HAMMER OF DOOM IX
 
SAINT VITUS, ORANGE GOBLIN, AVATARIUM, THE RUINS OF BEVERAST, HAMFERD, MOUNT SALEM, EPITAPH, DOOMOCRACY, MIST, WUCAN
D-Würzburg, Posthalle - 15. November 2014
Sonnabend, 15. November (2. Tag)
 
Am nächsten Morgen waren meine Erinnerungen etwas verschüttet. Vollends ausradiert waren sie indes bei Kischde und Uli von One Past Zero, die bis in die Puppen weitergefeiert hatten, und erst sechs Uhr abends - zu Hamferd - wieder auftauchten. Filmriß, sagt man dazu... Der Tag zwei des Hammer Of Doom hatte zumindest auf dem Papier die meisten bekannten Gruppen stehen. Die gewohnt perfekte Organisation garantierte allemal, daß wir Qualität bekamen. Frisch auf zu zwölf Stunden Dauermusikberieselung mit sieben Gruppen im 45-Minuten-Format und dreien mit mehr als einer Stunde, unterbrochen durch 15 Minuten Umbau. Das entsprach vier Klubkonzerten am Stück. Anders ausgedrückt: erneut mindestens zehn große Becher Bier zu Dreidreißig...
Wer einen neuen Namen entdecken wollte, war mit WUCAN klasse bedient. Zweihundert Leute waren vor Ort, als die Dresdner ihren progressiven Psych Rock zur Mittagszeit von 12.50 Uhr von der Leine ließen. Die Beschallung paßte sich den angeknockten Geistern an, nichts war zu laut, noch herrschte keine Bedrängnis, und auf der Bühne trafen wuschlige Gitarren mit viel Feingefühl, auf die kräftige dunkle Singstimme von Frau Francis, die neben der Elektro- auch eine Akustikgitarre und Querflöte bediente. Die Sachsen wirkten etwas schüchtern, waren aber voller Lebendigkeit und Frische. Vor allem hatten sie eine Frau, die endlich mal singen konnte! Mit einer Neuinterpretation von „Crash Course In Brain Surgery“ setzte es ein sehr metallisches Ende. Wer glaubte, das Original sei von Metallica, irrte. Crash Course stammte von Budgie, der laut Francis „besten Band aller Zeiten.“ Daß die Dresdner so bejubelt wurden, hatte ich nicht erwartet. Ebenso wenig Francis, für die es „eine riesige Ehre war, hier zu sein.“ Im Nachhinein stellte sich heraus, daß wir fast Tür an Tür in der Heimatstadt wohnten - nur um paar Jährchen versetzt.
Sex sells! Punkt 13.50 Uhr wurde es vollends feminin. Gar vier Mädeln standen jetzt vor uns. Blutjunge, geschmeidige Biester, richtig heiße Früchtchen, erweitert um einen Jüngling an der Leitgitarre. Der Fünfer aus Laibach-Slowenien brachte seine Auslegung von Doom Metal zu Gehör. Dabei präfererierte man eindeutig die alte Schule und widmete den Doom-Pionieren Candlemass eine frauengesungene Version von „Bewitched“. MIST hatten zwar das langweiligste Gruppenemblem am Start, aber ein gewisses Talent war nicht zu leugnen (wenngleich sie heute elf Minuten verschenkten). Mit den letzten Akkorden zu „Under The Night Sky“ traf Jochen Fopp von Mirror of Deception in der Halle ein: dreißig Kilo verloren und nun nur noch ein Halm im Wind... Währenddessen wurde Peanut Zeuge, wie sich zwei Knaben ihren Kater schilderten. Der Dialog war kurz und ging so: „Magen? - „Ne, Kopf!“
Traditionellen Doom hatten DOOMOCRACY von der Insel Kreta mitgebracht. Endlich mal was Maskulines an der Front. Dachte man... Denn der Mann hinterm Mikro sah zwar wie einer aus, sang aber wie ein Frauenzimmer auf höchster Stimmlage. Die Griechen waren unoriginell, ohne jeden Zauber, gerieten rasch zur Last - und wollten überhaupt nicht aufhören. Und das alles fand unter diesem grausamen Gruppennamen statt. Kurzum: Doomocracy waren eine bittere Ironie des „Hammer Of Doom“, der manchmal ein „Hammer Of Boredoom“ ist. Nur Nostradamus weiß, was ich in der vierten Stunde trieb.
Ein Totenkopf auf einer Säule mit den Majuskeln EPITAPH, davor Grablichter und ein Knilch, der unter Mütze und Mantel traumverloren auf dem Bühnenrand saß: So begann Schlag 15 Uhr Kapitel eins. In Kapitel zwei gab´s ein Gekreuz aus obskurem Siebzigerjahre-Italo-Prog und schaurigem Proto-Doom, das von einer Theatralik am Rande des Absurden untermalt war. Mal wiegte der Vokalist ein Handtuch sanft wie ein Kind, um es gleich darauf achtlos zu Boden zu werfen. Dann trank er ein geheimnisvolles Elixier, spielte mit einem Schädel, schlug seine Arme zu einem Kreuz, und setzte sich Hörner auf. Später tauchte jemand unter einer schwarzen Mönchskutte auf und gesellte sich als stummer Fünfter zum Bunde. Il Confessore, Loah, The Doomer und Tolly trauten sich was, und waren für mich die Überraschung des Festivals. Kapitel drei spielte sich unmittelbar nach dem Auftritt ab. Der Verrückte hinterm Mikro offenbarte sich als waschechter Italiener, der keine außer seiner Muttersprache spricht, der am Gardasee lebt, und der heute ein Kauderwelsch aus Italienisch und Englisch zelebrierte. So genau wußte der Confessore das selbst nicht. Es waren Geräusche aus der Krypta...
