EARTH, PRETTY LIGHTNING
D-Wiesbaden, Schlachthof (Räucherkammer) - 7. August 2014
(((O))) Nach dem Fiasko 2012, als Earth einschläfernden Americana spielten, wollten wir die Entdecker des Drone Dooms eigentlich nie wieder sehen. Nach einem erneuten gesundheitlichen Absturz von Dylan Carlson und aktuellen Filmen im Cyberkosmos, schienen Earth sich an ihre Wurzeln zu erinnern. Ein weiterer Antrieb waren die Eintrittskarten inklusive Kulturticket, das zur Hin- und Rückfahrt in allen Bussen und Bahnen des Rhein-Main-Verbunds berechtigte. Allein die Fahrt von der Wetterau nach Wiesbaden war teurer als der Eintritt von 15 Euro! So kam es, daß Frau P. und ich einen weiteren Ausflug in die Stadt am Rhein unternahmen. Dort mußten wir uns erstmal die Augen reiben. Vom Gelände des ehemaligen Schlachthofs hatten nur die Halle mit der Räucherkammer und der Wasserturm überlebt. Und jene waren von Betonklötzen und Bürohäusern umzingelt. Auch der Konzertraum hatte sich gentrifiziert. Von Mauern und Türen prangten stark politisierte Aufkleber und Krakeleien: Ein Anblick von dem sich manche genervt fühlten. Daß der Schlachter-Gänger gegen Diskriminierung, Sexismus, Rassismus, Antisemitismus und Homophobie ist, versteht sich von selbst. Ziemlich unpassend auch, daß die Legende aus Seattle vor einem durchgestrichenen Kreuzsymbol auftreten mußte. Etwa 150 Personen hatten sich an jenem Hundstag in Wiesbaden eingefunden, um in der Räucherkammer in den eigenen Körperflüssigkeiten zu stehen. Mitten im Fack-ju-Gerammel fand sich auch Maxim E. mit einer Freundin aus dem Umfeld von Ephemerol.
Kurz nach neun ging´s los. Pünktlich! Mit ihren Hüten, Kappen, langen Haaren, Bärten, scheuen Blicken und seltsamen Holzinstrumenten sahen PRETTY LIGHTNING wie eine ländliche Glaubensgemeinschaft aus dem Wilden Westen Amerikas aus. Aber Berghoff und Haas kamen aus Saarbrücken, und zelebrierten eine Mixtur zwischen spirituellem Tantra und psychedelischem Blues. Wuchtige, erdige Trommeln, Rumbakugeln, Schellenrasseln, ein Klangstab, eine abgewetzte Laute und eine knackige Elektrogitarre verschmolzen zu einem äußerst organischen und hypnotischen Gewittersturm - mit dem Manko einer viel zu hellen Singstimme, fast schon wie Tenor. Jemand äußerte: »Der hört sich an wie eine Frau.« Ansonsten gingen Pretty Lightning als verspielte Variante von Beehoover durch. Und das kann als Kompliment verstanden werden! »We´d Rather Be Some Criminals« beendete den Auftritt nach 37 Minuten.
Er ist wohl einer der eigenwilligsten, kaputtesten und bizarrsten Musiker der Gegenwart. Mit eitlem Scheitel, zerzaustem Bart, rostigem Buckel, Rainbow-Weste, einer Pulle brauner Brause und Angst vor Licht, hatte Dylan Carlson heute zur Abwechslung nur zwei Leute mit im Bunde. Don McGreevy, blond, blauäugig, Sixpack, eher der Typ Frauenschwarm am Bass. Dazu mit Adrienne Davies dieselbe Blondine hinterm Schlagzeug wie vor zwei Jahren, die nun zugleich die halb so alte Geliebte des verwitterten Meisters ist. Carlson ist ein ausgebrannter Egomane, doch er gibt nicht auf. »No blitz! No flash! (Because of medical reasons.)« Die hypochondrische Warnung zu Beginn war die gleiche wie damals am selben Ort. Nur daß der Meister sich mit einem Tritt auf den Mikroständer postwendend um ein Haar selbst ausgeknockt hätte. Mit »Badgers Base« und »Even Hell Has It´s Heroes« fing danach alles ganz achtbar an. Nach ihrem radikalen Bruch mit dem Drone und dem anschließenden Folklorepop schlugen EARTH wieder doomigere Töne an. Starken Anteil an der Sogkraft hatten heute die mulmige Atmo, die spärliche Beleuchtung und der fast quälerisch-entspannt ausufernde Klangwall, in dem zugleich etwas unterschwellig Bedrohliches mitschwang. Die zeitlupenhaften Earth im Verbund mit einem geistigen Getränk erzeugten einen traumartigen Schwebezustand. Denn weh taten Earth auch diesmal nicht. Echter Doom war es nicht, eher eine durch Gitarrenonanie erzeugte Klangcollage. Nicht zuletzt lag das an Miss Davies. Mit ihren Rundungen macht sie vielleicht Carlson verrückt, das Trommeln sollte sie aber besser lassen. Bemerkenswert war das Durchhaltevermögen über 103 Minuten. Der Postrocker »Rooks Across the Gate« besiegelte den Abend. Earth waren dunkler als zuletzt, aber das ersehnte Erdbeben lösten sie nicht aus.
 
 

Text und Bilder: ((((((Heiliger Vitus)))))), 11. August 2014
ABSPIELLISTE EARTH
(22.04-23.47)
1. Badgers Bane
2. Even Hell Has Its Heroes
3. Old Black
4. There Is A Serpent Coming
5. The Bees Made Honey in the Lion´s Skull
6. From the Zodiacal Light
7. Torn by the Fox of the Crescent Moon
8. Ouroboros is Broken
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9. Rooks Across the Gate