SPACEDELIC ODYSSEY XXIV
 
BELOW A SILENT SKY, A PROUDER GRIEF, ZEN TRIP
D-Hofheim am Taunus, Jazzkeller - 17. März 2018
Am dritten Wochenende im März (Neumond), war es in Deutschland zu einem späten Wintereinbruch gekommen. Frau Holle sorgte dafür, daß in der Nacht zum Sonntag das Rhein-Main-Gebiet im Schnee versank. Auf den letzten Drücker ging noch eine SPACEDELIC ODYSSEY über die Bühne, die Nummer vierundzwanzig seit Februar 2014. Da für uns auf lange Zeit nichts in Sicht war und wir A Prouder Grief in guter Erinnerung vom alten Jahr hatten, waren Peanut und ich mal wieder unter die Hänge des Taunus gegondelt. Dort hieß es erstmal „Ganz tief durchatmen“. Grund war der Zeitplan. Mit der Äußerung „Wir sind noch nicht fertig“ hatte uns ein böser Musiker (ausgerechnet von A Prouder Grief) den Zutritt zum Klub verwehrt, und uns draußen im Vorgelände stehenlassen. Und draußen war Frost! Nur dank einer Eingebung waren wir auf dem halben Weg zur Bahn umgekehrt, hatten noch mal an die dicke Tür aus Eisen geklopft... und wurden reingelassen. Der vom Organisator mittags via „Facebook“ von 20.30 auf 20.00 Uhr vorgezogene Start wurde vom Klubpersonal (der Kassenwart sah aus wie Catweazle) als Falschmeldung des „Fakebuchs“ dargestellt. Außer den Musikern verlor sich drin nur ein weiterer Besucher, dem das Gleiche widerfuhr, und der sich uns als „Küm Mi“ vorstellte. Fortan wurde alles gut. Die Ausstattung war wieder eine Augenweide, wirkte hirnverbiegend und warmherzig zugleich. Am Eingang lagen Plakate zum Mitnehmen aus. Vierundsechzig Zahlende stellten die Kulisse - die schiefsten und authentischsten Figuren, die man sich vorstellen kann: ein winziger Nerd mit irrem Blick, ein doppelt so hoher und nicht minder trinkfreudiger, halbseidener Beamter, ein Dutzend Eintrachthools, die sich nach dem Heimsieg über Mainz auf die falsche Veranstaltung verirrt hatten (und das Blumenkinderland kurzerhand zum „Chillen“ mißbrauchten). In diesem Panoptikum stand auch Organisator Jonas, heute mit Metalkutte und Bier in der Hand. So weit das Auge reichte: Alle waren sie zum Versumpfen gekommen. Nur die Tontechnik hakte traditionell ein bißchen, besonders bei - A Prouder Grief... Die Akteure hatten weite Reisen aus allen Himmelrichtungen hinter sich. Ihr Stil unterschied sich sehr, war jedoch sinnesverwandt: Aus dem Westen Deutschlands kam Spacerock, der Süden lieferte Postrock, der Osten Postmetal. Alles war stimmig am Anschlag... in einem der besten Klubs der Welt!
Entsprechend stark rauschten gleich die Ersten ab. Auf einen langen, prickelnden Einklang zum intergalaktischen Eröffner „From Outta Space“ folgte eine sehr irdische Bandvorstellung mit dem Inhalt „Wir sind ZEN TRIP aus Dortmund“. Der das so dahinsagte, truge lange Haare, Schlaghosen und eine rohe, hölzerne Bassgitarre über der Schulter, und er wirkte mit seinem verhallten Gekauze wie eine Reinkarnation von Fred Cole [R.I.P.]. Krüger war dem Fronter von Dead Moon wie aus dem Gesicht geschnitten. Mit den beiden Stefs an Bass und Trommel war das reife Trio aus dem Westen komplett. Zen Trip [in Schallwellen-Schreibweise auch (((Zen Trip)))] beschwörten die späten Sechziger herauf und lieferten drogenschweren Space Rock wie Hawkwind oder frühe Pink Floyd. Dabei jagten sie gleich in der ersten halben Stunde ihre gesamten Überbleibsel an Nebel durch die Maschine. Es sollte die einzige Vernebelung der Nacht bleiben, doch die war heftig. Danach war die Sicht aufs Geviert und die im Hintergrund flimmerte Bilderflut aus psychedelischen Effekten sternenklar. Erwähnenswert blieb ferner die Ausdauer der Akteure, die gleich ihren Nachfolgern über eine Stunde rockten. Für so manchen blieben Zen Trip die Besten der Nacht. Ein nebulöser Trip eines souveränen Dreigestirns!
