DUTCH DOOM DAYS XVI
 
CLOUDS, SATURNUS, HOODED PRIEST, LONE WANDERER, DEATH THE LEVELLER, ABIGAIL, GODENBLOED
NL-Rotterdam, Baroeg - 29. Oktober 2017
Sonntag, 29. Oktober (2. Tag)
 
Weil in der Nacht die Zeiger von der 3 auf die 2 zurück rückten, wurde uns eine Stunde Schlaf geschenkt. Trotzdem verlief die Nacht ziemlich unruhig. Denn als sich die Uhren auf Winter umstellten, rüttelte ein heranziehender Sturm derart kräftig an unsrem Hotel, daß ich zwischen zwei und drei Uhr wach lag. Organisator Pim hatte gut, aber wenig geruht: Seine Nacht endete um fünf in der Früh. Verdammt Schwein hatten unterdes die Berliner von Albez Duz und Urza, die sich für eine Rückreise im Flieger entschieden, und so den von Sturm »Herwart« lahmgelegten Eisenbahnstrecken durch Norddeutschland entgingen. Ebenso wenig beirrt zeigte sich Doomchild Vitus Frank, der am Vortag aus elf großen und einem kleinen Bierbecher (4,6 Liter) eine lange Stange zusammengesteckt hatte. Schließlich lebt man nur einmal...
GODENBLOED (deutsch: Blut der Götter) hatten das Pech, die zweite Seance zur lichthellen Mittagszeit eröffnen zu müssen. Doch auf Godenbloed war ich besonders heiß. Ab 13 Uhr 30 wehte Weihrauch übers Geviert... Godenbloed waren eine der Gruppen, die kaum einer kannte und die sich als Kanonenfutter opfern sollten. So waren Lars, Chris, Dennis und Mark mit einem Kästchen Demos und ohne jede Erwartung aus dem hundert Kilometer entfernten Eindhoven losgezogen, um mal zu gucken, ob sich jemand für sie interessiert. Zwei Dutzend tummelten sich im Baroeg. Auch der langhaarige Junge, der gestern bei allen sieben Gruppen ohne Rücksicht auf Verluste durchgebangt hatte, stand schon wieder im ersten Sturm. Heute hatte er bei Godenbloed eine Gesellschaft... Allein die Optik war eine Wucht. Von der Decke spendeten weiße Strahlenbündel das einzige Licht auf der tintenschwarzen Bühne. In deren Kegel: die vier gestandenen Männer. Der Fronter steckte unter einer Kapuze, auf seiner Brust hing ein Thorshammer. Flankiert wurde er von seinen ruhig ihre Stellung haltenden Gefährten. Alle standen in einem kultischen Geruch aus Weihrauch. Und so brach der Sturm los. Welch brachiale Klangwand donnerte da vom Podium runter. Die göttlichen Barathrum erfuhren ihre Reinkarnation, Ophis kehrten zurück zu ihren vergessenen Wurzeln; die Finsternis des Black Metal krachte auf die Schwere des Doom und einen Schlag Postmetal, metallische Gitarrenwände kopulierten mit heiseren Keiflauten. Mit gedrosselter Geschwindigkeit kämpfte sich das Rudel durch sechs Lieder, von »Het Valse Licht« bis hin zu »Het Dodenwoud«. Am Ende lagen sich alle im Arm. Godenbloed waren nicht nur irre faszinierend, sie waren ungekünstelt, 100 Prozent echt. Godenbloed waren die Schwärzesten, die Radikalsten, die Brutalsten. Und die stillen Helden der sechzehnten Dutch Doom Days!
Für die weitgereisten ABIGAIL begann alles holprig. Erst mußten die Rumänen ihre Klangprobe wegen der offenen Entladetür zum Konzertraum mehrmals unterbrechen (der Lärmschutz, so empfindlich waren die hier...); dann schien ihr langhaariger Sänger Mihu in Eitelkeit zu ersterben... Doch er hatte mehr Tiefgang als gedacht! Zum Ende der dritten Nachmittagsstunde wurde alles gut. Die Truppe aus Bukarest kam mit einem großen, bumsenden Bass; sie verzauberte uns mit atmosphärischem Death Doom und einem Hauch Gothic; die Akteure waren warmblütig bis auf die Knochen, und ihre Vorstellung lebendig, kräftig und eindringlich. Dead Body von den Clouds fügte sich als Ersatz hinter den Trommeln wunderbar ein. Doch was wären die sechzehnten Doomtage ohne eine weitere Tragödie? Auch Abigail hatten eine erfahren: Beim Konzert von Goodbye To Gravity im Bukarester Klub »Colectiv«, waren 64 Besucher im Feuer verbrannt, darunter Freunde der Band. Die pechschwarze Parabel »This Is the Night I Fear« erzählte die Geschichte dazu. Allein die war der lodernde Wahnsinn.
