CHURCH OF MISERY, BONGZILLA, DOPETHRONE, SONS OF OTIS
D-Wiesbaden, Schlachthof (Kesselhaus) - 4. Juli 2018
Vom 22. Juni bis 15. Juli tingelte die nordamerikanische Karawane von Bongzilla, Dopethrone und Sons of Otis über Europa. Vier Mal kreuzten sich die Wege mit den Japanern Church of Misery: beim „Hellfest“ im französischen Clisson, in Brüssel, Köln und - Wiesbaden. Ein Pflichtbesuch für jeden Doom-Junkie. Hier lebte nicht nur die Underground-Musik der frühen Neunziger auf, sondern auch die Ursprünge von Space und Stoner Doom - der Sound einer Generation! Vor der Freude stand indes eine böse Marter. Zumindest für den Verfasser und seine Eskorte. Der wieder mal gesperrte Tunnel unter Frankfurts Innenstadt hatte uns zum Ausweich auf die S-Bahn gezwungen. Jene stoppte indes auf einem falschen Gleis - und rollte dann gar nicht an. Damit war der Anschluß nach Wiesbaden futsch. Wir erreichten das Ziel nach fast doppelt so langer Fahrzeit (statt einer Stunde zwei Stunden für zwanzig Kilometer Luftlinie), dehydriert und mit berstender Blase. Undoom auch was der Wettergott lieferte: Das Thermometer zeigte 28 Grad, aber subjektiv war es noch viel, viel wärmer. Es lag was in der Luft... Und um ein Haar wäre ich unterwegs umgekehrt - hätte diesen Entschluß allerdings bitter bereut. Denn auf zwei Stunden Hölle im Zug folgten vier Stunden Liebe (bevor abermals die Strafe im Zug kam). Zweihundert Leute tummelten sich heute im „Schlachti“, der neuerdings mit zwei Betonblöcken im Vorgelände gegen Terror schützte! Das ganze doom-affine Volk, daß man aus Rhein-Main so kennt, die blonde Malin, Big Simonski aus Koblenz, Olli Sludgist aus Franken, der unbekannte Bulle aus der Wetterau, etc, etc...
Auf SONS OF OTIS war ich spitz wie eine Reißzwecke, sie waren mein heimlicher Hauptakt! Otis´ Albumdebüt 'Spacejumbofudge' hatte ich in grauer Vorzeit mühselig Titel um Titel von „Napster“ über ein langsames Modem runtergeladen. Es verdrehte mir ganz gehörig den Kopf. Mußte es dann folglich auch in echt berühren. Als Silberling war es von „All That´s Heavy“, Albuquerque, New Mexico zu mir gelangt. Aber erst im zweiten Versuch, nachdem die ursprüngliche Sendung verschollen blieb - und Chef Dan Beland mir generöserweise eine zweite umsonst nachlieferte. Das vergißt man natürlich nie! Otis´ Erste war vergöttert und rotierte im Endlosloop bei mir... bis sie irgendwann in Vergessenheit geriet... weil man die Akteure hierzulande nie sah. Heute äußerte Frontmann Ken Baluke, daß Otis „nach 26 Jahren zurück in Deutschland“ sind. Das Trio wurde 1992 von Ken in Toronto gegründet. Anfangs hieß es nur Otis, mußte aber aus rechtlichen Gründen in Sons of OTIS respektive Sons of Otis geändert werden. (Möglicherweise kollidierte es mit der gleichnamigen US-Airbase, eventuell auch mit dem verunglückten Musiker Otis Redding). Balukes Plan, einen kalten, rationalen Stil zu kreieren, der wie ein Mix aus Hawkwind, Saint Vitus, Ministry und Sunn funktioniert, ging nicht nur super auf - er schuf ein völlig neues Subgenre: den Space Doom. Trotz regelmäßiger Wechsel am Schlagzeug und dem zeitweisen Einsatz einer Drum-Maschine für Aufnahmen hat die Gruppe überlebt. Sie bestand heute aus Sechssaiter und Sänger Ken Baluke, Viersaiter Frank Sargeant und Trommler Ryan Aubin. Bis heute hatte der klassische Stoff nichts von seiner hypnotischen Wirkung verloren. Er war stark beeinflusst von der Underground-Heavy-Musik der Zeit. Wenngleich die Sons in Wiesbaden nur neues Material zelebrierten - es trug den Charme und Stil der Vergangenheit, war stoisch hintergründig, kam in katharsischer Zeitlupe und war brutal massiv dargeboten. Otis lebten von einer alles zermalmenden Lautstärke, von viel Hall und sie hallten noch lange nach. In einer finalen Geste lehnte Baluke erst abgestützt an einem Speaker - um zum guten Schluß seine Hände zu einem Gebet zu falten. Ich war unsagbar glücklich, im Anschluß die 73. von 91 Testpressungen von ihrem Konzert in Den Bosch ergattert zu haben. Bassist Sargeant besorgte mir ferner die Autogramme von Sons of Otis und Bongzilla. Von Church of Misery signierte der Sänger.
