KETTENHUNDE FELDBERGKÖNIG
17. April 2021
STRECKE ¤ CHALLENGE ¤ STATISTIK
Feldbergkönig, Ride on!, Be fast or be last, Go hard or go home, Keine Gnade, Auf auf, Endspurt: Ostern 2021 prangten plötzlich wieder magische Anfeuerungen auf der alten Kanonenstraße hinauf zum Großen Feldberg. Die Kettenhunde - alljährlich auch beim Radklassiker „Eschborn-Frankfurt“, für die Eingeweihten: „Rund um den Henninger-Turm“, zugange -, waren wieder von der Leine. Unter den Straßenbemalungen fand sich auch der Hinweis 5 Anstiege. Ich hatte gegrübelt, ob dies die Anzahl der letzten Rampen hinauf zum heiligen Berg im Taunus sein sollten - und war später im Netz der Kettenhunde auf eine ominöse Herausforderung - neudeutsch: Challenge - gestossen:
 
Alle fünf Hauptanstiege auf den Feldberg an einem Stück in 25 Stunden absolvieren! Jeden Anstieg runter und gleich wieder hoch! So sollte man auf 130 Kilometer und 3200 Meter Gesamtanstieg kommen. Im Sinne der Ehre natürlich aus eigener Muskelkraft. Die Reihenfolge der Startpunkte war frei wählbar.
 
Damit war die Spirale in Gang gesetzt. Schließlich war der „Feldi“ mein aktueller Hausberg. Obendrein hatte mich KH1 (der Kettenhund eins persönlich) als Macher des Ganzen scharf gemacht. Endlich wieder ein Ziel in der seit einem Jahr grassierenden, alle Ereignisse tötenden Seuche „Corona“...
 
.:: DIE STRECKE ::.
Mit ESCH und SCHMITTEN befanden sich zwei der fünf Startpunkte nördlich im Gebiet des Hochtaunus, NIEDERNHAUSEN liegt im Westen nahe Wiesbaden, KÖNIGSTEIN und OBERURSEL in der Südflanke von Hessens zweithöchstem Gipfel. Während Niedernhausen und Esch eher lange Steigungen mit knackigem Ende sind, fordern Königstein und Schmitten mit zermürbender Kompaktheit. Die epische Kletterpartie von Oberursel ist weder der steilste noch der längste, jedoch so etwas wie der traditionelle Königsanstieg. Altig, Maertens, Knetemann, Baronchelli, Zabel, Degenkolb: Generationen an Radsportlern sind hier hoch. Auch unser Heiland Eddy Merckx. Die Summe aller Anstiege hat mehr Höhenmeter als das teils auf denselben Straßen ausgetragene Profi-Weltcuprennen Eschborn-Frankfurt!
 
.:: DIE CHALLENGE ::.
Zwölf Tage nach Start des Projekts - nachdem schon drei Dutzend Verrückte aus Nah und Fern an der Wall of Fame der Feldbergkönige standen - begann meine Planung. Als Begleiterin und Betreuerin opferte sich meine Frau Peanut auf. Um keine Kräfte zu vergeuden, wollte sie mich ins vierzig Kilometer entfernte Niedernhausen fahren, einen Teil im Auto begleiten, und den Rest des Tages auf dem Plateau des Feldbergs für Nachschub an Verpflegung und Moral sorgen. Dienstbedingt war dies allerdings nur an einem Wochenende möglich. Eine wichtige Rolle spielte ferner die Witterung. Nach viel Regen und finsterer Kälte öffnete uns der Wettergott am Sonnabend, dem 17. April 2021, die Tür zum Unterfangen. Mein Plan sah folgende Reihung vor: 1. Niedernhausen (zum Einrollen), 2. Königstein (vormittags vielleicht noch wenig Verkehr), 3. Esch (meditativ), 4. Schmitten (kurzer Prozess), 5. Oberursel (mit letzter Kraft ein fremdes Hinterrad krallen). In der elften Stunde schwangen wir uns auf, und hatten nach einem Schlenker über Königstein bei Werten um Null und zartem Sonnenschein letztlich ein stilles Plätzchen am Rande von Niedernhausen gefunden, das Rennrad ausgeladen und einen letzten Schluck genommen. Als ich zum Startpunkt im Ortskern hinabrollte, spürte ich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder dieses Kribbeln im Bauch...
Voller Schmetterlinge wie bei einem richtigen Rennen, drückte ich um 11 Uhr 38 in der Kreuzung Frankfurter Straße/Feldbergstraße in NIEDERNHAUSEN die erste Runde an meinem Tacho ab. START! Von Null auf Hundert! Gleich mit den ersten Metern ging es zünftig nach Oberjosbach hinauf. Auf halber Höhe hing sich Peanut an mein Hinterrad. Über eine Hochfläche mit gravitätischem Ausblick auf das Feldberg-Massiv sowie eine knackige Abfahrt, war Ehlhalten erreicht. Nach einem Geschlängel durchs Dorf führte der Weg in die herrliche, waldreiche Natur. Ein Quartett eskortiert von einem holländischen Kennzeichen kurbelte mir entgegen. Die Strecke bog nach Norden und erreichte nach einem weiteren Gefälle Schloßborn. Im Rausch der Geschwindigkeit, voller Euphorie und irritiert von einer Umleitung, hatte ich mich versteuert - jedoch Glück, daß mich zwei junge Radelmädel wieder in die richtige Spur brachten. Jetzt ging es richtig los - eingeleitet vom zähen, stufenförmigen Anstieg durch den Wald zwischen Schloßborn und Glashütten. Nach einem leichten Gefälle auf der Hochtaunusstraße B8 war der Paßübergang „Rotes Kreuz“ erreicht. Jener mußte sechs Mal überquert werden: drei Mal hinauf, drei Mal hinab. Knapp achthundert Höhenmeter waren von Niedernhausen zu absolvieren. Dabei taten die Anstiege immer am Ende ab dem Roten Kreuz selbst mit Kette links und Wiegetritt richtig weh.
 
