HAMMER OF DOOM XII
 
WARNING, LUCIFER´S FRIEND, PROCESSION, WITCHWOOD, THE TEMPLE
D-Würzburg, Posthalle - 17. November 2017
Prolog
 
Wenn draußen die Blätter gefallen und viele Festivals gefeiert sind, wenn die Erinnerungen daran noch immer im Kopf stürmen (für den Verfasser besonders die aus den »Dutch Doom Days«), dann ruft auf dem Gipfel schon wieder der »Hammer Of Doom« nach Würzburg. Traditionell kreuzen oder enden im Frankenland die verschiedensten Touren und Trosse kreuz und quer über Europa. Manche mit bekannten Gesichtern unter neuem Namen, manche mit Akteuren frisch und voller Energie, andere auf der Suche nach der schönen alten Zeit (oder auf Sinnsuche überhaupt), manche am Ende ihrer Kraft, und wieder andere, die noch vor dem Aufbruch starben. Mit Warning, Procession, Time Lord, Count Raven, The Vision Bleak, Crippled Black Phoenix, Naevus und Below hatten Frau Peanut und ich acht der vierzehn Gruppen des diesjährigen »Hammer« schon mal erlebt, manche mehrmals und mit unterschiedlichen Erinnerungen. Aber der Hammer Of Doom ist mittlerweile auch ein fester Bestand unserer jährlichen Agenda... Der Eintritt kostete unverändert siebzig Euro (wobei Besucher des Vorjahrs als Trost für die Absage von Saint Vitus gegen Vorlage des alten Tickets eine um zehn Euro ermäßigte Version bekamen). Anja war die Frau vor Ort, die mir mit einem fluoreszierenden Armbändchen erneut den Weg in den Bühnengraben ebnete.
 
Freitag, 17. November (1. Tag)
 
Trübes Wetter und der mit kaltem Wind vor der Tür stehende Winter waren ideale Umstände für ein doomiges Metalereignis. Am Freitag fanden sich über 1200 Personen zwischen sechzehn und sechsundsechzig unterm Sägezahndach der Würzburger Posthalle ein, am Sonnabend sollen es zirka 1600 gewesen sein. Damit war das Venue erstmals klaustrophobisch überfüllt, und obendrein auch noch kräftig beheizt. Sodaß sich viele zu warm gekleidet hatten und sich nach der endlosen Schlange am Einlaß auch eine vor der Garderobe bildete. Viele Leute kannte man vom Sehen. Mit gefühlt fünfzig hatte ich schon mal gequatscht respektive im Lärm Worte einander ins Ohr geschrien. Neben Mitgliedern von Petrified (Sachsen) und Forsaken (Malta), war wie immer die nordhessische Clique um Carsten und den Grauen da, dazu El Hulle mit ein paar Jungen aus Hamburg, Hannes aus der Schweiz, Jürgen von Doom Over Vienna, Schreiber von Rockstage Riot Rheinmain, der nach Deutschland zurückgekehrte Wahl-Schotte Low-Key Lylesmith, und auch Frau Malin konnte sich extra für Lucifer´s Friend für eine Nacht von ihrer neuen Musikbar in Offenbach loseisen. Persönliche Gesellschaft leisteten uns wiederum der Schwabe Kishde und unser alter Doomkumpan Micha aus der Magdeburger Börde, der als Leibgarde seinen Neffen mitbrachte - den wir wiederum vom »Doom Shall Rise« 2005 kannten.
Die Männer von THE TEMPLE eröffneten den Abend. Obwohl 2005 gegründet, war die aus Saloniki stammende Gruppe hierzulande völlig unbekannt. Father Alex, Felipe, Stefanos und Paul machten kargen, aber äußerst tiefgründelnden Epic Doom, der an Koryphäen wie Mirror of Deception oder die alten Pallbearer erinnerte. Auf dem Albumdebüt 'Forevermourn' leidet sich Father Alex mit glockenreiner Stimme durch innere Qualen, Trauer und Tod. In ihrer Aufmachung zwar fürchterlich undoomig und auch körperlich ziemlich versteinert, wirkte zumindest die Performanz der Hellenen ehrlich bis auf die Knochen. Final waren sie eine grandiose neue Entdeckung für jeden Addikt des traditionellen Stoffs. Und The Temple sollten auch - wie von mir befürchtet - die einzigen lupenreinen Doomer des gesamten Festivals bleiben. Zumindest meine Adjutantin und ich hatten sie sofort ins Herz geschlossen. Frl. Peanut erstand im Anschluß zwei Oberteile und den letzten unbeschädigten Silberling (der Rest hatte auf der langen Reise gelitten).
Als nächste war die italienische Karawane von WITCHWOOD an der Reihe. Diese war noch sehr neu, sie bestand aus sechs Leuten mit langen Haaren, Bärten und den Spitznamen Ricky, Woody, Celo, Steve, Sam und Andy, und sie stand in der Tradition der italienischen Retro-Szene mit solchen Gruppen wie Black Hole, Sacrilege oder Death SS. Jene klangen sehr obskur und das galt auch für Witchwwod. Ihr Album 'Litanies From The Woods' bestand aus zehn Titeln und war eine Mixtur aus Prog, Psych und Hardrock. Das Ganze war mit Gitarren, Orgeln, Flöten, Mandolinen, Perkussionen, Trommeln, heller Stimme und pickepackevollem Siebziger-Fluidum vorgetragen. Witchwood waren allein schon wegen ihrer Herkunft nicht gänzlich unsympathisch, aber leider auch etwas einlullend.
Mit ihrer neuerlichen Schau in Würzburg stilisierte sich die chilenisch-schwedisch-dänische Gesellschaft PROCESSION zur Haus- und Hofkapelle des Hammer Of Doom empor. Diesmal stand sie mit ihrem brandaktuellen, dritten Langeisen - 'Doom Decimation' - vor uns. Und nun ging der Blick auch unverhohlen (!) und mehr denn je nach höheren Weihen, sprich herkömmlichen Stahlgefilden. Procession lieferten epischen Kraftmetall mit antireligiösen Inhalten, Pest, Tod und Verzweiflung. Mit ihren wirbelnden Mähnen, finsteren Augen und heroisch gereckten Fäusten, wußte die Crew um Felipe Plaza Kutzbach die Fans ein ums andere Mal mitzureißen. Bei aller testosterongesteuerter Aktion und dem größten Gemenge vorm Geviert blieb nur ein echtes Doom-Metal-Lied. Ganz am Ende ihrer Dreiviertelstunde erinnerten sich Plaza und Neira ihrer Wurzeln und retteten den Auftritt mit dem emotional aufgeladenen Zehnminüter »Chants of the Nameless« wenigstens halbwegs. Wie gut wären Procession, würden sie sich wieder auf Doom besinnen. Aber Doom ließ sich nie vermarkten...
Fünf alte Männer mit grauem Haar, schwarzer Kluft, Mikro, Gitarren, Schlagzeug und gewaltigem Elektroklavier: Das waren LUCIFER´S FRIEND aus Hamburg und London. Die 1969 als Asterix formierte Truppe, die von ex-Uriah Heep und ex-Les Humphrey Singers-Vokalist John Lawton gefrontet wurde, beehrte den »Hammer« mit Prog, AOR und Hardrock. Der Vollständigkeit wegen, und da sie öfter wechseln - die Namen der Mitglieder: Lawton, Hesslein, Horns, Wichmann und Eggert.
Headliner des Abends waren Englands WARNING. Nach seinem Singer-Songwriter-Seelenstriptease mit 40 Watt Sun vor zwei Jahren an selber Stelle, gefolgt vom Platten-Desaster 'Wider Than The Sky', war Bandleader Patrick Walker zu seiner verflossenen Liebe zurückgekehrt. Mit ein paar bewußt rar gewählten Reunions-Auftritten wollte er die Herzen seiner alten Anhänger zurückgewinnen. Das einst abgöttisch verehrte Doom-Metal-Trio Warning bestand diesmal neben Walker und seinem langjährigen Bassisten Marcus Hatfield, aus Wayne Taylor an der zweiten Gitarre sowie Trommler Andrew Prestidge. Die Idee, sich der Vergangenheit mit einem Album zu nähern, das elf Jahr auf dem Buckel hat, und sich dabei von zwei Unbekannten begleiten zu lassen, erwies sich oberflächlich betrachtet als gelungen. Blickt man tiefer, dreht sich der immergleiche Stoff von 'Watching From a Distance' jedoch im Kreise; ist man gelangweilt von so viel Liebeskummer und Larmoyanz. Nie wieder werden Warning so harsch und doomig sein wie auf den Demos 'Revelation Looms' und 'Blessed By The Sabbath', nie wieder so suizidal wie auf 'The Strength To Dream' (alles Ende der Neunziger); nie wieder so echt wie als Langhaarige beim Doom Shall Rise 2005. Warning 2017 waren der Versuch, einer alten Beziehungskiste zu entfliehen. Nur ein Versuch!
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
THE TEMPLE
(18.00-18.45)
unbekannt
 