Punkt 15 Uhr 42 lüftete sich das nächste Geheimnis der Doomtage: DEATH THE LEVELLER traten auf! Jedoch ohne ihren Schlagzeuger, dessen Vater in der Nacht gestorben war. Für die restlichen drei aus Dublin gab es jedoch »keinen Weg, außer hier zu spielen«. Das Soundcheckteam hatte über Nacht alles dafür gegeben und Shane Cahill durch eine Maschine ersetzt. Death The Leveller waren die Nachfolger der aufgelösten Mael Mórdha. Von den kultigen Gaelic-Doom-Metallern waren mit Gerry Clince und Dave Murphy die beiden Saitenmänner vor Ort, Trommler Cahill fehlte wegen seinem Vater, Sänger De Roiste wurde durch Denis Dowling abgelöst. Doch das Entscheidende: Statt Folk Metal auf Gälisch und im keltischen Kriegsgewand erlebten wir puren, unmaskierten Doom Metal mit einer (in meinen Augen) etwas zu schrillen Liedstimme und zu viel Theatralik. Der Einsatz des Drumcomputers führte dazu, daß die Akteure sehr technisch agieren mußten, und die Performanz insgesamt seltsam steril wirkte. Nichtsdestotrotz verbeugte sich der Frontmann vorm Schlagzeug, hinter dem niemand saß, um einen händefaltenden Gruß in die Heimat zu senden. Nach der Schau war der Gitarrist von aller Welt verlassen als stilles, tiefes Wasser neben der Bar zu sehen. Sein Blick ging starr ins Leere Richtung Fernsehschirm, auf dem ein Autorennen lief...
Stirb langsam, Kapitel zwei: Mit dem Kommando Schotten, Elster, Brooker und Zeblin alias LONE WANDERER zeigte sich ein weiterer Funeral-Doom-Zug aus Deutschland bei den Doomtagen der Niederlande. Die Akteure waren jünger, sie waren die Youngster des Festivals, sie kamen aus dem Südwesten des Landes (Freiburg im Breisgau), sie waren optisch diffuser und klanglich schleppender, fahler, depressiver, fast zu schüchtern für´s Metier. Während Urza in den Spuren der bleiernen Thergotton wandelten, schlichen Lone Wanderer eher in den Pfaden der sinfonischen Skepticism. Doch mit einem echten Trommler (der zurzeit in Dresden lebt) ergab sich auch gleich ein ganz anderes Klangbild als zuvor. Hinter Lone Wanderer steckte zugleich die Veranstaltergruppierung des »Doom Over Freiburg«. Lone Wanderer waren auf Tour und sie hatten einen »good trip so far«. Der sollte sich fortsetzen, und durch den viertelstündigen Namensgeber ihres Erstwerks »The Majesty of Loss« gekrönt werden. Lone Wanderer standen noch am Anfang ihres Weges...
Nachdem sich Luther Finlay Veldmark in grauer Vorzeit schon mal unter HOODED PRIEST bei Hollands Doomspielen die Ehre gab, und er vor zwei Jahren für Chiles King Heavy hinterm Mikro stand, durften wir den schlohweißen Absonderling aus Flandern heute wieder als Frontmann seiner niederländischen Hauptgruppe erleben. Gängiger Doom Metal stand auf dem Programm, so wie wir ihn kannten. Obskurer, kauziger, schauriger Stoff aus Benelux, der in erster Linie durch die unheimlichen, stringenten Gesten und Mienen seines Frontmanns schockte. Neben seiner übergestülpten Mönchskapuze trug der Priester heute auch eine Sense zur Schau. Vorstellungen von Hooded Priest trugen immer eine sehr persönliche Note. Untergrundiger ging es überhaupt nicht!
Aus unerfindlichem Grund hatten Dänemarks SATURNUS ihre Rolle als Hauptfiguren an die Clouds abgetreten. Womöglich weil Clouds die von Holländern final so geliebte pompöse Musik lieferten. Knapp anderthalb Stunden Death Doom pickepackevoller schwerer Gitarren, epischer Melodien und gegrunztem Gesang folgten. Wie ihre skandinavischen Gesinnungsgenossen In The Woods... am Vortag, waren auch Saturnus ein Fossil aus den frühen Neunzigern. Auch Saturnus huldigten einst dem Death Metal, und mit Sänger Thomas A.G. Jensen und Bassist Brian Hansen hatten die vier sogar ihre beiden Gründungsmitglieder aus dem Jahr 1991 dabei. Damit war Saturnus die Zuneigung des Baroeg gewiß. Der Saal barst vor tanzenden und headbangenden Doom-Junkies. Ich selbst verfolgte die Schau von der Bar aus. Da das niederländische Zauberelixier zum Schluß hin immer stärker strömte, sind tiefere Erinnerungen leider getrübt.
»Von Wolken her schweb´ ich herab, mit dem Schirm, und ich mach´ niemals schlapp...«: Arthur der Engel hatte es in einer Zeit, in der die meisten noch nicht geboren waren, vorgemacht, und war als ungarische Zeichentrickfigur von Petrus vom Himmel zurück auf die Erde geschickt worden, um Menschen zu helfen. Das heutige Kollektiv CLOUDS kam nicht aus den Wolken - es bestand aus acht geheimen Internationalen mit Sitz in London. Und deren Mission war es, an Menschen zu erinnern, die wir einst liebten, die aber nun nicht mehr unter uns sind. Mit ihren Platten 'Doliu', 'Departe' und 'Destin', und einem Arsenal an Gitarren nebst Violine, spielten Clouds atmosphärischen Death Doom mit Nineties-Flair. Oder auch: eine Metalsonate mit Zuckerguß, etwas Ewigliches zum Entspannen. Clouds Vorstellung fand ihren Höhepunkt, als Pim von Officium Triste im Mittelteil für das Lied »Driftwood« ins Licht trat, und von einem neuen Leben an einem besseren Ort sang. Seine Stimme ist alt geworden...
 
