach der Schau zogen drei Langhaarige um den Spacelord mit geschulterten Gitarren an der Metalbar „Heavy Duty“ vorbei. Besuch auf ein Zauberelixier? Pustekuchen! Dies nur am Rande, jedoch aus sicherer Quelle, und auch eine Meinung zu Rocknroll...
 
Den Anfang machten heute aber TERRA FIRMA. Leider stand deren Ritual unter einem schlechten Stern: Chritus war vergrippt und litt unter Stimmproblemen. Doch Terra Firma zogen ihr Ding durch. 1999 hatte ich sie vor Cathedral und Orange Goblin auf der „Cosmic Caravan“-Tour erlebt. Die Schweden sind weg vom progressiven Doom Rock, den sie damals zelebrierten. Ihr Zweitling 'Harms Way' huldigt eher dem Heavy Rock. Vielleicht als Zugeständnis an den Geist der Zeit? Egal! Die Männer aus Stockholm hatten die Planken erklommen und ließen nun die Röhrenverstärker brennen. Freddies Gitarre dröhnte lässig und tonnenschwer, die langhaarigen Izmo Ledderfejs hinterm Schlagzeug und Nico Moosebeach am Baß sorgten für tiefen Bums, und Chritus, der vom irdischen Sein ausgemergelte Schlacks, lebte die harten Klänge mit eindringlichen Gefühlen. Immer wieder fiel er unter klagendem Gesang ekstatisch in sich zusammen, kniete im Staub, raffte sich auf, zerrte an seinem Shirt als wolle er sich das Herz aus der Brust reißen... und dann schimmerte diese atemraubende, beschwörende Magie des Doom durch... Funkenflug! Tiefgang! Wahnsinn! Mit dem Nackenbrecher „Dust Parade“ schraubten die „Festländer“ (so der übersetzte Gruppenname) die Geschwindigkeit hoch, der heavy Triprocker „Groundman“ verwirbelte die Umwelt, und das angedoomte „The 8th Seal“ ließ mein Endorphin endgültig überschwappen und die Sinne ins Nirgendwo fliegen. Schamesröte dürfte mich überzogen haben, als Chritus mit einem Fingerzeig das letzte Stück ausgerechnet mir widmete: das metallisch angehauchte „Steel Scale“!
 
Im Anschluß schenkte ich Chritus einen silbernen Ring, der revanchierte sich mit einem Langärmer aus dem seinem Privatarsenal, und wir tranken zusammen deutsches Bier. Von manchen Menschen möchte man sich nie, nie mehr trennen! Das waren sie, die ganz großen Gefühle, die Zeit blieb kurz stehen und meinetwegen hätte die Welt untergehen können. *seufz und schluchz* Es bleibt die Erinnerung. Noch am Tag nach dem Konzert haftete Chritus´ Geruch an mir. Und es fiel mir unsagbar schwer, ihn abzuwaschen. Seit dem zweiten Dezember 2001 weiß ich, daß auf dem kalten Planeten ein Seelenverwandter existiert: Lord Chritus!
 
 

Text: Heiliger Vitus, im Dezember 2001; Bild von Vitus & Lord Chritus - für die Ewigkeit: Peanut
.:: ABSPIELLISTE TERRA FIRMA ::.
1. Rainbow Ride
2. Dust Parade
3. Fifth Wheel
4. Groundman
5. ... And The 8th Seal was Her´s
6. Harms Way
7. Steel Scale