Um fünf Minuten verfrüht kam eine Horde, die 1992, als Otis ihre Legende starteten, noch gar nicht auf dem Radar war. DOPETHRONE spielten Sludge Metal, oder - wie sie es selbst sagten - eine faule kanadische Mischung aus gelbem Schnee, Durchfall, Blut, Tränen und zerbrochenen Träumen. Vince, Vyk und Shawn waren die Art von Menschen, die den Blues zum Mittag essen und alles mit einem riesigen Krug Krustenpunsch runterspülen! Der Fronter trug die Rastazöpfe fast bis zum Po, der Bassist hatte sie kaum kürzer. Mit ihrer Gründung 2009 setzten die Mittdreißiger - nicht wie der Gruppenname suggeriert: auf das Album von Electric Wizard - sondern ganz auf die knackig-kratzige Energie des Crust und eine pochende Rhythmik. Dopethrone bezirzten durch ihr ungezwungenes Spiel und waren zumindest von der Geschwindigkeit auf der Überholspur - aber immer noch doomig! Es dominierte räudiges Gekrächz, es rumste und klirrte dystopisch. Vielleicht kamen die drei mit ihren schlanken Leibern etwas narzisstisch und sexy rüber. Aber die vielen Frauen im Publikum standen drauf: Dopethrone hatten die größte Meute der Nacht vor sich. Sie waren wie gemacht für den punkig veranlagten Schlachti. Ebenso durchtrieben wie auf dem Geviert zeigten sich die beiden Saitenmänner auch abseits davon - als sie hinterm Vorhang verschwanden und einen offenen Notausgang entdeckten. Wenn das einer der Zahlenden geahnt hätte...
Leicht ernüchternd verlief der Aufgalopp von BONGZILLA. Obgleich gestandene Männer, fischten die Stoner-Metaller aus Madison, Wisconsin, anfangs in den Gewässern der Kanadier Dopethrone. Allzu sludgig gekeift wirkte der Gesang, bumsten die Apparillos im Dunst von Electric Wizard. Doch dies sollte sich ändern... 1995 formiert, hatte sich das Rudel nach einer sechsjährigen Pause 2015 wieder zusammengetan. Und zwar fast im Originalzustand - bis auf die Wackelposition am Bass. Hier waren schon drei verschlissen, darunter auch Dixie von den Dope-Kollegen Weedeater. Vor uns standen heute Gitarrist und Vokalist Mike „Muleboy“ Makela, Sechssaiter Jeff „Spanky“ Schultz, und Cooter Brown sowie Mike „Magma“ Henry an Bass und Schlagzeug. Alle verbargen ihre Augen unter Kappen mit gigantischen Sonnenblenden. Bongzilla waren eine Gruppe, die den Cannabis nicht nur als cooles Image, Druck auf Textil oder bewegte Videoprojektion trug, sondern die die Klischees der bekifften Stonerdoomer hemmungslos bis auf die Knochen auslebte. Besonders der zwergige Muleboy stach hervor. Letztlich war es ein Dutzend Joints, die man ihm nach seiner Neugier „You have grass, hashish, marijuana?“ aus der Menge nach oben reichte - und an denen er mit den Worten „It´s awful what you´re doing with me!“ genießerisch sog (einen sogar durchs Nasenloch)! Zudem strömte Zauberelixier aus Germania. Rasch war die Bühne bildgewaltig im Nebel der Rauchkräuter versunken, roch der Konzertraum wie eine Haschhöhle, und spätestens nach einer viertel Stunde wonnigem Dopens geriet auch die Performanz in entspannte Gefilde. Fortan wurde gedoomt. Und zwar deftig, derb und mit der obszönen Poesie von William Burrough. Überdies waren Bongzilla die Ersten überhaupt, die im Kesselhaus nicht unter Rotlicht standen! Nein, die Amis genossen grüne Filter, aus denen immer wieder ein glühender Joint als rot leuchtender Punkt hervorstach. Dieser Auftritt war nicht jugendfrei! Seltsamerweise gingen etliche raus... Der Muleboy bat vorm Letzten, daß wir noch für Church of Misery bleiben! Peace!