WITCHWOOD
(19.00-19.45)
unbekannt
 
PROCESSION
(20.00-20.45)
1. The Warning
2. When Döömsday Has Come
3. Raven of Disease
4. All Descending Suns
5. Tö Reap Heavens Apart
6. Lönely Are the Way of the Stranger
7. Chants of the Nameless
 
LUCIFER´S FRIEND
(21.05-22.20)
1. Pray
2. Fire and Rain
3. In the Time of Job
4. Demolition Man
5. Keep Goin'
6. Hey Driver
7. Riding High
8. Moonshine Rider
9. Burning Ships
10. Ride the Sky
******
11. Rock 'n' Roll Singer
12. High Flying Lady - Goodbye
 
WARNING
(22.40-23.55)
1. Watching From a Distance
2. Footprints
3. Bridges
4. Faces
5. Echoes
Drei Freunde
Da sich die am Hallenausgang postierte AFTERSHOWPARTY dieses Jahr zu Beginn in bombastischem Power Metal erging, erfolgte unser Aufbruch schon kurz nach Mitternacht. Micha und Steffen begleiteten Frl. Peanut und mich über die Kaiserstraße in Richtung Altstadt. Am nächsten Tag sollten wir erfahren, daß ein weiblicher Besucher im Anschluß ans Konzert in einem Tobsuchtsanfall auf dem Bahnhofsvorplatz einen Polizeieinsatz mit fünf Beamten ausgelöst hat. Aber auch die Clubnacht im »Ludwig« direkt vor der eigenen Unterkunft lief gewaltig aus dem Ruder. Spätnachts blinkte Blaulicht durchs Fenster. Darunter stand eine halbe Hundertschaft Diskogänger, mitten auf der Straße - wie ein Leichentuch - ein blutverschmiertes Laken. Wochenenden in Würzburg waren schon immer heftig.
 
 
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Text und Bilder: Heiliger Vitus, 21. November 2017