CROWBAR, TENDENCIA, TOXIC NATION, DIE SATANSENGEL VON NEVADA
D-Dresden, Chemiefabrik - 7. Juli 2018
29 Jahre Crowbar, elf Langeisen, der Sturm auf MTV und Charts schon in den frühen Neunzigern: Wer hätte geglaubt, daß sich die Sludge-Koryphäe aus New Orleans drei Dekaden später noch in verzeckte Keller und räudige Punkerschuppen verirrt? Vielleicht ist es der Verbundenheit zum Underground verdankt, wahrscheinlich seiner weiblichen Begleitung, daß Kirk Windstein nicht als kaputter Rockstar durch die Arenen dieser Welt tingelt. Nachdem er sein Brot zuletzt mit handgeschriebenen und persönlich in die weite Welt verschickten Lyric-sheets (zu deutsch Textblättern) verdiente, zeigte er sich im Sommer 2018 mit Crowbar auch wieder in natura in Europa. So in Dresden, wo sie im Hellerauer „Garden Cottage“ unweit vom Flughafen Unterschlupf fanden... Rund achtzig Leute hatten in der Lethargie des Juli den Weg zur „Chemo“, dem niedrigen, in die Flugschneise nach Klotzsche abgeduckten Klub im Pieschner Süden, gefunden. Lauter gute Typen! Veranstalter war diesmal nicht „Elbsludgebooking“, sondern „Antipop-Tourbooking“, die sich in erster Linie um Kubas Tendencia kümmerten. Wie so oft, ergaben sich Zeitplan und Programmablauf leider erst vor Ort. Immerhin konnten Fußballfans beim Beginn von 21 Uhr noch eine Halbzeit des WM-Viertelfinales Schweden gegen England verfolgen. Zu trinken gab´s in der Chemo wie immer Hustensaft zu einem kleinen Obolus.
Eröffnet wurde das Ritual durch DIE SATANSENGEL VON NEVADA. Die zeigten sich nach ihrem Ostpolkonzi vor genau einem Jahr in stark umgekrempelter Aufstellung: Gitarrist und Vokalist Sgt. T. stand heute rechts aus Sicht der Meute, das Gesicht war unter seinen Haaren verdeckt. Links stand anstelle von Stuntman Bob Gründungsbassist M.P. alias Del Preston. Im Hintergrund saß weiterhin H.K. an der Trommel. Aber eigentlich war man mit einem zweiten Bass erschienen. Doch dann mußte MOT unmittelbar vorm Auftritt den Schauplatz wegen einer geistigen Zerrüttung verlassen. Und auch stilistisch sorgten die Satansengel für andere Blickwinkel. Nach ihrer zwischen Zerrend-Langsam und Raserisch-Schnell pendelnden Schau im Vorjahr, sollten die Klänge in der Chemo ohne größere Amplituden, etwas temporeicher und unter brachialer Lautstärke übers Podest fegen. Auf eine Troika dezimiert, lieferten DSVN ihre 'Lo-Fi-Live'-Aufnahme aus dem Probebunker, welche die Quintessenz ihrer sieben Minalben, Siebenzöller und Singles seit 2012 ist. Wiederum flossen Hardcore und Blues, Doom und Crust ineinander. DSVN passten einfach perfekt zum Hauptakt und genossen als Dresdner Jungs überdies Heimspielvorteil. Entsprechend schnell war der Klub zu einem Schwitzkasten transformiert. Knapp vierzig Minuten lieferten die Satansengel einen giftigen Sludge aus rohen Apparatschiks und kruden Schreien (Sgt. T und Del im Wechsel), kurze Geschichten mit philosophisch-subtilem Unterton. Oder auch Haßblues aus der Unterschicht - der trotz brachialer Lautstärke und knirschender Aggressivität genug atmosphärische Momente hatte. Der Sound kam wie eine frische, unverbrauchte Version der neurotischen EyeHateGod. Er war von einer gewissen depressiven Radikalität getragen und damit die perfekte Einstimmung auf die Koryphäe aus Louisiana überhaupt. Stellenweise wirkte der Auftritt atemlos, aber er bot auch einen einmaligen, kritischen Eindruck von unserem „Leben“ - zelebriert von drei verschrobenen Kerlen mit großen Herzen und tiefen Seelen. Und zwar abgründig, nervenzerrend, berührend - ehrlich! - Im Anschluß durfte ich noch etwas länger mit dem liebevoll „Knüppelgnom“ genannten Trommler über Gott und die Welt plaudern.
Die Nächsten hießen TOXIC NATION. In dunkles Rotlicht getaucht, durfte das Quartett aus Quedlinburg eine halbe Stunde lang sein Gebräu aus Hardcore, Southernrock und einem Schuß Sludge zum Besten geben. Treu ihrer Herkunft (Toxic Nation waren ein Sposs der Old-School-Hardcoreler ISOLATED) starteten die vier mit den Spitznamen Borstel, Fuxer, Kacki und David mit einem Lied namens „Hate“, mit reißerischen Posierereien und schnellem, provokanten Stoff - schalteten dann aber wohltuend einen Gang zurück. Kurioserweise mußte ihr Vokalist entgegen seiner körperlichen Robustheit und allem aggressiven Gegröle viele Texte von Spickern am Schlagzeug ablesen. Dies wiederum lag auf einer Linie mit dem oft unperfekten Charme der „Ossis“. Hardcore war nie mein Metier. Doch dieser Auftritt war kurzweilig und er strotzte vor Spielfreude.