Als zweiten Anstieg wollte ich ursprünglich Königstein machen. Die Idee war, mit noch frischen Sinnen den Gefahren der verkehrsumtosten Kleinstadt zu entgehen. Oben entschied ich jedoch, gleich den nächsten Langen nachzulegen. Nach einer Schußfahrt mit siebzig Stukis nach Niederreifenberg, dem rumpeligen Anstieg zur Kittelhütte und dem Zickzack hinab nach Oberems, knickte die Straße nach rechts weg in Richtung Wüstems, und verlief ab Niederems am Emsbach entlang durch den tiefsten Hintertaunus nach ESCH am Arsch der Welt. Die Kettenhund-Krone war an einer großen Kreuzung aufgemalt. Beim Wendemanöver mußten Peanut und ich aufeinander warten. Aber ich fuhr das Ding mit schwerer Winterkluft und Alulaufradsatz ohnehin nicht auf Zeit. Nach einem vergleichsweise flachen Beginn in den Niederungen des Eschbachs, lagen die anspruchsvollen Abschnitte wieder in der zweiten Hälfte. Der knapp drei Kilometer lange Zickzack von Oberems zur Kittelhütte, gefolgt von der zwei Kilometer langen Wand von Reifenberg zum Roten Kreuz, vollendet durch die knapp drei barbarischen Kilometer zum Gipfel des Feldbergs, waren die schwierigsten der gesamten Challenge. Die nominelle Königsetappe hatte siebzehn Kilometer und siebehnhundert Höhenmeter.
 
Wieder oben auf der Hochfläche ergatterte Peanut einen Parkplatz und beschloß, dort auf mich zu warten. Eine gute Idee: Die rücksichtslose Blechkarawane vor KÖNIGSTEIN hätte uns auseinandergerissen. Zum Abschied steckte sie mir eine Trinkflasche und drei geöffnete Körnerriegel zu. Beim Aufbruch im Alleingang hinab nach Königstein verdunkelte sich der Himmel, Schneeschauer wehten durch die Luft. Der vogelwilde Stoßverkehr auf der B8 steil bergab nach Königstein verlangte mir alles ab. Ich machte einen Kilometer Umweg durch den großen Kreisel. Der offizielle Anstieg ab Altkönigstraße mit den legendären Aufstiegen Billtalhöhe und Eselsheck, vorbei an der Tenohütte, sowie der dritten Passage des Roten Kreuzes, war mit acht Kilometern eher kurz, aber intensiv. In der Billtalhöhe biß sich ein Krampf in die Innenseite meines rechten Oberschenkels. Leicht angeklingelt, aber heil kam ich oben an. Peanut schoß Fotos.
 
Das Mörderischste am Anstieg nach SCHMITTEN war die Abfahrt zum Startpunkt. Unten am Ende der acht Kilometer durch gespenstisch einsamen Wald und eisige Kälte war ich aller Sinne beraubt und bei der Kehrtwende am Ortseingang regelrecht taub. Ich zitterte am ganzen Leib, konnte kaum den Lenker halten. Die nachfolgende Auffahrt wirkte wie warmer Honig geradezu. Außer einem Duo in Bora-hansgrohe-Kluft und einem jungen Hobbyradler, der mich die letzten Meter zum 699 Meter hohen Sandplacken-Paß begleitete, begegnete ich keiner Menschenseele. Nur die aufgepinselten Runen der Kettenhunde Keine Gnade, ein Forsthaus neben der Evangelischen Akademie, sowie das Naturfreundehaus an der Hegewiese: kein Zeichen sonst von Zivilisation für lange Zeit. Welch ein Idyll muß hier die Sommerfrische sein... Auf der drei Kilometer langen Schlußsteigung ab dem Sandplacken waren Rampen bis zu dreizehn Prozent zu erklimmen. Dies war der vierte Streich.
 