A PROUDER GRIEF waren eine jener Gruppen, die einem mal die Sinne raubten, und beim nächstenmal etwas kaltliessen. Mit ihrem geheimnisumwitterten, sinistren Auftritt im vergangenen April am selben Ort hatten Grief mich schwer fasziniert. Elf Monate später kehrten die Postrocker aus Nürnberg-Nirgendwo zurück - um sich abermals ohne Namen, ohne Gesicht, ohne Stimme und auch virtuell weiterhin verdeckt zu zeigen. Trotzdem war es heute anders. Trotz Kapuzen und Masken, neutraler Tarnkluft, subtiler Performanz im Sitzen und durchaus intensiver Momente, ächzte die Vorstellung in meinen Augen etwas unter der Last eigener Ambitionen. A Prouder Grief setzten heute sehr auf Dynamik in der Art von Mogwai, mit dem Dilemma, daß die verruchten, düsteren Parts in zu vielen träumerischen Spielerein ertranken. Zu allem Übel wurde der Fluß durch eine zu kontrastreich ausgesteuerte Beschallung torpediert. Auch wirkten die vier heute mehr als nötig distanziert bis misanthropisch geradezu. Mit dem verwehrten Zutritt hatte es angefangen, mit versöhnenden E-Mails im Nachhinein endete es. Seltsamerweise zeigten sich die Kerle in der Kür dann wieder ohne Vermummung... Ebenjene war ungeplant, sie hieß „Cowboy -> Shark“ und war zugleich das beste, düsterste Teil im Set. Das bestand aus dem kompletten neuen Album 'A Golden Boat', dem Minialbum 'III' und zwei Teilen von der 'Helian'. Trotz gewisser Makel blieben A Prouder Grief immer noch eine Gruppe himmelhoch über dem angepeilten Massengeschmack. Die GSG 9 des Postrock!
Zum Schluß gab es noch ein wortloses Kommando. BELOW A SILENT SKY aus Ilmenau hatten es noch rechtzeitig vor den heftig einsetzenden Scheefällen aus dem Thüringer Wald nach Mittelhessen geschafft. Keinen Schimmer, wie sie heimkamen... Bis dahin entfesselten sie allerdings einen Riffsturm, dessen Wucht einen nicht nur durch die besessen headbangenden Akteure schwindelig machte - den wir andererseits aber auch schon in ähnlicher Art erlebt hatten. Ich fühlte mich an postmetallische Instrumentenquäler wie Pelican, The Ocean oder Long Distance Calling erinnert - die live immer ein hochgradig intensives Erlebnis für Auge und Ohr sind, daheim aber rasch im Regal verrotten. Denn ohne Stimme fehlt oft die Seele. Ferner schotteten sich die Leute wie ihre Vorgänger neben der Bühne ab. Ritter, Schneiderwind, Walch und Götze kredenzten die sechs Titel ihres Zweitwerks 'A View From Afar', und jenes war gerade mal sechs Tage jung. Als Nachbrenner gab´s den letzten Titel ihres 2015er Debüts 'Corrosion' mit Namen „Asperatus“. Doch den sollten Frau P. und ich nicht mehr erleben. Auf halber Strecke - bei „Earthshifter“ - waren wir zum mutmaßlich letzten sicheren Zug nach Frankfurt aufgebrochen. Unsere Konzertbekanntschaft Küm Mi hatte sich unterdes vorm Showstart seines Haarbands entledigt, war vors Geviert gestürmt, und hatte Below A Silent Sky mähnewirbelnd unterstützt. Nur für Below, die ihm auf dem Herzberg-Hippie-Festival so imponierten, war der Freak aus Mainz über den Umweg Frankfurt drei Stunden als Zugreisender südlich und nördlich des Mains unterwegs. Wer die Züge im Rhein-Main-Gebiet kennt, weiß, was das bedeutet. Vier Wochen später startet die nächste Spacedelic Odyssey, Mission Nummer fünfundzwanzig......
 
 

Text und Bilder: Heiliger Vitus, 20. März 2018
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
ZEN TRIP
(20.34-21.38)
1. From Outta Space
2. Acid Sun
3. 77´ Mushroom Man
4. Refused
5. Dust
6. Zen Trip Jam
7. Oh Baby, Please Don´t Go...!
 
A PROUDER GRIEF
(22.00-22.59)
1. Auf Augenhöhe
2. A Golden Boat Sways Your Heart in the Lonely Sky
3. Waltz and Wrath
4. Und niemand kann von der Stirne mir nehmen den traurigen Traum?
5. III (commandment)
6. Memorial
******
7. Cowboy -> Shark
 
BELOW A SILENT SKY
(23.33-ca. 0.30)
1. The Highest Shrine
2. Caverns of Light
3. Tartarus
4. Earthshifter
5. Great Divide
******
6. Asperatus