In Gestalt von TENDENCIA folgten die Paradiesvögel der Nacht. Jene hatte ich ebenso wenig auf dem Radar. Mit ihrem als „Ethno Metal“ apostrophierten Stil würden sie noch mehr aus der Reihe tanzen als die Hardcoreler aus dem Harz. Doch die Kubaner sollten ihrer Aufgabe nach anfänglicher Scheu mit ungeheurem Selbstvertrauen begegnen! Erst waren sie mit zwei Flaschen Schnaps in die Chemo marschiert... und dann ging´s auf der Bühne leicht unübersichtlich zu. Denn dort tummelten sich plötzlich sechs Leute. Einer stellte sie mit den Worten „We are Tendencia! We are thrashers from Cuba!“ vor. Tendencia entpuppten sich als rassige Thrash-Metal-Horde mit einem Perkussionisten in ihren Reihen. Die Bildsprache erinnerte an die brasilianischen Vorbilder Soulfly und Sepultura aber auch an revoltierende Rage Against The Machine. Was Tendencia abhob, war jedoch die Propaganda auf Spanisch vor dem Hintergrund ihrer nach Fidels Tod so zutiefst gespaltenen und zerrissenen Heimat. Für die Dauer einer Dreiviertelstunde herrschten urwüchsige Schreie, markante Trommeln und wildes Geholze mit allerhand Schauwerten. Schon vorm Auftritt hatte man über den Fronter gestaunt, der einen turmhohen Turban trug. Das waren nichts anderes als seine Rastazöpfe, die Anier Tattoo Barrera aus Kniekehlenhöhe aufgerollte hatte - und die er mitunter derat wirbelte, daß man fürchten mußte, sie würden sich wie Lianen an der Decke verfangen. Die Vorgruppen waren schon mal klasse, aber gegen die Legende aus Louisiana konnten sie natürlich nicht anstinken...
Neue Tour, neue Nacht, neues Gesicht... Trotz holterdiepolter angelerntem Viersaiter - der 2016 zurückgekehrte Gründungsbassist Todd „Sexy T“ Strange hatte wenige Tage vorm Abflug „aufgrund unvorhergesehener familiärer Verpflichtungen“ abgesagt und wurde durch den guten Freund Shane Wesley ersetzt - lief die Sludge-Metal-Maschine aus USA wie geölt. Kirk Windstein hat den schwierigen Sinn unseres Menschseins einfach genau getroffen. Sein Sludge hielt immer die Waage zwischen Zorn, der nie zu Zote oder Zynismus wird, und einem unbeschreiblichen Weltschmerz. Im wahren Leben würde man einem Kahlkopf mit der Statur eines Bullterriers, Hatebreed-Shirt und Tätowierungen von Kopf bis Fuß, wohl aus dem Weg gehen. Umso vergnüglicher und glaubhafter war es, den „Riff-Lord“ vorm Konzert zu treffen. Zu sehen, wie er tschechisches Bier trank, seinen in Church-of-Misery-Tourbluse steckenden Bassisten (der sein Sohn sein konnte) im Publikum einnordete, und wie er mit seiner Ehefrau, der blonden Merch-Lady Robin - wie in einer Analogie zum Elfer-Club Frankfurt vor vier Jahren - die ganze Zeit magnetengleich aneinander klebte. Und: Robin & Kirk waren Gleichaltrige (wir also nicht die einzigen rostigen Nägel)! Kirk 18, Matt Brunson, Shane Wesley und Tommy Buckley ließen uns siebzig Minuten lang eine Legende hauteng miterleben. Nach einem dahingegrummelten „We are CROWBAR from New Orleans! We´re here to kick your ass!“ trieben die Amis ihre Meute in Dresden anfangs mit schnellen Harcore-Brechern vor sich her. Selbst das an dritter Stelle folgende „All I Had (I Gave)“ schwappte in gehetzter Manier übers Geviert. Viele schienen mit dem Stoff bestens vertraut; manche waren allerdings auch nur renitente Mosher oder Rempler. Geradezu anarchisch mutete dagegen Kirks feinnerviges, geradezu genüßliches Gitarrenspiel mit viel Gespür fürs Detail, und sein so voller Pein herausgepresster Gesang an. Dazu boten die langhaarigen, besessen headbangenden Saitenmänner und der ausgemergelte, schwitzende Leib von Buckley einiges fürs Auge. Letztlich jagten Crowbar erst am Schluß ihre doomigen Malmer durch den um sechs Nummern zu kleinen Raum. Doch die hatten es in sich! „To Build a Mountain“, „Walk With Knowledge Wisely“ und das unumgängliche „Planets Collide“ waren die Höhepunkte. Nach Kirks lapidarer Frage „One more?“ und einem gebrechlichen „I´m fucking old, I´m old!“ rumste die Verlängerung „Broken Glass“ in die Chemo. Da war die zweite Nachtstunde schon zur Hälfte rum. Danach war Schluß.
 
