DOOM AND GLOOM II
 
OPHIS, FROWNING, CROSS VAULT
D-Hofheim am Taunus, Jazzkeller - 8. April 2017
Die Organisation »Schwarze Loge Ritus« hatte es im alten Jahr angedroht - und Worten Taten folgen lassen. DOOM AND GLOOM blieb keine Eintagsfliege. Auch 2017 durften wir uns wieder über ein kleines Doomfest unterm Südhang des Taunus freuen - wenngleich die Gruppen auf drei begrenzt waren. Denn zum einen zeigte Hessen nach wie vor kein Interesse am Doom. Und zu allem Übel hatte heute auch noch der Rivale im zwanzig Kilometer entfernten Wiesbaden zeitgleich einen Abend mit Electric Wizard, Mantar und Angel Witch angesetzt. Frau Peanut und ich blieben der Schwarzen Loge allerdings treu. Schließlich waren deren liebevoll hergestellte Eintrittskarten bereits im Dezember mit der guten alten Schneckenpost bei uns eingetroffen - lange bevor der Mammon in Wiesbaden zuschlug... Doch leider sollten sich auch alle Bedenken bewahrheiten und nur vierzig Menschen in den Jazzkeller ziehen. Den Einlaß machte Organisator Ronald, drin verloren sich 13 Musiker, zwei Dutzend Begleiter und Zahlende, das Personal, sowie der Klubchef, der unsere befreundete Andrea mit den Worten »Von welchem Planeten muß man denn kommen, um Äppler nicht zu kennen?« über das hessische Nationalgetränk Apfelwein aufklärte. Für die Untermalung der Pausen wurde unter anderem Urfaust [sic!] genutzt. Ein verzögerter Beginn, leicht ausgedehnte Pausen, und schon hatte sich das Ende um eine halbe Stunde verschoben. Die mit dem Zug Angereisten konnten ihre letzte Verbindung aber mit einem flotten Marsch durch die Nacht noch erreichen...
CROSS VAULT holten heute ihren abgesagten Premierenauftritt nach. Die Westfalen waren mindestens genau so beeindruckend wie vor anderthalb Jahren, als sie den »Hammer of Doom« eröffneten (und enormes Aufsehen erregten). Mit dem Unterschied, daß sie in dem intimen Klub Nasenspitze an Nasenspitze vor uns standen. Vokalist Nerrath, den Sechssaitern M. und G., Bassist Forcas und Schlagzeuger Skullsplitter gelang es erneut perfekt, die dramatischen, emotionalen und erhabenen Elemente des klassischen Doom Metal zu verbinden. Dazu trug der Frontmann Bizeps wie die Taille eines Models zur Schau. Nerrath hatte auch einen sehr durchdringenden Charakter, und er ist in meinen Augen der Sänger mit der aktuell stärksten Präsenz im Doom überhaupt. Jede seiner Silben stand wie in Stein gemeißelt im Raum. Während Nerrath Literatur schrieb und mit dunkler Stimme bildgewaltig Geschichten um Verluste besang, tönten pompöse wie knackige Apparillos, entfacht von verruchten Figuren mit langen Haaren, Bärten und Kapuze. Alles wirkte erschütternd, geheimnisvoll und wie ins Dunkel hineingemalt geradezu. Diese Darbietung übertraf alle unser Erwartungen noch mal um Längen. Und sie stach auch die letzten Vorstellungen der ähnlich gelagerten Amis Pallbearer oder Apostle of Solitude glatt aus. Die fünf von Cross Vault waren von der ersten bis zur letzten Sekunde phänomenal. Ein Leckerbissen. Nicht nur für Traditionalisten. Schwieriger hätte der Übergang für die Nächsten gar nicht kommen können......
...... Statt den Aufmachungen folgend das Festival als Letzte mit Funeral Doom zu Grabe zu tragen, mußten FROWNING stirnrunzelnd nach den Gottbegnadeten ran. Damit prallten Welten aufeinander, änderte sich der Ton abrupt von großen Melodien zu bleierner Schwere. Was klang wie ein weiterer Versuch, doomige Raffinesse mit melodiefreien Untiefen zu zerdrücken, entpuppte sich jedoch bald als anrührend lebensnahe Darbietung. Val Atra Niteris hatte vor einem Dreivierteljahr mit seinem Komplizen Hekjal und den Prog Black Doomern Ad Cinerem vor uns gestanden. Damals stumm am Bass. Vor gerade mal 24 Stunden hatte er wiederum einen Auftritt mit Ad Cinerem in der »Dark Troll Night« vor Pillorian, Valborg und Saxorior in Dresden. Dazu lebt Val nur paar Straßenbahnhaltestellen von uns