MOUNT SALEM taten mir leid. Wer so viel Hingabe und Liebe in seine Ausstattung und ins Merchandise steckt, wer für Auftritte um den halben Erdenball düst, wer scheinbar nur für die Musik lebt, hat Achtung verdient. Aber die wurde den drei bärtigen Männern und der jungen Lady bisher entzogen. Nachdem Peanut und ich Mount Salem bei den Dutch Doom Days nach kurzer Zeit nicht mehr sehen wollten, mußten wir das heute in aller Ausführlichkeit nachholen. Wird´s besser? Wird´s schlechter? Es hatte sich nichts verändert. Die Gruppe aus dem Präriestaat Illinois bot mit ihrem Langrillendebüt 'Endless' einen etwas versonnenen Mummenschanz zwischen Doom- und Psychedelic Rock, wie er sich seit einiger Zeit epidemisch ausbreitet. Immerhin gab es mit Emily die letzte Femme fatale des Festivals. Ein für Ami-Verhältnisse geradezu unterwürfiges „Thank you, we were Mount Salem“ besiegelte die Darbietung. Womöglich sahen wir Kopplin, Morrison, Hewitt und Davidson zum letztenmal.
HAMFERD waren keine skandinavische Kifferkommune sondern sechs Absonderlinge von den Färöer-Inseln. In ihren smarten schwarzen Anzügen kamen die Herren Aldará, Egholm, Kapnas, Trøðini, Joensen und Johannesen wie ein finsterer Trauerzug daher, sie wogen zusammen ungefähr eine halbe Tonne, und genauso niederdrückend, düster und depressiv war ihre Musik. Abgründiges Gegrunze und glockenklare Vokale verschmolzen mit ultratiefen Instrumenten im Todesmarschtempo. Mit ihrem Funeral Doom servierten Hamferð die schwerste Kost des Tages. Aber sie wirkten etwas überfrachtet und durch ihre Bekleidung auch oft künstlich. Herr Få sah das natürlich völlig anders...
THE RUINS OF BEVERAST waren für mich das heißeste Eisen. Vor den Ruins war ich zum Bersten gespannt. Die Black-Doom-Rotte mit Hauptquartier in Aachen kam zu fünft, zuvorderst mit Herrn von Meilenwald, dem Chefideologen und einzigen festen Mitglied. Man formierte sich rückwärts zum Publikum gewandt. Der Auftakt von „I Raised This Stone as a Ghastly Memorial“ machte ein vierstimmer, beschwörender Chor, es sangen alle außer dem Schlagzeuger. Flackernde Black-Metal-Gitarren ließen an Burzum denken. Darauf setzten hypnotische Orgeln ein. Und dann war nur noch das grobkörnige Organ von Meilenwald zu hören. Mit der ersten Sekunde packten einen die Ruins, und nach ein paar Takten war man ganz in ihrem Bann. Titel mit misanthropischem Hintergrund stimulierten den Geist, und Passagen grau und zäh wie Novembernebel trieben einen hinfort ins Nichts. Zuweilen schimmerte die Klangwelt von Ophis durch. Doch die Klangwelt der Ruins war subtiler und monumentaler, blieb weniger haften, und verschwand genauso schnell aus dem Hirn wie sie dort hineingedrungen war. Sämtliche Teile glänzten mit einer Lauflänge um die zehn Minuten. Ärgerlich, daß ausgerechnet jetzt vor der Bühne ein Geschubse und Gedränge wie auf der Brücke zwischen Midgard und Asgard herrschte. Dazu strahlten die Protagonisten etwas Distanziertheit bis Arroganz aus, und waren vielleicht gerade deswegen das mit Abstand faszinierendste und tiefgründigste Kommando der Nacht. Das war die Endzeit!
Da mir Candlemass und deren Gitarrist und Gründer von AVATARIUM, Leif Edling (der heute fehlte), nichts bedeuteten, und Peanut singende Frauen nicht mehr ertrug, nutzten wir den Auftritt für ein Mahl in der „Orient-Bude“. Draußen lief uns eine Horde mit einer Zellophanpuppe über den Weg. Zurück in der Halle erlebten wir die zwei Schlußteile inklusive der Hymne „Avatarium“. Wir hatten wohl wenig versäumt. Im Licht standen vier alte Haudegen aus der schwedischen Metalszene, vor denen eine hochaufgeschossene Frau mit blonder Steckfrisur und züchtiger, schwarzer Uniform empirische Eleganz verströmte. Dazu bestach die Dame mit barocken Kurven, und sie sollte nach der Schau im engen Beinkleid verführerisch mit dem Hintern wackelnd durch die Menge tänzeln. Avatarium machten dunklen, schweren Doom Metal, der vom rammelvollen Saal stürmisch abgefeiert wurde. Für barocke Rundungen architektonischer Art, hatte sich unterdessen der blonde Riese Hulle interessiert, der den Tag mit einem Rundgang durch die Residenz verbrachte, und nur die Hauptattraktionen sehen wollte. „Na, schon nervös?“ Währenddessen rutschte eine Schweizerin - die Füße in der Luft - von der Bank neben P., wobei deren Handy zu Bruch ging. Die Schweizerin quittierte es mit einem „Gopferdammi!“
