THE ATOMIC BITCHWAX, YAWNING MAN
D-Wiesbaden, Schlachthof (Kesselhaus) - 31. Juli 2018
Seit vier Monaten Sommer, die letzten drei davon mit Affenhitze bei Tag und Nacht, seit Ewigkeiten Dürre, verbrannte Erde: Der deutsche Bauer stufte diese Witterung jüngst als Naturkatastrophe ein und forderte eine Milliarde Nothilfe. Der Förster nannte es Jahrhundertkatastrophe. Und ausgerechnet der letzte Tag im Juli war mit über 35 Grad der bisher heißeste im Jahr. Fünfunddreißig im Schatten wohlgemerkt. Wie sollten unter diesen Bedingungen Konzertgefühle aufkommen?... Nachdem in der heillos überfüllten Rheingau-Bahn nach Wiesbaden die Klimaanlage ausgefallen war, ging sie auch im Konzertklub des Schlachthofs nicht. Schnell war das „Kesselhaus“ unter der achtzigköpfigen Menge zu einem Backofen mutiert. Auch die Öffnung des Notausgangs oder ein kühles Bier halfen da wenig. Doch der „Schlachti“ hatte wiedermal eine Legende und eine Halblegende aus USA an Land gezogen. Yawning Man aus Palm Desert, Kalifornien, gaben sich die Ehre. Deren Tour kreuzte in Wiesbaden die von Atomic Bitchwax aus New Jersey. Doch während die der Bitchwax nur drei Wochen dauerte, tingelten Yawning Man unfaßbare acht Wochen am Stück (!) durch Europa. Die heutige Nacht war nur was für schmerzfreie Indianer...
... Ein ebensolcher - Häuptling Sitting Bull - prangte von einem Shirt von YAWNING MAN. Ein anderer - der jungenhafte Schwarzschopf Gary Arce - stand als Gründungsgitarrist nicht als „gähnender Mann“ (so der übersetzte Gruppenname), sondern wie ein junger Gott vor uns. Yawning Man sind die Erfinder des Desert Rock; ohne sie hätte es keine Kyuss gegeben. Jene huldigten ihren Helden mit einem Cover des Lieds „Catamaran“ auf dem Album 'And The Circus Leaves Town'. Der Weg von Trommler Alfredo Hernández nahm bei Yawning Man seinen Anfang - bevor er bei Kyuss, Mondo Generator und den Queens of the Stone Age landete. Aber erst zwanzig Jahre nach seiner Entstehung 1986 erblickte ihr Album 'Rock Formations' das Licht. Yawning Mans psychedelischer Stil war ebenso minimalistisch wie das instrumentale Equipment der Amis, das nur aus Gitarre, Bass und einem kleinen Schlagzeug bestand. Stimmungsvoll untermalt war der Auftritt von einem Roadmovie im Independentstil. Jener lud die Besucher in ein Gefährt und fuhr mit ihnen durch die Wüste von Südkalifornien. Die Kamera folgte einer endlosen Straße und gab uns das Gefühl von Einsamkeit und Freiheit. Eine Frau legte zu „Skyline Pressure“ einen surrealen Schlangentanz hin. Dazwischen mischten sich Comics und Kaleidoskope in die Wüstenwelt - wo vor dreißig Jahren Langhaarige mangels Raum unterm freien Himmel Dieselgeneneratoren anwarfen und Wüstensitzungen - die legendären Desert-Party-Jams - abhielten. Man stammte vom selben Flecken ums Städtchen Palm Desert herum. Yawning Man waren die Pioniere dieser Generator-Generation und des Desert Rock (dem Vorläufer des Stoner Rock). Heute zelebrierten Yawning Man für uns Experimentalmusik mit Elementen aus Psychedelic, Americana und Postrock. Eine Musik voller Herz und Seele, einzigartig und verwurzelt in den Siebzigern. Hochgradig organische Klänge, die so voller Leben waren, daß sie etwas herzergreifend Niedliches geradezu hatten. Gary Arce legte mit sehnsuchtsvoll-wehmütigen Melodien, viel Finesse und indianischer Seele die Basis, und der kauzige Mario Lalli als sein Gefährte von Anbeginn, sowie der langjährige Trommler Bill Stinson steuerten eigenwillige und sehr eindringlich quirlende Basslinien und Rumpeleien dazu. Die Aura einer Legende - ehrfürchtiges, fast unterwürfiges Staunen des Betrachters: dieses Muster ist alt, selten wurde es aber mit so berührender Natürlichkeit zum Teufel getrieben. Bereits während ihrer Performanz wurden Yawning Man in Wiesbaden mit Beifall vergöttert, nach fünfzig Minuten folgten stehende Ovationen. Im Nachhall signierten Gary und Mario ausgiebig Devotionalien. Lalli, der übrigens mit seinem Cousin auch noch Fatso Jetson frontet, wollte mir mangels Wechselgeld sogar fünf Euro überlassen. Arce zog mit seiner blonden Lady davon. Yawning Man waren goldige Typen und ihre Musik wie eine warme Wüstenbrise. Aber was hätte aus denen werden können, wären sie an die richtigen Leute geraten...
Als wilder Heavy- und Stoner-Rock-Trieb der Space-Rock-Institution Monster Magnet hatten es im Unterschied dazu zwei Mitglieder von THE ATOMIC BITCHWAX zu höheren Weihen gebracht. Seit einigen Jahren schon werden Bassist und Sänger Chris Kosnik sowie Schlagzeuger Bob Pantella durch Sechssaiter Finn Ryan komplettiert. Wobei ich mir kräftig die Augen reiben mußte. Denn drei Jahre nach dem letzten Erlebnis mit der Bitchwax waren die Pilzkopffrisuren der Saitenmänner etwas in die Länge gewachsen. Kosnik und Ryan standen nicht nur als gleichwertige Vokalisten hinterm Mikro, sie inszenierten sich mit wehenden Mähnen vorm Gebläse zweier Ventilatoren auch als Rockstars. Das Dreigestirn von der Ostküste des Atlantik war deutlich kraftvoller und harscher gespielt als das ihrer Kontraparts vom Pazifik im Westen. Mit mehr Tempo und Druck im Kessel. Aber auch ohne große Ideen und echte Gefühle. Mario Lalli hatte ja im Abspann gewarnt: „Atomic Bitchwax split your skull!“ Daß die traditionellen Fremdübernahmen - diesmal Deep Purples „Maybe I´m a Leo“ und Pink Floyds „One of These Days“ - am besten ankamen, sollte nachdenklich machen (dabei wurde das Floyd-Cover nur minutenlang angespielt - um schließlich abrupt verstümmelt zu enden). Dazu gähnte anstelle von Yawning Mans Filmkunst ein finsteres Loch im Hintergrund, in dem der Trommler nur als graues Phantom erschien. Das Publikum stand in einem Dunst von Bier, Schweiß und sonstigen Körperflüssigkeiten klitschnaß davor. Zwei Dutzend hielten in der Gluthölle bis zum Ende durch. Die Bitchwax rockte sich binnen einer Stunde durch fünfzehn Lieder - von deren Eigenkomposition ausgerechnet der uralte, schnelle Heavyrocker „Shit Kicker“ die stärkste Empathie entfachte. Die heutige Vorstellung war nur mittelspannend; nicht toll, nicht übel und lange nicht so gut wie zuletzt...
 
