GOD IS AN ASTRONAUT
D-Frankfurt am Main, Zoom - 12. Oktober 2015
God Is An Astronaut existieren seit 2002. Damit zählt die Gruppe aus dem ostirischen Küstenort Glen of the Downs zur Alten Garde im Postrock. Grund genug, seit Ewigkeiten einen Ausflug in die Frankfurter Innenstadt zu wagen. Und dies seit einer Ewigkeit mit klaren Sinnen. Denn in zwei Wochen war für mich Frankfurt-Marathon! - „Zieht euch warm an“ lautete die Devise am heutigen Montag. Eisiger Ostwind blies ins Land; die Tage waren abrupt kurz geworden. Der junge Oktober fühlte sich nach Winter an. Bei unserer Ankunft kurz vor neun gab sich der Moloch am Main entmenscht und in tintenschwarzer Dunkelheit. Nur die Punker auf der Einkaufsmeile Zeil ließen sich nicht beirren, und feierten auf nacktem Pflaster unter Kutten mit Sprüchen wie „Arbeit ist scheiße“ in einer Art Anachonismus ihr Erdendasein. Völlig aus der Zeit gefallen war nunmehr auch das Gebäude mit dem „Zoom“ im Obergeschoß. Denn es ist die Brönnerstraße, die als letzter Straßenzug der Gründerzeit den Abrißbirnen und Konsumkästen ringsum trotzt. Draußen wurden die letzten Kippen gequalmt. Man hatte Glück: Die veröffentlichten 21 Uhr bedeuteten nicht den Einlaß, sondern den Anfang des Konzerts! Knapp zweihundert Leute füllten den Raum im ersten Stock zur Hälfte auf. Dazu kam ein Dutzend Personal: Einlaßdienst, Kasse, Garderoben - und Thekenkräfte, Ton- und Lichttechnik, Saalschutz (darunter auch ein Stinkstiefel). Es war alles durchorganisiert, aber mit 22 Euro hatte der Abend auch seinen Preis...
Gitarrist und Vokalist Torsten Kinsella, sein Zwilligsbruder Niels am Baß, dazu Keyboarder, Gitarrist und Vokalist Jamie Dean, sowie Tourtrommler Stephen Whelan, ließen uns eine Viertelstunde vor der unter diffusem, milchigem Dunst und farbigen Strahlern liegenden Bühne warten - um ausgerechnet mit ihrem schwächsten Stück zu beginnen. Der rein instrumentale „Snowfall“ ließ nichts Großes erwarten, er rieselte weich durch den Äther, paßte jedoch zur Witterung - und sollte nur die Ruhe vorm Sturm sein. Denn es folgte Funkenschlag um Funkenschlag. GOD IS AN ASTRONAUT waren wohltuend metallisch ausgerichtet. Im Grunde zelebrierten die Iren keinen Post-Rock sondern Post-Metal. Sie hatten Elektronik aufgefahren, ja, aber nur für den Hintergrund. Ein Gewitter aus drei knallharten, und zugleich organisch dunklen Gitarren, dominierte das Universum! Dazu kamen zwei berührende, helle Singstimmen, die zuweilen auch verloren verhallten. Jedes der vierzehn Lieder folgte dabei der gleichen Art. Sie begannen atmosphärisch, wie mystisch wallender Nebel, und wuchsen früher oder später zu harschen, alles zerdrückenden Malmern, allen voran das mit „Los geht´s!“ angesagte „Worlds in Collision“, „From Dust to the Beyond“ und „Pig Powder“. Dabei gaben sich die Protagonisten weder stiltypisch introvertiert, noch tiefgründelnd mundverklebt, und sie wiegten sich auch nicht entrückt wie Halme im Wind. Oh, nein: God Is An Astronaut bevorzugten das Körperliche, bogen sich manisch und warfen entfesselt ihre Schädel (mal mit offenem Schopf, mal mit kreativem Pferdeschwanz). Daß die Iren grundehrlich wie Kumpeltypen rüberkamen: dafür sorgten nicht zuletzt ihre Ansagen auf Deutsch (alle drei an der Front redeten unsere Sprache!), sowie das sensible Bekenntnis ihres Frontmanns Torsten, das seine „Mutter halb Deutsche“ ist. Der erwartete Bilderrausch aus Lichteffekten und selbstproduzierten Filmchen blieb aus. Dafür gab´s umso mehr Groove und Herz, wie etwa durch „Für immer verliert“. Und obgleich die ganz große Supernova im geduckten „Zoom“ nicht zustande kam: es fiel auch kein einziges Teil in schwarze Löcher. Der Nachklapp geriet zu einem Kuriosum. Da sie mangels Hinterzimmer nicht verschwinden konnten, kehrten die vier zur Wahrung der Illusion dem Publikum einfach kurz den Rücken - um gleich danach in die Verlängerung einzusteigen. Nachdem einer die Masse mit erhobenen Armen abgelichtet hatte, folgten „Route 666“ und das finstere „Suicide by Star“. Nach anderthalb Stunden endete der Gig. God Is An Astronaut - wow!!!
Im Anschluß verschacherten die Iren ihre Andenken. Wohlweislich hatten wir uns schon während dem letzten Lied eingedeckt. Für den Erwerb einer Schallplatte (20 Euro), eines Digipaks (10 Euro) und eines Shirts (20 Euro) machte der graue Mann hinterm Stand einen Diener vor mir, und drückte meine Hand. Wenig später baute sich dort eine hundertköpfige Schlange auf!!! God Is An Astronaut war ein Konzert, das früh begann, das wir ohne auf die Uhr zu schauen in einem entspannten Rahmen genießen konnten, und das von Beginn bis Ende fesselte. Der Troß zog weiter nach Rom...
 
 

Text und Bilder: Heiliger Vitus, 14. Oktober 2015
.:: ABSPIELLISTE GOD IS AN ASTRONAUT ::.
(21.16-22.44)
1. Snowfall
2. Echoes
3. Vetus Memoria
4. Reverse World
5. Worlds in Collision
6. Remembrance Day
7. Helios Erebus
8. From Dust to the Beyond
9. Pig Powder
10. Centralia
11. Forever Lost
12. Agneya
******
13. Route 666
14. Suicide by Star