Obwohl von Anfang an eine super Stimmung herrschte, riß die Spannung bis zur letzten Sekunde nicht ab. Mit Einbruch der Dunkelheit und minutiös im Plan wie ein Uhrwerk starteten CHURCH OF MISERY in ihre Schau. Es wurde die bombastische Rückkehr einer Heavy-Doom-Ikone. Nach dreizehn Jahren kam es für P. und mich zu einer Wiederbegegnung mit der Legende aus dem Reich der aufgehenden Sonne, die wir 2005 bei ihrem erst zweiten Auftritt auf europäischem Boden überhaupt erlebten. Allerdings in stark veränderter Besetzung. Von den damaligen Akteuren hatte nur Gruppengründer und Bassist Tatsu Mikami durchgehalten. Der Viersaiter ist das einzige konstante Mitglied. In den letzten Jahren stießen Vokalist Hiroyuki Takano, Sechssaiter Yasuto Muraki und Trommler Junichi Yamamura neu dazu. Überdies war ich gespannt, ob die Japaner erneut ihre Shirts mit dem „Sick of Living“-Motiv anbieten würden. Wegen ebenjenen hatte ich vor Jahren Ärger in einer Punkerburg, da auf dem Rücken das vom Serienkiller Zodiac benutzte Bekennerzeichen prangte: ein Tierkreis ähnlich einem Keltenkreuz... Aber heute führten die Japaner nur Fetzen mit den Tourdaten und dem Wort „Doom“ mit. Die Geisha hinterm Stand (mit japanischem Fächer!) dankte den Erwerb mit einer Verbeugung und einem deutschen „Dankeschön!“. Sämtliche Tonträger von Church of Misery waren am Ende ihrer Tour über Europa vergriffen. Die Helden kamen mit dürren Körpern in Glockenhosen, sie trugen eine arschlange Mähne und den Bass auf Kniehöhe (der Chef), die Aura eines Blumenkindes (der Bassist), kupferrot koloriertes Haar (der Trommler), sowie abgetönte Brille und Pornobalken (der europäisierte Sänger). Vokalist Takano sah nicht nur wie Tony Iommi aus - er verblüffte später auch noch mit einem Hemdenwechsel (den niemand verstand) und einem Zug an einem Joint (der ihn fast aus den Pantinen kippte). Neben ein paar optischen Unstimmigkeiten war für mich zugleich der Gesang - ein räudiges Gekrächze - das traditionelle Minus bei den Japanern. Ansonsten hatte sich der Musikstil von seiner bizarren Reise zwischen Sludge, Psych und Siebzigerrock zum traditionellem Doom Metal hingewandt. Manchmal klangen Church of Misery wie alte Cathedral. Sie waren weder spektakulär noch sensationell, aber grundehrlich und finsterer als erwartet: eine Hommage an die Leidenschaft und die Doom-Musik! Davon zeugte auch die Geste des Sängers, der vorab ein Shirt von Sons of Otis kaufte. Natürlich trugen alle Lieder als Alternativtitel den Namen eines Serienkillers oder Massenmörders. Schön lächeln, skurill doomen, eiskalt morden: So gingen die Killer aus Fernost! Und wenn man derart voller Obsessionen ist, schluckt man auch kleine Fehltritte. Der Auftritt endete für uns nach einer Stunde und dem Titel „Taste the Pain (Graham Young)“ - um ein halbes Stündlein verstümmelt mit dem Aufbruch zum mutmaßlich letzten schmerzfreien Zug nach Frankfurt. Dieser Abschied vom „Schlachti“ fiel sehr schwer.
 
 
Text und Bilder: ((((((Heiliger Vitus)))))), 6. Juli 2018, Abspiellisten: Big Simonski (Time For Metal)
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
SONS OF OTIS
(19.30-20.01)
1. Guilt
2. Blood Moon
3. GG
4. Untitled
 
DOPETHRONE
(20.20-20.54)
1. Host
2. Tap Runner
3. Tweak Jabber
4. Wrong Sabbath
5. Killdozer
6. Dark Foil
7. Scum Fuck Blues
 
BONGZILLA
(21.20-22.11)
1. Gestation
2. Greenthumb
3. Weedy Woman
4. Free the Weed
5. Spacerock
6. Salvation
7. Grim Reefer
8. H.P. Keefmaker
 
CHURCH OF MISERY
(22.27-23.50)
1. Killfornia (Ed Kemper)
2. Make Them Die Slowly (John George Haigh)
3. River Demon (Arthur Shawcross)
4. Born to Raise Hell (Richard Speck)
5. Red Ripper Blues (Andrei Chikatilo)
6. Taste the Pain (Graham Young)
7. Blood Sucking Freak (Richard Trenton Chase)
8. Brother Bishop (Gary Heidnik)
9. Shotgun Boogie (James Oliver Huberty)
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10. Murderfreak Blues (Tommy Lynn Sells)