Bierselige, aufgepeitschte Gestalten, die viel dummes Zeug in die überfüllte Halle brüllten: So sah´s bei den Nächsten aus. Die englischen Spezialgäste auf Saint Vitus´ großer Europa-Tour bestritten den neunten Akt der Nacht. Anno 1995 formiert, zählen die Goblins längst zu den alten Eisen im Heavy Rock, Stoner Rock, Beer Core, Pub Rock oder wie auch immer man die Ausrichtung betiteln will. Nie ändern wird sich indes deren Leidenschaft fürs Zauberelixir. Millard demonstrierte bereits vorm Auftritt, wie man eine Bierflasche mit einer zweiten Bierflasche öffnet, und drapierte gleich eine ganze Batterie davon vorm Schlagzeug. Punkt 21.08 Uhr ertönte dann die Begrüßung, die zugleich die Stilausrichtung klarmachte: „Okay, Hammer Of Doom! We are ORANGE GOBLIN from London. And we play Rock´n´Roll!“ (Ein Schelm, dem das bekannt vorkam.) Ben Ward gab sich wie immer als abgewrackte Kreuzung aus Lemmy, Conan und Henry Chinaski, und die Posthalle geriet zu einer Folterkammer. Nachdem ich beim Stonerrocker „Blue Snow“ in einem schmalen Durchgang Platz zum Headbangen fand (und dabei von einem Unbekannten mit Teufelszeichen bedacht wurde), krachte es heute das erstemal auch ansatzweise doomig durch „Into The Arms Of Morpheus“. Ferner befahl Ben Ward Unterstützung für Saint Vitus. Die Briten lärmten genau eine Stunde.
Womöglich erlebten Peanut und ich 13 Tage zuvor eine Abschiedsvorstellung von SAINT VITUS, zumindest eine mit Wino. Der Auftritt in Rotterdam war unvergeßlich und hat sich für immer in unser Gedächtnis eingebrannt. Und trotzdem war dort was faul. Keine Kommunikation zwischen Chandler und Wino, kein Blick füreinander, zuviel Alkohol, zynische Bemerkungen... Man ahnte schon, was passieren wird... Und dann erschien im Netz die ungeheuerliche Meldung, daß die norwegische Polizei am 9. November bei Wino Crystal fand, und er nach drei Tagen Haft ohne Möglichkeit auf weitere Auftritte in Europa in die USA abgeschoben wurde. Die Durchsage endete mit „FUCK THAT WEAK SHIT!!!!“... Damit geriet der Hammer Of Doom zu einem weiteren dunklen Kapitel in der langen Geschichte von Saint Vitus. - Bei ihrer 35. Konzertnacht in Folge - ihrer letzten auf dem 'Born Too Late'-Feldzug kreuz und quer über die Alte Welt - gingen Vitus am Stock. Chandler schlich mit grauem Haar und Rucksack wie ein verrotteter Einsiedler an uns vorbei. Ebenso unscheinbar spukte Adams durch die Menge. Einzig Vasquez zeigte sich von den letzten Tagen ungebrochen. Mit Überraschungssänger Gerrit Mutz (Dawn Of Winter) wollte die Legende aus USA antreten. Mutz sollte „War Is Our Destiny“ und „White Stallions“ singen, Schlagzeuger Vasquez „Clear Windowpane“. Der Refrain von „Dying Inside“ wurde von Tourboss John Perez (Solitude Aeturnus), der von „Born Too Late“ vom Publikum gestiftet. Alles andere bestritt Chandler selbst. Ab 22 Uhr ächzte und krächzte Dave seine qualvollen Geschichten von Schmerz, Kummer und Doom mit viel Dreck auf den Stimmbändern ins Mikro. Der verzerrte Sechssaiter, Marks Bass und Henrys Trommeln gaben den vertrauten Geleitschutz, der im Grunde nur in der winzigen Welt des Doom funktionieren kann. Verbitterte bis makabre Ansagen in Richtung Wino erdeten die Darbietung. Doch Würzburg war nichts als Mythenzerstörung. Nach 75 Minuten und dem finalen Veitstanz „Saint Vitus“ rieben Dave und Mark ihre Gitarren aneinander und nahmen nach 35 Jahren womöglich Abschied für immer. Das Ende glich einem Scherbenhaufen.
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
ORANGE GOBLIN
(21.08-22.08 / ohne Gewähr)
1. Scorpionica
2. Acid Trial
3. Saruman's Wish
4. Sabbath´ Hex
5. Heavy Lies the Crown
6. Blue Snow
7. Some You Win, Some You Lose
8. Into the Arms of Morpheus
9. The Devil´s Whip
10. The Fog
11. They Come Back (Harvest of Skulls)
12. Quincy the Pigboy
13. Red Tide Rising
 