die Elbe hinab im Weinörtchen Weinböhla. Nun der ferne Westen. Direkt auf Cross Vault. So wie die weitgereisten Jungen aus dem geliebten Dresden sichtlich scheu auf der Bühne standen, oder wenn sie mit der Technik haderten, schnürte es mir vor Mitleid den Hals zu. Andererseits fehlte es Frowning etwas an neuen Eingebungen. Val und die drei Geister aus dem Studio zerrten uns in die Welt der Düsternis, aus der es schon für manchen kein Entrinnen mehr gab. Verrottetes, gutturales Geröchel verband sich mit zeitlupenhaften Trossen in nicht endenden Schleifen und führte schon nach kurzer Zeit in eine tiefe Niedergeschlagenheit. Man blickte in Abgründe, und ersehnte wenigstens den Versuch eines Ausbruchs. Aber Funeral ist eben auch eine Schattierung so absehbar wie der Tod. Vielleicht hat sich das vor einer Ewigkeit von Thergothon, Skepticism oder Worship angestiftete Genre nun auch einfach überlebt. Trotz der gewohnt depressiv-tristen Gleichförmigkeit war die Mission von Frowning allemal stilvoll erfüllt.
OPHIS in Hofheim... Die Nähe ließ Legendäres erahnen. Und der rituelle Kreis der Protagonisten mit den Rücken zur Meute vorm Schlagzeug war schon mal eine Ansage. Eine kleine Wand an Speakern diente als Rahmen. Beim ersten Lied dachte ich, mir fliegen die Ohren weg. Wahnsinn, dachte ich. Jetzt aber starteten Ophis erst richtig durch. Kruppa, Schorneck, Kröplin und Brandes lieferten überwiegend brandeuen Stoff, den sie mit neuem Gitarristen und Trommler im Vormonat für ihr viertes Album aufgenommen hatten. Ophis hatten heute »Bock, die neuen Songs live auszuprobieren« und auch »gar nicht richtig Zeit, mit den neuen Leuten viele alte Songs einzuproben«. Hofheim hielt praktisch als - noch mal O-Ton Ophis - »Versuchskaninchen« für 'The Dismal Circle' her. Fraglich blieb indes, ob Ophis mit ihrem frischen Heavy-Metal-Krawall (der überdies von buntem Licht und Unterbrechungen wegen verhallten Stimmen torpediert wurde), neue Anhänger gewinnen konnten - oder ob sie ihre alten verprellten. Nach einer Schockstarre mußte ich innerlich grinsen. Genau das war Doom: der enge Raum, die Geräusche, die schlechte Luft, der Rausch, die schweren Köpfe. Genau deshalb hänge ich daran. Dazu muß man wissen, daß es im letzten Jahr nur vier Ereignisse mit Ophis gab: in München, Bukarest, Groningen und heute in Hofheim! Unsere Freunde waren 420 Kilometer über die Autobahn gefahren. 420 hin. Und 420 wieder zurück. »Resurrectum« war den Weitgereisten gewidmet, ebenfalls ein Neues... Woran es heute mangelte, waren die doomigen Gefühle, die Verachtung am Leben, die Endgültigkeit, die uns an Ophis immer so faszinierten. Heute war vieles erbarmungslos hell und grell gemetzelt. Erst nach einer halben Stunde wurden die Slowbanger durch »Counting the Bricks« und speziell »Godforsaken« entschädigt. Als Addikt winselte man nach mehr davon. Das blieb aber aus. Und so blieben Cross Vault für mich die Helden der Nacht. Puh!
 
Kurz nach halb eins - gleich nachdem Ophis verstummt waren - mußte ich mit Frau Peanut fluchtartg den Schauplatz verlassen. Uns blieb nicht mal Zeit für einen Abschied. Den letzten Zug haben wir völlig erschöpft im Stechschritt durch die kalte Aprilnacht gerade noch bekommen. Ophis und unser Pärchen Micha und Andrea kamen nach einer Übernachtung in Hessen erst in den frühen Abendstunden des Sonntags daheim in der Börde und in Hamburg an.
 
 

Text: ((((((Heiliger Vitus)))))), Bilder: Peanut & Vitus, 10. April 2017
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
CROSS VAULT
(20.44-21.23)
1. Void of Old, Void to Come
2. The All-Consuming
3. Miles to Take
4. The Weeping Song [Nick Cave & The Bad Seeds]
5. Rails Departing
6. Home
 
FROWNING
(22.05-22.52)
1. Marche Funebre
2. Encumbered By Vermin
3. A Way Into Relief
4. Murdered By Grief
 
OPHIS
(23.25-0.32)
1. Carne Noir
2. Resurrectum
3. Counting the Bricks
4. Godforsaken
5. Dysmelian