PENTAGRAM, MOUNTAIN WITCH
D-Wiesbaden, Schlachthof - 4. September 2014
Nach Earth gab sich mit Pentagram binnen vier Wochen ein weiteres Fossil des US-Doom im Wiesbadener Schlachter die Ehre. Anders als Carlson und Gefolge war die Gruppe aus Virginia aber eine persönliche Fehde. Mit Liebling & Co. kann ich einfach nichts anfangen... Der Legendenstatus, der faktisch einzige und letzte Headliner-Auftritt in unserem Land, der günstige Eintritt (15 Euro einschließlich Bahnfahrt!), und die Antenne meiner Adjutantin für diesen Sound, bewog uns zu einem neuerlichen Ausflug in den Rheingau. Dort wurde das Konzert wegen der großen Zusagenzahl in den Social-Media-Kanälen und der zuletzt starken Abendkasse vom Klub „Räucherkammer“ in die mit einem Vorhang geteilte Halle verlegt. Jener „Salon“ war wie ein Festzelt aufgemacht. Das Bier wurde in Glashumpen ausgeschänkt, ein Teil der Halle war mit Biertischen- und Bänken ausgestattet. In dem Winkel ließ es sich unbedrängt wegschießen, während man sich im Keller in einem weitläufigen Luxusklo verwirrte. Aber leider reichte selbst der Salon nicht aus: Der Notbehelf quoll mit vierhundert Besuchern über. Wegen der niedrigen Bühne konnten die hinteren Reihen nur die Köpfe der Musiker sehen.
„Guten Abend, wir sind MOUNTAIN WITCH aus Hamburg.“ Ein weitgehend unbekannter Dreizack ebenete mit seinem Langeisen namens 'Cold River' Pentagram ab 21.05 Uhr den Weg. Trommler und Vokalist Roggmann und Gitarrist und Vokalist Sitte trugen lange Haare, Bärte und abgewetzte Klamotten, und wurden heute durch den schwer tätowierten Knopp von den Punkrockern Turbostaat am Bass verstärkt. Man spielte Heavy Rock, der mit instrumentalem Stoner Doom versetzt war. Das tönte schwer und düster, aber auch plakativ und distanziert. Allzu abgedroschen waren die Lieder, die Performanz aus der untersten Kajüte, und als dann auch noch schamlos bei Black Sabbath und Purple abgekupfert wurde, setzte es sogar Pfiffe. Einzig ein Mädel vollführte einen wilden Hippietanz. Ohne zu ätzen: Heute abend war das Trio aus Hamburg so platt wie Deutschlands hoher Norden und ging letztlich als Kanonenfutter für Pentagram unter.
Das Zusammentreffen mit PENTAGRAM in Wiesbaden war für mich in mehrfacher Sicht aus der Zeit gefallen. Als Pentagram sich 1971 gründeten, lebte ich noch als Pimpf im Tal der Ahnungslosen. Und als Glubschaugenmonster Robert Liebling erstmals in den Knast wanderte, erstand ich gerade die erste Platte der Puhdys. Und streng genommen war Bobby schon im Keller von Mama und Papa vermodert - bis ihn ein Groupie und sein „Manager“ auf den letzten Drücker aus den Fängen von Kokain, Heroin, Crack, Xanax und Methadon befreiten. Geschätzte vierzig Kilo verteilt auf Einsfünfzig, struppige, schlohweiße Mähne, irre aufgerissene Augen, Krummnase, unfreiwillig groteske Bewegungen, absurde Grimassen: Liebling glich einer Kreuzung aus Catweazl, Tattergreis und Vogelscheuche. Heute versuchte es der Sechzigjährige im schwarz-roten Ringelpulli - skelettiert dürr zwar, aber exhumiert und verflucht lebendig. Ganz im Gegensatz zu seinen Mitstreitern: Gitarrist Victor Griffin - neben Pentagram bei Death Row und Place of Skulls selbst eine prägende Figur des Doom - wirkte wie nicht richtig bei der Sache; während die Glatzen Greg Turley (Griffins Neffe) und Sean Saley gewieft Dienst taten. Die Performanz war steif: Abgehalfterte Veteranen stolperten durch eine Schau, die gern legendär gewesen wäre, aber oft nur lau und leidenschaftslos war. Die ganze Stimmung war weder „doomig“ noch „metallisch“, sondern abgewichst und leicht zu erahnen. Kennste einen Bobby, kennste alle. Böse Zungen würden die Vorstellung „Lagerfeuerdoom“ nennen. Für mich war´s eine finstere Marter voller Langeweile. Eine weitere Auszeit in Wiesbaden: Mehr war es nicht. Aber es bleiben auch andere Fakten: Pentagram waren (und sind) Blaupause für ungezählte Nachfahren, sie trotzen dem Wandel der Zeit und haben einen Wicht, der einfach klasse singen kann! Mit „Too Late“ hatte die Nostalgie- und Kitsch-Orgie begonnen, und nach zwei Zugaben war sie nach 66 Minuten schon wieder zu Ende. Die größten Hits waren natürlich auch drin: „All Your Sins“, „Forever My Queen“, „Be Forewarned“...
 
Tags darauf lief im Kino die Liebling-Dokumentation „Last Days Here“.
 
 

Text und Bilder: Heiliger Vitus, 8. September 2014
.:: ABSPIELLISTE PENTAGRAM ::.
(22.20-23.26)
 
1. Too Late
2. All Your Sins
3. Sign of the Wolf (Pentagram)
4. Sinister
5. Forever My Queen
6. Review Your Choices
7. Maybe I've Got Tears In My Eyes
8. Frustration
9. When the Screams Come
10. Call the Man
11. Relentless
12. Nothing Left
13. Broken Vows
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14. Be Forewarned
15. 20 Buck Spin