SAINT VITUS
(22.30-23.45)
1. Living Backwards
2. I Bleed Black
3. War Is Our Destiny
4. White Stallions
5. The Lost Feeling
6. War Starter
7. H.A.A.G.
8. Dying Inside
9. Clear Windowpane
10. Born too Late
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11. Saint Vitus
Epilog
 
Sonntag, 16. November
 
Unser Aufbruch verlief ebenso frei von Gefühlen wie vor einem Jahr. Schon damals hatte sich die Posthalle schlagartig mit der letzten Gruppe (While Heaven Wept) entseelt. Halb eins wurden Kischde, P. und ich als welche der letzten Teilnehmer vom Saalschutz regelrecht rausgekegelt. Während Hammer Of Doom schon wieder Geschichte war, öffnete das „Ludwig“ gegenüber unserer Wohnung gerade seine Türen zum Würzburger Clubleben. - - Da unser planmäßiger ICE mit Verspätung angekündigt war, durften wir auf einen anderen Zug umbuchen. Wir haben Würzburg zwei Stunden früher als geplant - am späten Sonntagvormittag - verlassen. Möglicherweise für lange Zeit. Saint Vitus werden durch die Hölle gehen......
 
Salutionen gehen an
Die Doombrüder Hulle und Kischde
Jochen (Mirror of Deception)
Tania und Eloy (Reino Ermitaño)
Oli (Doom Dealer)
Peanut (Goddess of Doom)
 
Ein donnerndes Fuck you an
Die Äffchen im „Fotograben“
 
 
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Text und Bilder: Heiliger Vitus, 21. November 2014