Nach einem Spaziergang durch die Dresdner Nacht sind P. und ich halb vier mehr tot als lebendig ins Bett gefallen - treu dem Slogan auf den Shirts von Crowbar: EXISTENCE IS PUNISMENT (Leben ist Strafe).
 
 
Text und Bilder: Heiliger Vitus, 13. Juli 2018 [ein Freitag der 13.]
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
DIE SATANSENGEL VON NEVADA
(21.00-21.35)
1. Lock n Load
2. (To) Commit Crime
3. Meditation Thru Medication
4. Trust
5. Black Planets
6. AxTxAx
7. Neurotic Tales
8. FrEYEday Night
9. Rehabilitation Blües
10. Pop Song
 
TOXIC NATION
(22.00-22.35)
1. Hate
Rest unbekannt, Liste war nach dem Gig verschwunden
 
TENDENCIA
(23.10-23.56)
1. Donde la muerte se hace respetar
2. Obbatala
3. La tumba que tumba
4. A degüello
5. Cargando cruces
6. Guantanamera (con Fe de rates)
7. Al machete!
8. Mr. Fula
 
CROWBAR
(0.22-1.35)
1. Conquering
2. And Suffer as One
3. All I Had (I Gave)
4. High Rate Extinction
5. To Build a Mountain
6. Cemetery Angels
7. Walk With Knowledge Wisely
8. To Carry the Load
9. I Find the Storm
10. 1000 Years Internal War
11. Existence is Punishment
12. Planets Collide
13. Broken Glass