Bei unserer Rückfahrt im Zug nach Frankfurt konnte man erst Kuttenträger und Ballermänner auf ihrem Weg nach Wacken sehen (der Bahnhof Frankfurt-Höchst stand als zentraler Treff voll davon); und später beim Umstieg in Frankfurts Hauptbahnhof leichtbekleidetes Menschentum in Unterhemd und kurzem Beinkleid, das wie in einem Überlebenskampf auf der Suche nach dem Bahnsteig ins Irgendwo umherwieselte. Diese Nacht war wie ein Ausblick auf eine menschgemachte Apokalypse mit dem Hitzetod. Treu Atomic Bitchwax´ Lied: Kiss the Sun!
 
 

Text und Bilder: Heiliger Vitus, 2. August 2018
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
YAWNING MAN
(20.16-21.04)
1. The Black Kite
2. The Revolt Against Tired Noises
3. Skyline Pressure
4. Perpetual Oyster
5. Violent Lights
6. Ghost Beach
 
THE ATOMIC BITCHWAX
(21.28-22.23)
1. In the ...
2. Hope You Die
3. Hang Me
4. Forty-five
5. Liv A Little
6. Giant
7. Houndstooth
8. Maybe I´m a Leo [Deep Purple]
9. Birth to the Earth
10. Evil
11. Kiss the Sun
12. Hey Baby
13. Shit Kicker
14. One of These Days [Pink Floyd]
15. Force Field
Palm Desert
No. 31/100