Als Nachbrenner sollte OBERURSEL herhalten. Die elfeinhalb Kilometer vom Hohemark-Kreisel hinauf zum Feldi sind so etwas wie der Galibier für Amateure und was zum Anschwitzen für die Profis. Bei Wind und Wetter und bestimmt schon einige Mal war ich die sogenannte Kanonenstraße gefahren, kannte jedes Löchlein, jedes Kreuz der hier zerschellten Biker, konnte das Geschlängel mit verbunden Augen fahren. Ich wußte, daß eine lange Abfahrt bei Werten um Null übel ist. Daß einem nach drei Kilometern selbst unter dickster Mütze vor Kälte das Hirn gefriert, die Sinne schwinden, und die übrigen neun Lebensgefahr bedeuten... Bei meinem Aufbruch senkte sich bereits Düsternis über den Feldberg. Ich war nahezu allein, die wenigen Autos waren mit Licht unterwegs. Aber wie ein Wunder hing in der Südflanke des Feldbergs heute noch die milde Sonne des Tages. Spätnachmittags um fünf startete ich an der Hohemark die letzte Runde auf meinem Garmin. Und plötzlich sah ich den Anstieg mit anderen Augen: Die acht milden Kilometer zum Sandplacken-Sattel verstrichen geradezu im Nichts. Aber dann kamen noch die drei zum Gipfel mit Biestern um zehn Prozent... Doch alle Pein und alle Leiden finden ihr Ende. Ich war König für einen Tag - FELDBERGKÖNIG XL.
 
War die fünfte Erklimmung zugleich der letzte Streich? Pustekuchen! Zur Vollendung der von KH1 veranschlagten 130 Kilomter fehlten zwanzig Kilometer - die Berg-und-Tal-Fahrt zum Ausgangspunkt. Das Niederrasen nach Niedernhausen sollte zu einer einstündigen Tortur werden. Von allen Sinnen und Kräften verlassen nahm ich mit Peanut am Hinterrad im Gefälle zum Roten Kreuz den verkehrten Weg. „Schrei doch, niemand hört mich!“, dachte ich mir, und gelangte nur über die Steigungen zur Kittelhütte und nach Glashütten auf die Originalroute zurück. Final wies mein Garmin zweihundertfünfzig Höhenmeter mehr als gefordert aus. Am frühen Abend um 18 Uhr 10 waren wir im ZIEL, um acht zogen wir unsere Haustür auf dem Frankfurter Berg hinter uns ins Schloß. Vielleicht war dies meine letzte Schlacht in diesem Leben. Ein unvergesslicher Tag allemal!
Widmung
 
Die Challenge der Kettenhunde gebührt meiner Königin Peanut, die einen weiteren Tag vollends mir geopfert hatte. Peanut hatte mich zum Start und wieder nachhause gebracht, sie war drei Stunden lang konzentriert im Auto hinter mir hergetuckert, hatte stundenlang den menschlichen Irrsinn zwischen Wanderern, Familientum, Bikern, Mountainbikern, Asphaltkriegern, Sportwagenfahrern und anderen Mobilisten auf dem kahlrasierten Riesen im Taunus erduldet, und mich verpflegt (ich verbrauchte drei Bananen, neun Riegel und drei Liter Tee). Ein Service wie dieser läßt sich mit Nichts und keinem Geld der Welt bezahlen.
 
Heilig seien ferner...
 
Organisator KH1 für dessen Belieferung mit exklusiven Urkunden, Aufnähern und Aufklebern, und
...
Meine Mutter drüben im Himmelreich.
 
 
Text: FK40, 20. April 2021; Bilder: KH1, FK40 und Peanut
 
.:: ZAHLEN UND ZEITEN ::.
Wetter: erst sonnig, später stark bewölkt, 0 bis 4ºC, mäßiger Nordostwind
Typ: Rad-Challenge individuell
 
Distanz:
134,6 km
Zeit brutto: 6:52 Std.
Zeit netto: 6:31 Std.
Höhenmeter: 3454
Durchschnittsgeschwindigkeit: 20,6 km/h
Höchstgeschwindigkeit: 73,4 km/h
 
Die fünf Anstiege
1. Niedernhausen: 16,8 km, 770 Höhenmeter - 59:42 Min.
2. Esch: 17,3 km, 705 Höhenmeter - 61:28 Min.
3. Königstein: 8,2 km, 526 Höhenmeter - 43:03 Min.
4. Schmitten: 8,0 km, 455 Höhenmeter - 39:23 Min.
5. Oberursel: 11,4 km, 585 Höhenmeter - 55:44 Min.
 
Wall of Fame

Kettenhunde Feldbergkönig