Als wir uns um zehn auf den Weg vom Baroeg über goldgelbes Herbstlaub hin zur Tramhalte Paasweide machten, begann es zu regnen...
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
GODENBLOED
(13.30-14.12)
1. Het False Licht
2. Oordeel
3. Eeuwige Weemoed
4. Grote Lijder
5. Overwoekering
6. Het Dodenwoud
 
ABIGAIL
(14.44-15.24)
1. Astral Sleep
2. Sweet Cruelty
3. AugustSeptemberOctoberNovember
4. & 5. Respir & It Is the Night I Fear
6. Voyage Within
 
DEATH THE LEVELLER
(15.42-16.23)
unbekannt
 
LONE WANDERER
(16.50-17.33)
Drei Titel vom Album, darunter:
3. The Majesty of Loss
 
HOODED PRIEST
(18.09-18.56)
1. Call for the Hearse
2. Alibi
3. Locust Reaper
4. These Skies must Break
5. 8 'O Clock Witch
6. Devil Worship Reckoning
 
SATURNUS
(19.30-20.55)
1. Litany of Rain
2. I Love Thee
3. Wind Torn
4. Empty Handed
5. In Flame Thy Heart
6. Forest of Insomnia
7. Murky Waters
8. Thorns
9. I Long
******
10. Christ Goodbye
 
CLOUDS
(21.16-22.26[?])
Driftwood
Rest unbekannt
Epilog
 
Montag, 30. Oktober
 
Trotz eines merklichen Niedergangs im zweiten Teil hatten wir eine erneut wunderbare Zeit in Rotterdam. Die Organisation blieb dem Erfolgskonzept der Vergangenheit treu. Die Kombination aus altgedienten Legenden und frischen Himmelsstürmern gelang erneut prächtig, auch dank der perfekten Ton- und Lichttechnik. Gräfin Peanut und der Berichterstatter hatten Glück, daß der große Sturm »Herwart« die Mitte der Niederlande und Deutschlands verschonte. Während die Schienen zwischen Hamburg und Kassel gesperrt waren, erreichten wir diesmal ohne Schwierigkeiten pünktlich das Doomizil in Frankfurt am Main.
 
Tot ziens in Rotterdoom 2018!
 
 
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Text und Bilder: ((((((Heiliger Vitus)))))), 3. November 2017