WE, TRIBE AFTER TRIBE
D-Frankfurt am Main, Nachtleben - 5. Juni 2008
Eine Schar Pseudountergründler, zwei Dutzend mit Grinsen im Gesicht, ein Völkchen aus Liebe, Rausch und Tanz: Das war es, was sich heute zum zigsten Male im Frankfurter »Nachtleben« zusammenfand. Zum zigste Mal das gleiche Spiel - und einen Ausstieg aus der durchkommerzialisierten Szene nicht sonderlich erschwerend. Und dabei waren heute zwei legendäre Gruppen angesetzt......
Arschlange Dreads und eine grellbunte Plattenhülle: Das sind meine einzigen Erinnerungen an TRIBE AFTER TRIBE aus Südafrika um 1990 herum. Nichts Nennenswertes. Von afrikanischen Buschrhythmen durchsetzter, querdenkender Alternativ-Rock in einer eigenen Welt. Für mich. Für einen anderen zählen sie indes zu den letzten Helden unter der Sonne: Mein ferner Kumpel Flow, linksliegender Alternascheißhippie und Ex-Fronter von Broken, verehrt die Tribes und verpaßt keinen ihrer Auftritte! Zwanzig Jahre mittlerweile, trägt deren Stammeshäuptling, der Asyl-Amerikaner Robbie Robb, seine Schlacht gegen die Kriegstreiber und Supermächte, und seinen Kampf für die Unterdrückten und Entrechteten auf die Bühnen dieser Welt. 'M.O.A.B. (Stories from Deuteronomy)', sein fünftes Werk, welches er heute zusammen mit Dino Archon und Richard Stuverud vorstellte, quoll vor mystischem Patschoulirauch und verhallenden Krautrock-Psychedelika schier über. Warme Gitarren paarten sich mit einer sowohl feinfühligen und voller Traurigkeit steckenden wie auch anklagenden Stimme. Nachdem die alten Haudegen gediegen und samtig wie ein guter Wein vom Kap (oder aus Kalifornien) gestartet waren, war es Robb, der mit einem feurigen Totentanz zu »Boy« ab der Halbzeit Temperament auf die Bretter brachte. Der Herausstecher sollte aber noch kommen: Das Finale mit der 13minütigen, furiosen Improvisation »Out of Control«, bei der nicht zuletzt Black Sabbath´ »War Pigs« über das Podest stürmten, hat wohl selbst die Nichtinteressierten umgehauen. Letztlich aber war die Kampagne gegen das »System« extrem kurz, nur 37 Minuten! - Unter den zehn Wichten, die es in der Pause im Keller hielt, war auch eine Puppe in »Betty Ford«-Bluse. Dieses Teil war Programm!
WE: zwei enigmatische Initialien (Was die wohl bedeuten?), und folgende Selbstumschreibung (klingt nach starkem Tobak - und war es auch!): »Nimm Sabbath und Zeppelin, füge einen Schuß Can hinzu, würze mit klassischen Hawkwind, einer Prise Neu!, dem Beggars-Banquet-Stil der Stones, den Harmonien der Beatles, dem Bösen von Amon Düül II und einem Tropfen 78er bis 84er Van Halen - und du hast WE!« Uhh yeah!! Die Psychedelic Rocker WE aus Oslo waren mit einer vielköpfigen Mannschaft aufmarschiert: Neben dem Kern um den als Vampir geschminkten Vokalisten Thomas Felberg, Gitarrist Don Dons, Bassist Goshie, Schlagzeuger FX Krisvaag und Keyboarder Tariq, tummelte sich vor der Bühne ein weiterer Sechssaiter und gesellte sich später auch noch Robbie Robb als Gastsänger hinzu. Sprich: WE waren bisweilen mit sieben Akteuren zugange - um neunzig Minuten lang die Kuh fliegen zu lassen! Ab 22 Uhr 10 hieß es: Nicht nachdenken, einfach nur Kopfschüttlen und diesen Ort für anderthalb Stunden vergessen! Das Rudel aus Norwegen zelebrierte ein wildes Gemenge aus Glam und Groove, Melancholie und Schwärze. Mal zündeten sie ein harleyschweres Bikergedröhn, mal suhlten sie sich in verschwommen drückendem Stoner Rock, und in gewissen Augenblicken krochen sie gar durch subtil-selbstmörderische Doomtiefen. Mal thronte auf dem Haupt des Frontmanns ein indianischer Federstutz, mal erschien Felberg als Guru in baghwanorangem Gewand, und dann wieder umhüllte hodenquetschender Denim seine Haut. Mal posierten WE mit geradezu streberhafter Lässigkeit, mal bog sich die Gruppe in orgiastischen Veitstänzen. WE waren einfach nicht greifbar... Die Höhepunkte unter vielen starken Nummern waren sicher der Stonerrocker »Carefree«, das sabbathartige »Hurdy Gurdy«, der Slowbanger »For Love, for Life« und die siebziger Groove-Maschine »Cosmic Biker R´n´R«. WE signierten im Abgang aus Liebe meinen Silberling. Weitere Erinnerungen sind vage...
 
 
Text und Bilder: Heiliger Vitus, 9. Juni 2008
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
TRIBE AFTER TRIBE
1. Understanding the Water
2. Bury Me
3. Boy
4. Out of Control
 
WE
1. Carefree
2. Red Morning
3. Free Behind Bars
4. Lotus Rising (In the emotional minefields)
5. Catch Electric
6. Hurdy Gurdy
7. Lucid
8. Lightyears Ahead
9. For Love, For Life
10. Appreciation
11. Sulphur Roast Stomp
12. Popul Vuh
13. Post Millenium Tension Blues
14. Wooferwheels
15. Livin´ the Lore
16. Smugglers
17. That´s Why (You´re so fine)
18. Cosmic Biker R´n´R